Die Revolution wurde vertagt

Julian Rosefeldt Münchner Filmregisseur präsentiert noch bis zum 10. September mit Euphorie eine Videoinstallation, die die Gier ins Zentrum der Kapitalismuskritik rückt.

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Wenn man die dunkle Halle 5 im Zollverein in Essen betritt, fallen zunächst die jungen Menschen auf, die wie in einer Kette nebeneinander stehen. Darüber sind Musiker*innen mit ihren Instrumenten einblendet. Doch dann fällt die ganze Aufmerksamkeit auf die große Leinwand. Dort wird fast zwei Stunden ein Film vorgeführt, der das Publikum sofort in seinen Bann zieht. Es sind sehr unterschiedliche Szenen aus den spätkapitalistischen Alltag, die dort von Schauspieler*innen in der Videoinstallation Euphorie nachgespielt werden. In einer Episode sieht man Obdachlose in einer verlassenen Fabrikanlage, die an einen kalten Wintertag ihr Frühstück an einer Feuertonne im Hof vorbereiten. Eine andere Szene zeigt Jugendliche, die nach der Schule ebenfalls auf einer verlassenen Brache abhängen, die sie sich mit alten Möbeln wohnlich eingerichtet haben. Eine sehr eindrucksvolle Sequenz zeigt Arbeiterinnen, die in einer großen Halle Waren verpacken und scannen. Man fühlt sich sofort an das Modell Amazon erinnert. Künstlerisch besonders gelungen ist die Fahrt eines Taxifahrers mit einen stummen Gast durch das nächtliche winterliche New York, vorbei an einen kleinen Riot mit brennenden Mülltonen, einer Beerdigung und einer einsamen Braut. Die ganz Zeit hält der Fahrer hochphilosophische Monologe. Bei allen Szenen deklamieren die Schauspieler*innen, die die unterschiedlichen Menschengruppen spielen, soziologische und philosophische Texte, der letzten 2000 Jahre, von der Antike bis zur Gegenwart also, die sich um die menschliche Gier drehen. „Sie öffnen den Blick auf die Genese des Kapitalismus und seiner pervertierten Form, der völlig enthemmten neoliberalen Marktwirtschaft, wie wir sie heute erleben“, erklärt Julian Rosefeldt zu seiner Arbeit. Der in München geborene und dort an der Akademie lehrende Regisseur ist für seine gesellschaftskritischen Videoarbeiten bekannt. In der 2009 entstandenen Videoinstallation American Night lässt er 5 Schauspieler Texte deklamieren, die eine wichtige Rolle für den amerikanischen Mythos spielen. Die Installation Manifesto von 2012 war Rosefeldts bisher aufwendigste Arbeit. Dort werden auf 12 Kanälen aus den unterschiedlichsten politischen Manifesten zitiert, die in der menschlichen Geschichte eine wichtige Rolle spielten. An diese Arbeiten knüpft Rosefeldt in Euphoria an, die noch bis Ende der Woche im Rahmen des Festivals Ruhrtriennale im Essener Zollverein zu sehen ist.

Die Verfremdungseffekte , die dadurch eintreten, dass oft sehr theorielastige Textfragmente an völlig ungewohnten Orten gesprochen werden, machen den Reiz von Rosefeldts Arbeiten aus. Natürlich besteht immer die Gefahr, dass Text und Darstellung unverbunden nebeneinanderstehen. In Euphoria hingegen verbinden sich Text und Bild so, dass man in den einzelnen Szenen die Dialoge gebannt verfolgt. Besonders beeindruckend sind die wütenden Dialoge der Logistikarbeiterinnen. Die Szene beginnt mit der Feststellung, dass es für sie eigentlich keinen Grund gibt, die Revolution nicht zu machen. Es ist eine Klassenwut, die nicht nur aus den Worten sondern aus gesamten Mimik und Gestik einer älteren Arbeiterin spricht, die als Wortführerin in der Szene nicht nur mit ihren Bossen sondern auch mit einer sich liberal gebenden Mittelschicht abrechnet, die immer den Eindruck mache, sie wollte die Welt besser machen. Dabei will auch sie nur ihre Privilegien verteidigen.

In mehreren Szenen kommen Panzer ins Bild, einige sind zerstört. Es sind Reminiszenzen an den Ukraine-Krieg, von dem die Künstler*innen direkt betroffen. Ein Teil der Szenen für die Kunstinstallation wurde aus Kostengründen in der Rosefeldt in der Ukraine produziert. Zu Kriegsbeginn mussten die Künstler*innen das Land verlassen, konnten aber die Szenen in Bulgarien weiter drehen. Die Installation ist künstlerisch gelungen, auf der inhaltlichen Ebene wirft sie aber viele Fragen auf. Sie ergeben sich vor allem daraus, dass Rosefeldt den Kapitalismus mit der Kategorie der Gier und nicht der Ausbeutung erklären will. Am Ende kommt dann heraus, dass irgendwie alle verstrickt sind, weil die Gier ja menschlich sei. So wird die in manchen Szenen angemahnte Revolution abgesagt. Auch die rebellischen Jugendlichen fahren nach mit dem Skateboard zum Abendessen nach Hause.

Peter Nowak

Euphoria“ von Julian Rosefeldt, Ruhrtriennale 2022, bis 10. September

https://www.ruhrtriennale.de/de/kalender/euphoria/784

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