Gesellschaft ohne Opposition?

Paralyse der Kritik Unter diesen von Herbert Marcuse entlehnten Motto stand die diesjährige Konferenz der Neuen Gesellschaft für Psychologie (Ngfp), die am Wochenende in Berlin stattfand.
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Zum 50ten Jahrestag der sogenannten 1968er stapeln sich die Bücher, die an dieses Ereignis erinnern, dass mehr als eine Jahreszahl war. Die Frage müsste er lauten, ist es nicht schon eine Verzerrung, es auf eine Jahreszahl zu reduzieren. Die Neue Gesellschaft für Psychologie (NGfP) sieht sich nicht nur zum Jubiläum in der Tradition des Aufbruchs von 1968er. Jährlich organisiert einen Kongress, lange am Campus der Freien Universität. Dort erinnerte sie unter Anderem an einen wichtigen Stichwortgeber des Aufbruchs wie Peter Brückner. In Zeiten, in denen die kritische Opposition die Hochschulen verlassen hat, musste auch die NGfP ihr Domizil in den Räumen der Rosa-Luxemburg-Stiftung suchen. Dort fand am letzten Wochenende der Kongress unter dem Motto „Paralyse der Kritik – Gesellschaft ohne Opposition“ stand, das Herbert Marcuse, einen weiteren wichtigen Stichwortgeber d es globalen emanzipatorisch-revolutionären Aufbruchs statt. Wie ein schwarz-roter Faden zog sich die Frage durch die Panels und Arbeitsgruppen der drei Tage. Haben wir es aktuell wie 1968 erneut mit einer Gesellschaft ohne Opposition sind oder verbieten sich kurzschlüssige Analogien eher.

Der augenfällige Unterschied liegt in dem Ende des autoritären Staatssozialismus im Weltmaßstab. Nicht etwa, weil er ein Modell für die Linke war. Ganz im Gegenteil, der Historiker Karl-Heinz Roth betonte in seinen vielbeachteten Impulsreferat am Samstagmorgen noch einmal, dass es sich bei der Revolte, die mit einer Jahreszahl verknüpft wird, um einen globalen Aufstand gehandelt, der auch staatssozialistischen Polen und Tschechien seine ersten Niederlagen fand. Aber auch die schärfsten Kritiker_innen dieses Staatsozialismus respektive Staatskapitalismus hatten den Vorteil, sich genau an den Modell abarbeiten und so ihre Alternativen präsentieren zu können.

Nicht alle marschierten durch die Organisationen

Das machte Karl Heinz-Roth in einen Exkurs deutlich, wo er darauf hinwies, dass sich der SDS, die große Studierendenorganisation der USA 1969 auflöste, die Schwesternorganisation in der BRD bereits ein Jahr früher. Während aber dort viele in die SPD, DKP oder maoistische Parteien eintraten, ging ein Teil der US-Studierendenkader erst einmal in den Untergrund, den Weather-Underground, eine militante Organisation, gegründet von weißen Intelektuellen, die den Kampf der Black Panther unterstützen wollten, die damals in den schwarzen Ghettos erstarkte und im wahrsten Sinne des Wortes auf der Abschussliste der US-Repressionsorgane stand. Deren Politikmodell sah sich im Kontext einer linken Opposition gegen den Staatssozialismus. Diese linke Oppossition wurde Mitte der 1960er Jahren von Kuba unterstützt. Dort setzte man nicht mehr als Volksfront, also das Bündnis mit den bürgerlichen Kräften sondern auf linke militante Stadtteilpolitik wie die Black Panther oder gleich ganz auf die Guerilla wie Che Guevara. Das machte deutlich, wie sich auch in Abgrenzung und Reibung zu staatssozialistischen Konzepten neue linke Vorstellungen entwickelten. Roth hat darauf aufmerksam gemacht, dass auch in Westeuropa auch in der BRD für einige der linken Intelektuellen der militante Untergrund eine Option war. Er bedauerte, dass diese Geschichte bis heute nicht erzählt und geschrieben werden kann, weil noch immer juristisch ermittelt wird. Da hätte man sich gerade von Karl-Heinz Roth mehr Details gewünscht. Schließlich könnte Roth übe die militante Linke der 1970er Jahren Informationen beisteuern, die nach dem Vorbild der italienischen Potere Operaia eine Synthese von Arbeiter_innenkampf und militanter Politik versuchte. Bei einem Treffen mit militanten Linken gerieten sie in eine Polizeikontrolle. Werner Sauber wurde von der Polizei erschossen, Roth kam lebensgefährlich in Isolationshaft, wurde 1977 von allen Vorwürfen freigesprochen und ist seitdem Teil der außerparlamentarischen Linken. Es wäre doch sehr bedauerlich, wenn er seine Erfahrungen mit eine weitgehend unbekannten Stück linker Geschichte mit ins Grab nehmen würde.

