Historische Amnesie

Robert Menasse Nun hat der Publizist und Romancier seinen Zuckmayer-Preis bekommen und die Debatte über seine Fiktion dürfte bald verebben.
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Hier sollen nur noch mal einige Punkte aufgegriffen werden, die in der Debatte um Menasse, nicht erwähnt worden, auch nicht im Freitag-Beitrag "Freispruch für Menasse" (https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/menasse-verstehen ). Bekanntlich hatte Menasse Walter Hallstein in einen falschen historischen Kontext gestellt, den jeder hätte sofort erkennen müssen.

Dass er ausgerechnet Walter Hallstein wieder ausgegraben hat und ihn in Auschwitz 1958 seine Antrittsrede als Kommissionspräsident der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) halten lässt, ist auch ein Ausdruck der allgemeinen historischen Amnesie. Jeder hätte sofort merken müssen, dass im Jahr 1958 in Auschwitz, das im Bereich des Warschauer Vertrags lag, kein EWG-Präsident eine Rede halten konnte. Zudem scheint kaum mehr präsent, dass auch für die Politik der BRD Auschwitz zu dieser Zeit kein Thema war. Schließlich lebten damals noch fast alle Täter*innen und die willigen Vollstrecker*innen. Und es lebten auch die, die sich an den deportierten Jüdinnen und Juden bereichert hatten.

Linke, die Ende der 1950er Jahre an die NS-Verbrechen erinnerten, wie der Westberliner Student Reinhard Strecker oder der damalige Tübinger Student Herman L. Gremliza wurden heftig angefeindet.

Als der damalige Generalstaatsanwalt von Hessen, Fritz Bauer, die Verbrechen von Auschwitz vor Gericht bringen will, befindet er sich in Feindesland. Doch die von Bauer vorangetriebenen Auschwitz-Prozesse haben erst das Schweigen über die Massenvernichtung in der BRD beendet. Es ist also für jeden Menschen mit etwas historischem Wissen klar, dass Hallstein 1958 keine Rede zur EWG in Auschwitz gehalten haben kann.

Hallstein war einer der Schöpfer der Deutsch-EU

In den Freitag-Beiträgen wird nicht nur eine Ehrenrettung für Robert Menasse versucht, was man verstehen kann, wenn man liest, wie der Linksliberale von rechts angegriffen wird. Der Kollege Michael Angele versucht sich gleich noch eine Ehrenrettung von Walter Hallstein und nimmt ihn gegen den Vorwurf in Schutz, die Ziele des deutschen Imperialismus unter EU-Dach umgesetzt zu haben. Die Hallstein-Kritiker*innen werden von ihm flott und ohne jegliches Argument als EU-Hasser gebrandmarkt. Dabei hatten die Kritiker*innen recht.

Hallstein war ein typischer Vertreter des deutschen Imperialismus, der nach der Zerschlagung des NS erkannte, dass man jetzt die EU braucht, um die Niederlage Deutschlands von 1945 rückgängig zu machen. Hallstein war da an exponierte Stelle. Manchen ist er noch wegen der nach ihm benannten, 1969 obsolet gewordenen Doktrim bekannt. Ihr zufolge waren diplomatische Beziehungen, die Staaten mit der DDR knüpften, von der BRD als unfreundlicher Akt zu bewerten. Das war BRD-Imperialismus pur.

2019 hat die Deutsch-EU viel von dem erreicht, was Hallstein in den 1950 Jahren vorschwebte. Es ist daher unverständlich, dass Angele Hallein von dem damals schon von schlaueren Köpfen vor allem außerhalb Deutschlands erhobenen Vorwürfe gegen Hallstein und Co. ohne Begründung zurückweist.

Der Redakteur der Jüdischen Allgemeinen, Ingo Way, verweist (https://www.juedische-allgemeine.de/meinung/die-besondere-ironie-im-fall-menasse/ ) auf Hallsteins Biographie, um auf die besondere Perfidie hinzuweisen, ausgerechnet mit einer solchen Figur Auschwitz zu instrumentalisieren.

Für Hallstein, der als Juraprofessor während des "Dritten Reichs" Mitglied in mehreren NS-Organisationen war, unter anderem im "Nationalsozialistischen Rechtswahrerbund", der Berufsvereinigung der Juristen in Nazideutschland, und im Zweiten Weltkrieg als Leutnant der Wehrmacht in Frankreich diente, spielte in seinem politischen Denken (auch wenn er wohl kein glühender Nazi gewesen war) Auschwitz nie eine besonders große Rolle - ebenso wenig wie für die übrigen Gründungsväter der EWG.

Ingo Way, Jüdische AllgemeineAuschwitz als EU-Gründungsmythos?

Peter Nowak

13:36 20.01.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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