Keine Flugscham bitte

Recht auf Mobilität Hört endlich auf zu Fliegen, fordert Susanne Götze und reiht sich ein in eine Phalanx von Autor*innen, die wegen der Umwelt das Recht auf Mobilität einschränken wollen.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Schon vor einigen Wochen hatte der Umwelt-Redakteur der Taz Bernhard Pötter die These vertreten, dass alles zu loben ist, was das Fliegen teurer macht. Ähnlich argument Götze im Freitag (https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/hoert-endlich-auf-zu-fliegen) und bezieht sich ausdrücklich auf Initiativen wie Flugshame etc. Nun müsste man zunächst fragen, an wen richtet sich ihr Aufruf:

An die global agierenden Umweltaktivist*innen, die natürlich oft auch Vielflieger*innen sind? Denn ist ja bekannt, dass gerade das grüne Milieu auf das Fliegen nicht verzichten will. Das hat eine Umfrage des Umweltbundesamt noch mal bestätigt:

Wer mehr Geld hat, verbraucht meist mehr Energie und Ressourcen - und zwar unabhängig davon, ob sich jemand als umweltbewusst einschätzt oder nicht. Das zeigt eine neue Studie des Umweltbundesamts (UBA). UBA-Präsidentin Maria Krautzberger: "Mehr Einkommen fließt allzu oft in schwerere Autos, größere Wohnungen und häufigere Flugreisen - auch wenn die Menschen sich ansonsten im Alltag umweltbewusst verhalten. Aber gerade diese 'Big Points' beeinflussen die Ökobilanz des Menschen am stärksten. Der Kauf von Bio-Lebensmitteln oder eine gute Mülltrennung wiegen das nicht auf." Vor allem Fernflüge, das Auto, der Dämmstandard der Wohnung und deren Größe und der Konsum von Fleisch entscheiden darüber, ob jemand über oder unter dem CO2-Durchschnittsverbrauch liegt. Daher haben Menschen mit hohem Umweltbewusstsein laut Studie nicht zwangsläufig eine gute persönliche Ökobilanz. Menschen aus einfacheren Milieus, die sich selbst am wenigsten sparsam beim Ressourcenschutz einschätzen und die ein eher geringeres Umweltbewusstsein haben, belasten die Umwelt hingegen am wenigsten.

Umweltbundesamt

Daher bedeutet die Forderung von Pötter und auch von Götze, dass Fliegen ein Privileg der Reichen bleibt, die Minderheit, die es sich leisten kann, die Umwelt noch stärker zu belasten. Sie zahlt schließlich dafür. Wer kein Geld hat, soll zu Hause bleiben. Der in Ökoreformkreisen beliebte Begriff von der imperialen Lebensweise erweist sich hier als Nebelkerze. Es sind die bekannten kapitalistischen Mechanismen, die hier wirken.

Bewegung und Klasse

Es war seit Jahrhunderten das Bestreben der herrschenden Klassen, dafür zu sorgen, dass die Subalternen sich nicht schneller fortbewegen als sie. Daher verdammten sie auch die ersten Eisenbahnen, die - so behäbig sie auch nach unseren Vorstellungen waren - den Pferdekutschen der Adeligen mühelos davon fuhren. Die Eisenbahnen wurden auch von den Kanzeln der Pfaffen als Teufelszeug verdammt und herrschaftliche Kopflanger*innen versuchten zu beweisen, wie schädlich das Fahren mit der Eisenbahn für Leib und Seele der Menschen sei. Auch die Umwelt wurde schon in Anschlag gebracht, die vor dem Massenfortbewegungsmittel Eisenbahn geschützt werden sollte.

Als mit der ersten Klasse die Rangordnung auch im Zug hergestellt wurde, wurde der auch von der Oberschicht genutzt. Sie waren jetzt nicht mehr schneller als ihre Untertanen, aber sie reisten standesgemäß. Doch die Angst vor der Mobilität vor der den Massen setzt sich fort im aktuell im Ressentiment gegen das Fliegen. Wie vieles aus dem grünökologischen Milieu wurde es zum hegemonialen Diskurs. Dass es dabei vor allem um Moralattacken geht, zeigen schon die Namen wie Flugscham eine aus Skandinavien in andere Länder exportierte Methode der ökologisch bewussten Mittelklassen, anderen Menschen ein schlechtes Gewissen einreden zu wollen, wenn sie einen Flug buchen.