Wie aus dem Individualismus der Egotrip wurde

Eine Stärke des Kongresses bestand dahin, dass immer wieder auch die Frage gestellt wurden, wie Akteur_innen der 1968er Bewegung den Kapitalismus mit stabilisieren halfen, anfangs oft gegen deren Willen. So hat Roth in seinen Vortrag dargelegt, wie die Betonung des Individuums zum Egotrip und zum Selfismus wurde und auch die Funktion veränderte. Anfangs stärke die Betonung der Individualität den Widerstand gegen die Verhältnisse, die die Menschen auch persönlich nicht mehr aushalten wollten. Doch der heutige Selfismus verhindere jede Solidarität. Roth wie die meisten anderen Referent_innen vermieden allerdings moralische Kritik und verwiesen auf die massive Prekarisierung der Lebens- und Arbeitsbedingungen. Karl-Heinz-Roth erklärte, dass er selber als „bekannte rote Socke“, und dicker Verfassungsschutzakte immer sofort einen Job als Assistenzarzt bekommen habe, was heute undenkbar wäre. Mit der Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse hingegen sei die Angst wider das beherrschende Gefühl vieler Menschen geworden, doch Angst mobilisiert in der Regel nicht sondern lähmt. Das Unbehagen an den Verhältnissen ist deshalb nicht verschwunden, aber nicht der Widerstand dagegen sondern das Sich Einrichten in den Verhältnissen werden zum Maßstab. Dass machte die Erziehungswissenschaftlerin Andrea Kleeberg-Niepage an Texten von jungen Erwachsenen, , einer Gymnasiastin und einer Hauptschülerin, deutlich, die formulieren sollten, was sie von der Zukunft erwarteten. Unzufriedenheit mit den Verhältnissen war durchaus vorhanden, aber es herrschte die Vorstellung, wenn ich es nicht schaffe, ist es mein eigenes Verfahren. Gesellschaft wurde in dem Schreiben nicht adressiert und so war es nur folgerichtig, dass es auch keine gesellschaftskritischen Gedanken gab.

Ein Blick über den Tellerrand

Dass es im globalen Maßstab auch heute eine Opposition gab und gibt, kam auf der Konferenz etwas zu kurz. Rojava wurde gar nicht erwähnt. Da war es erfreulich, dass die Ethnologin Raina Zimmering an den Zapatismus erinnerte, der durchaus über Mexiko hinaus Ausstrahllung hatte und noch hat. Viele Teilnehmer_innen äußerten ihre Zufriedenheit, dass hier auf einer Konferenz, die sich dem globalen Aufbruch von 1968 widmet, auch ein Blick über den eigenen Tellerrand geboten wurde. Bei künftigen Kongressen sollten diese Stimmen mehr Raum gegeben werden.

Peter Nowak

Homepage der Neuen Gesellschaft für Psychologie:

https://www.ngfp.de

00:46 13.03.2018
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