Hier fliegt niemand mehr ab

Sonambiente-Festival Im Rahmen des Klangkunstfestivals kann der zur Zeit schönste, weil stillgelegte Airport der Welt bis Sonntag noch mal besucht werden
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Mister Ernst Bloch, bewegen Sie sich zum Gate 3“. „Letzter Aufruf an Erich Mühsam und Pjotr Kropotkin“. Solche Durchsagen schallen in diesen Tagen durch die Abflughalle des Flughafen Tegel. Selbst für Menschen, die nicht sofort erkennen, dass es sich hier um Personen handelt, die schon lange nicht leben, wird klar, dass sich hier niemand sputen muss. Denn vom Flughafen Tegel fliegt niemand mehr ab. Die Anzeigetafeln sind leer. Der leere Hangar wird vielmehr noch bis zum 5.9. ein letztes Mal vom Sonambiente-Festival mit Klangkunst bespielt. Neben Blixa Bargeld, der für die Aufrufe an Bloch und Co. verantwortlich ist, versuchen auch die Künstler*innen Laurie Anderson, Susann Philipsz und Emaka Ogboh noch einmal ein Flughafen-Feeling am Hangar Tegel zu erzeugen. Doch das gelang nicht wirklich in der leeren Halle und den Innenhof, in dem sich schon Pflanzen und Sträucher aus dem Beton wachsen. Die Tauben, die schon am Flughafen Tegel als gefiederte Untermieter*innen nicht nur für Freude bei den Passagier*innen sorgten, müssen den Hangar jetzt nur mit den Festival-Besucher*innen teilen.

Ein letzter Gruß von Tegel-Nostalgiker*innen

Viele kommen nicht in erster Linie wegen der Kunstinstallationen, sondern weil sie noch einmal einen abgewickelte Flughafen inspizieren wollen. Schließlich ist jetzt das ganze Gebäude ein Gesamtkunstwerk. Ob auch Tegel-Nostalgiker*innen unter den Besucher*innen sind? Zumindest einige Abschiedsbriefe von ihnen sind am Eingang an einer Wand gepinnt. Dort klagt ein Marco S., der angibt, viele Jahre am Airport beschäftigt gewesen zu sein, dass der Flughafen „gegen den Willen der Berlinerinnen und Berliner“ geschlossen wurde. Nun gibt es keine Daten, die das belegen. Wenn ein anderer Tegel-Nostalgiker Abschied „vom schönsten Flughafen der Welt“ nimmt, weiß natürlich niemand, wieviele andere Flughäfen er kennt. Ich denke aber, er hat recht. Aktuell ist der Airport Berlin-Tegel der schönste Airport der Welt, weil eben die Flugzeuge am Boden bleiben und die CO2-Bilanz nicht mehr erhöhen können. Stattdessen ist die Kunst in die Hallen eingezogen. Mit der Installation „to the moon“ von Laurie Anderson und Hsin-Chien Chung kann man für 15 Minuten in eine futurische Landschaft abtauchen, die am Ende in der Dystopie endet. Ein Abgrund taucht in der Mondlandschaft auf, in den der Planet Erde hineinstürzt. Man kann schon kritisieren, dass hier eine apokalyptische Tendenz, die in der Kunst in letzter Zeit zunimmt, auch hier bedient wird. Zumindest ist die Apokalypse hier gut inszeniert. Ist zudem nicht ein ehemaliger Flughafen, der ja einen Anteil am Klimawandel beigetragen hat, ein geeigneter Ort für solche Interventionen?

Interim zur Urban Tech Republic

Doch es ist nur ein Interim auf dem Weg zur Urban Tech Republic. Vielen dürfte er Name noch unbekannt sein. Doch diese neue Destination steht bereits auf den Buslinien, die die Gegend anfahren. Anders als in Tempelhof gab es in Tegel keine Initiative, die dafür eingetreten ist, dass das Airport-Gelände einer erneuten kapitalistischen Verwertung entzogen wurde.

So hatte er als Gesamtkunstwerk erhalten bleiben können. Mindestens einmal im Jahr hätten ein Sonambiente-Festival sowie Konzerte aller Art stattfinden können. Beim Palast der Republik sind solche Ansätze bekanntlich gescheitert, aber sie wurden wenigstens diskutiert. Beim Flughafen Tegel hat man davon nichts gehört. So wird das Areal bald vom digitalen Kapitalismus usurpiert. Wer das Gesamtkunstwerk Airport Tegel vorher noch mal besuchen will, muss sich beeilen. Das Sonambiente-Festival geht am Sonntag zu Ende. Hier können Tickets gebucht werden https://sonambiente.berlin.



Peter Nowak



16:06 03.09.2021
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