Herr Weimar und die Enkel 2072

Familengeschichten In Berlin setzen sich zwei Theateraufführungen völlig konträr mit der eigenen Vergangenheit und der der Eltern und Großeltern auseinander.
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„Jetzt bekomme ich doch noch was vom Krieg mit“. „Der Russe wird überall besiegt, womöglich noch ganz ohne uns“. „Mein Bedarf an Krieg ist noch nicht gedeckt“. Das sind einige Zitate aus dem Kriegstagebuch von Wolfgang Weimar. Sie werden so oder ähnlich von vielen Mitgliedern der deutschen Volksgemeinschaft auf ihren Mordzug durch Europa verfasst worden sein. Weimars Ergüsse sind nun bekannt, weil sie die Ouvertüre für ein bemerkenswertes Theaterstück auf der Studiobühne des Deutschen Theater geben. „Geschichten von hier IV - Was bleibt“, heißt es. Regie führte Frank Abt und Nele Luisa Sommer, Rouven Stöhr, Nils Strunk, Simone von Zglinick, vier Student_innen der Hochschule Ernst Buch stehen am Beginn inmitten von alten Bildern, antiken Fotoapparaten und einem Teddybär, der wie Wolfgang Thierse aussieht. So sieht es wohl nach einer Haushaltsauflösung aus, wenn ein Mensch stirbt oder ins Heim geht. Mitten in dem Gewimmel finden sich die Kriegstagebücher, aus denen die Schauspieler_innen in den ersten 20 Minuten abwechselnd vorlesen. Es ist einer der Höhepunkte des Theaterabends, denn selten bekommt man das deutsche Denken jener Jahre so komprimiert vorgesetzt. Die Furcht, beim Krieg gegen die Russen womöglich nicht rechtzeitig an die vorderste Front zu kommen wechselt zu Larmoyanz und Selbstmitleid, sobald man selber eine Kugel verpasst bekommen hat. Bald aber wird wieder über die „schaurige Schönheit“ eines brennenden russischen Dorfs oder die Überlegenheit der "nordischen Rasse" schwadroniert. „Ob ich wohl durchkomme?“ „Jetzt werden wir aufräumen“, diese beiden Sätze sind typisch für die Millionen autoritärer Charaktere, die raubend und mordend durch Europa gezogen sind. Als das Ende des Tausendjährigen Reiches nicht mehr zu übersehen waren, paarten sich auch bei Weimar Untergangsphantasien mit Durchhalteparolen. Der NS-Führungsoffizier sorgt bis zum Schluss für die richtige deutsche Gesinnung und zum Warschauer Aufstand schreibt Weimar nur der lapidare Satz ein: „Scharfschützen und MG werden erledigt“. Nachdem die Soldaten der Anti-Hitler-Koalition dafür gesorgt haben, dass der Radius von Wolfgang Weimar eng wurde, begann erdoch über eine Zeit nach dem Nationalsozialismus nachzudenken. Plötzlich wollte er ein „Wanderer zwischen den Welten“ sein, einen Ausweg zu kennen und weiter für ein 4. Reich zu arbeiten.

Da brechen die Lesungen ab. Die Theaterzuschauer_innen werden in 3. Gruppen aufteilt, die eine Wanderung durch das Deutsche Theater aufnehmen und in verschiedenen Räumlichkeiten weiter der Vergangenheit nachlauschen.

Glücklich in der DDR

Ein Leben in der DDR in drei Generationen wird auf einer der drei Stationen besichtigt. Die resolute Mittfünfzigerin fällt ihren Vater schon mal ins Wort, wenn der zu ausschweifend von seinen Kindheitserinnerungen erzählt. Die Frau bekennt offen glücklich in der DDR gelebt zu haben, sich im Berufverwirklicht zu haben und nach der Wende aus der Sozialhilfe nicht mehr herausgekommen zu sein. Sie inszeniert sich als starke Frau, „die ihre Brut durchbekommen hat“.Die Tochter wiederum scheint den Anschluss in die neue Zeit geschafft zu haben, bleibt aber eher blass.Nach ca. 30 Minuten ist dieser Geschichtsausflug vorbei und die Theaterbesucher_innen essen zum Abschluss gemeinsam eine Gemüsesuppe. Sofort bilden sich Gesprächsgruppen, die über die dargebotene Geschichtslektion im Allgemeinen und ihre eigenen Familiengeschichten im Besonderen sinnierten. Die Utensilien auf der Bühne wurden besonders genau betrachtet. Das Kissen sieht aus, wie das von Oma, erklärte eine Frau ihrem Partner. Beiläufig wurde noch über das zweite Leben des Kriegstagebuchschreiber Wolfgang Weimar infomiert. Er wurde CDU-Politiker in Schleswig-Holstein und fungierte dort 10 Jahre als Landtagsabgeordneter. Auf Wikipedia hieß über den im Kriegstagebuch behandelten Zeitraum.