Schon am Namen erkennt man den regressiven Charakter des Unterfangens. Die Menschen sollen Scham empfinden oder beschämt werden, wenn sie das Flugzeug benutzen. Das sind die alten Methoden der Staatsapparate, um die Menschen von einem selbstbestimmten Leben abzuhalten. Wenn die Methoden der Beschämung bei den meisten Menschen nicht ziehen, kommt der finanzielle Druck. Das ist die Methode Pötter, den Flug so teuer zu machen, dass er wieder nur für die Reichen erschwinglich ist. Auch die Verbotsschiene wird dann noch folgen.

Kampf um das Recht an Mobilität für Alle

So steht der Kampf gegen das Fliegen, mit welchen ökologischen Argumenten auch immer. gegen den Kampf um Mobilität für Alle, der bei Götze gar nicht vorkommt. Schon die Eisenbahnen begeisterten die Massen, mehr noch, wenn sie von Fürsten und Klerus verketzert wurden.

Die Arbeiter*innenbewegung schuf sich Organisatoren wie die Naturfreundebewegung, die Mobilität nicht gegen die Umwelt setzten. Sie haben auch kein religiöses Naturverständnis, wie es auch im Umfeld der Waldbesetzer*innen im Hambacher Forst zu hören war. Dort wurde in manchen Statements die Besetzungsaktion nicht nur als Kampfmittel gegen die Pläne des RWE-Konzerns erklärt, sondern das Leben auf Bäumen als Wert an sich bezeichnet. Da wird auch viel Verständnis gezeigt, wenn irgendwo in der Welt indigene Sektenverantwortliche Waldstücke oder ganze Regionen für unantastbar erklären. Dann darf dort kein Baum gefällt werden und Bodenschätze dürfen nicht gefördert werden. Dass damit die Verarmung und Verelendung der Bevölkerung einhergehen kann, wird in Kauf genommen.

Solche religiösen Formen des Naturverständnisses wurden von Linken lange Zeit mit Recht kritisiert. Heute werden sie oft kritiklos übernommen. Demgegenüber solle wieder ein Mensch-Umwelt-Verhältnis Platz greifen, wo es als zivilisatorische Errungenschaft gesehen wird, wenn sich der Mensch aus den Naturverhältnissen zumindest teilweise befreit. Der menschliche Fußabdruck in der Welt ist ein Zeichen von Zivilisation. Wer heute so darauf drängt, den menschlichen Fußabdruck immer mehr zu verkleinern, sorgt sicher nicht für eine Welt, in der alle Menschen auf den Stand der gegenwärtigen Produktivkräfte leben können. Erst dann ist es möglich, über ein vernünftiges Mensch-Umwelt-Verhältnis zu diskutieren. Denn natürlich gibt es auch in einer vernünftig eingerichteten Welt Interesse, beispielsweise Bäume und Wälder nicht sinnlos abzuholzen oder eben Kurzstreckenflüge ganz abzuschaffen. In der Forderung, die Inlandflüge abzuschaffen, kann man Götze zustimmen.

Konsumkritik als Klassenkampf

Doch die Unterwerfung der Linken unter die Ratschlüsse von Stammesältesten stößt erfreulicherweise noch auf Kritik. So veröffentlichte die Rosa-Luxemburg-Initiative Bremen und die Associazione dell talpe unter dem Titel Maulwurfsarbeit IV (https://associazione.files.wordpress.com/2018/11/maulwurfsarbeitiv.pdf ) einen Aufsatz von Ulrich Schuster unter dem Titel "Konsumkritik als Klassenkampf", der dem aktuell hegemonialen Umweltdiskurs an vielen Beispielen kritisch unter die Lupe nimmt. So schreibt Schuster über die Konjunktur des Begriffs von der imperialen Lebensweise:

Die dahinterstehende Bigotterie wird deutlich, wenn die beiden Autoren von Imperiale Lebensweise, bewegungsjunggebliebene Hochschulprofessoren aus Berlin und Wien, ohne eine erkennbare Spur von Selbstironie ihr bevorzugtes Fortbewegungsmittel Fahrrad zur "praktischen Kritik an der ebenso imperialen wie antiquierten Form von Fortbewegung namens Automobilität" erheben. Der eigene Status als gesundheitsbewusster Akademiker, mit überdurchschnittlich gut bezahltem und zentral gelegenem Arbeitsplatz wird hier unausgesprochen zum Ausgangspunkt einer Normsetzung, die dem Automobilitätsbedürfnis von Pendlern, Rentnern, Bewegungsmuffeln und vernunftbegabten Gegnern des freien Hauens und Stechens auf urbanen Radwegen nicht entspricht.

Ulrich Schuster, Konsumkritik als Klassenkampf

Peter Nowak

02:09 12.02.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 5