Von 1940 bis 1945 war er Soldat und kehrte kriegsversehrt aus dem Zweiten Weltkrieg zurück.“ Von seiner Rolle als NS-Führungsoffizier wird hier ebenso geschwiegen wie von seiner Beteiligung bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstands. Wesentlich ausgeschmückter wird über Weimars weiteren Werdegang berichtet. „Er studierte Geschichte, Geographie und Latein und war ab 1949 im Höheren Schuldienst des Landes Schleswig-Holstein. Von 1959 bis 1969 war er Fachleiter für Geschichte und politische Bildung am Studienseminar Flensburg.“ Eine Fragebleibt dann doch. Hat Weimar mit seinem politischen Engagement im Nachkriegsdeutschland seinen spezifischen Teil für die Errichtung eines 4. Reiches geleistet, was er sich ja laut seinem Tagebuch nach dem Ende der NS-Herrschaft vorgenommen hat?

Meine Enkel 2072

Im DT wird die Familiengeschichte einer Generation vorgeführt, die noch die längste Zeit ihres Lebens in einer Welt ohne Internet gelebt haben. Sie blättern noch in Fotoalben und klicken nicht auf Facebook, wenn sie Porträts ihrer Familienmitglieder betrachten wollen. Wie aber wird eine künftige Generation mal über die Geschichte ihrer Vorfahren nachdenken, wenn Familie eine begrenzte temporäre Beziehung ist? Darauf gibt das futuristische Theaterstück „Mein Enkel 2072“ unter der Regie von Zino Wey“ einige Hinweise. Es hatte kürzlich im Theaterdiscounter Premiere und führt in eine Welt, in der alles konstruiert ist, Familie eher für das Museum ist und sich alle immer wieder Fragen über ihre Identität stellen. Doch die Lust am Erzählen ist ihnen geblieben.
Das Erzählen steht im Mittelpunkt dieses Theaterabends. In den Lebensbetrachtungen ist schon sehr bald nicht mehr eindeutig, ob fantasiert oder erinnert wird, ob von Enkeln, Vätern, Großmüttern oder dem eigenen Leben die Rede. Besonders eindrucksvoll sind die Szenen, in denen die sich das Kinder- Eltern-Verhältnis umkehrt. Schließlich gehörte es seit jeher zum Lamento der Eltern, dass ihre Kinder am Telefon kurz angebunden sind, das Handy abschalten und möglichst jeden Kontakt nach wenigen Minuten mit einer Ausrede beenden. In „Meine Enkel 2072“ geht nur der Anrufbeantworter dran, wenn die erwachsenen Kinder ihre Eltern anrufen und wenn aus versehen mal doch der Anruf angenommen wurde, betonen die Elternnach einen unfreundlichen „Was ist?“, dass sie jetzt ganz schnell wieder auflegen müssen, weil ihr nächstes Date beginnt. „Was uns bleibt?“ und Meine Enkel 2072“ sind zwei konträre Möglichkeiten über Familiengeschichte nachzudenken. Das macht sie reizvoll. Ob etwafrüher alles besser war, als die Eltern immer erreichbar waren? Diese Frage verbietet sich angesichts des kriegstagebuchschreibenden Wolfgang Weimar und seiner Nachkriegskarriere. Soviel Blut hatten die Enkel 2072 zumindest nicht an den Händen.

Geschichten von hier IV: Was uns bleibt

Die nächste Aufführung gibt es im Deutschen Theater heute um 20 Uhr

https://www.deutschestheater.de/spielplan/spielplan/geschichten_von_hier_iv/

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MEIN ENKEL 2072


Rauschen aus dem Lautsprecher als käme es aus dem Weltall, aus der Rakete

Mit Oliver Goetschel / Anne Haug / Benjamin Mathis Regie Zino Wey Text Ariane Koch Raum Moïra Gilliéron Bühnenmitarbeit Livia Krummenacher Kostümmitarbeit Laura Woodtli Dramaturgische Beratung Carena Schlewitt und Tobias Brenk (Kaserne Basel)

MEIN ENKEL 2072 ist das erste gemeinsame Projekt von Moïra Gilliéron, Ariane Koch und Zino Wey. Sie bewegen sich im Umfeld von Theater und Kunst und interessieren sich insbesondere für Familiengeschichten, Haustiere, das Weltall und nicht-konventionelle Theaterpraktiken. Moïra Gilliéron arbeitet als Bühnenbildassistentin am Maxim Gorki Theater in Berlin. Ariane Koch realisiert Projekte in den Bereichen Bildende Kunst und Theater. Zino Wey arbeitet zur Zeit als Regieassistent an den Münchner Kammerspielen, wo er wiederholt eigene Projekte inszenierte.

nächse Termine bitte der Webseite des Theaterdiscounters entnehmen:

http://theaterdiscounter.de/stuecke/mein-enkel-2072

15:37 29.04.2014
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