Kochlöffel und Revolution

Die rote Köchin Dieses Buch erzählt die Geschichte einer vergessenen kommunistischen Zelle in Weimar um 1920, die die Revolution vorbereite und Delikatessen für Proletarier kochte.
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„Rehkeule mit Maronen und Quitten“, „Hirschkottelets mit Linsen“, „Rebhuhnkasserolle mit Renette Äpfel“. Die Liste der Rezepte für allerlei erlesene Delikatessen ist lang, die in einem empfehlenswerten Buch aufgeschrieben sind, das im letzten Jahr im Ventil Verlag erschienen ist und leider bisher nicht die Aufmerksamkeit bekommen hat, die es verdient.

Ein eminent politisches Kochbuch soll hier vorgestellt werden, das uns in die frühen Jahre des Weimarer Bauhauses führt. Es waren die frühen 20er Jahre, als in Berlin Freikorps mit Hakenkreuzen am Helm die aufständischen Lohnabhängigen massakrierten und die Mehrheitssozialdemokraten segnen das Massaker ab. Die Regierung weicht aus den aufständischen Berlin nach Weimar aus, weshalb man auch bis heute nicht von der Berliner sondern der Weimarer Republik spricht. In einem Ort, wo einem in jedem Winkel die deutsche Klassik begegnet, hoffen die Mehrheitssozialdemokraten und ihre bürgerlichen Koalitionspartner, die allesamt die Revolution hassten wie die Pest, ungestört von aufständischen Proletariern den Regierungsgeschäften nachgehen zu können. Doch auch im bürgerlichen Weimar gab es um das Bauhaus eine rote Zelle, eine Gruppe linker Studierender, die viele so viele in dieser Zeit vom roten Oktober und den Umstürzen in vielen Ländern beschwingt, den Traum von einer Sache hatten. Hannah, die rote Köchin und Protagonistin des Buches ist eine dieser jungen Leute, die die Revolution auch in das reaktionäre Weimar tragen wollen. Sie betrieb in der Nähe des Bauhauses in den 1920er Jahren ein Restaurant, wo auch Menschen mit wenig Geld die Möglichkeiten haben sollen, erlesene Speisen zu verzehren. Die im Buch dokumentierten Rezepte wurden dort ausprobiert. „Mit dem Kochlöffel wollte sie die Werktätigen für die Revolution gewinnen“, heißt es im Klappentext über diese Hannah. Es war also eine Art Küche für alle, die aber anders als die heutigen Vokü, bzw. Volksküchen das Motto „Luxus für Alle“ schon mal praktisch am Herd ausprobierten. Es war eine Zeit, wo Veganismus schon deshalb kein linkes Thema war, weil damals ein Großteil der einkommensarmen Menschen sich Fleisch höchstens am Sonntag leisten könnten, wenn überhaupt.

Doch zwischen den Rezepten werden die Hoffnungen linker Künstler beschrieben, die sich Anfang der 20er Jahre im Umfeld der KPD bewegten, dort den linken Flügel bildeten, als so etwas noch nicht durch die Stalinisierung verhindert wurde. Manche werden zur rätekommunistischen KAPD gegangen sein, die zeitweilig an Mitgliedern die KPD überholte. Hier fanden sich die Menschen ein, die Anfang der 20er Jahre der Überzeugung waren, dass die Zeit für die Revolution gekommen und die Zeit der Kompromisse und Bündnisse vorbei sei. Sie hatten keine Vorstellungen von der Zähigkeit der alten Staats- und Kulturapparate, die viele Menschen mehr prägten als die unmittelbaren ökonomischen Interessen. Die junge rote Zelle um Hannah konnte in Weimar bekam schnell die Macht dieser alten Mächte spüren. Die rote Zelle wurde unbarmherzig gejagt, der Funke der Aufruhr sollte in Weimar schnell zertreten werden.

Jagd auf die rote Zelle

Schon in den frühen 20er Jahre hatten die Aktivisten mit den Vorläufern der Faschisten zu kämpfen und einer Staatsmacht, die vor Terror und Mord nicht zurückschreckte. „Es war nicht das erste Mal, dass wir verhaftet wurden. Heute ging es um ein Flugblatt, das zum Streik in einer Munitionsfabrik aufforderte… Die Militärrichter werden uns stundenlang befragen, wir dürfen nicht austreten, man wollte uns erniedrigen, alles mit der Rechtfertigung, eine kommunistische Geheimorganisation habe schon ganz Deutschland unterwandert.“ Hier war das komplette Weltbild ausgebildet, das im NS zum Massenmord führte. Die Kontinuitäten werden im Buch selber beschrieben. Die Aktivisten der roten Zelle hatten keine Illusionen in ein Deutschland, in dem die alten Mächte wieder die Macht haben und die Revolution niedergeschlagen ist. In einer Passage ist die Stimmung gut beschrieben: „Die Entscheidung ist gefallen, meine Familie emigriert in die Vereinigten Staaten. In seinem letzten Brief schreibt mein Vater: „Weimar ist eine Hoffnung gewesen, auf einen neuen Anfang, aber sie ist nur die Hoffnung einiger Marginalisierter, welche die Geschichte und ihre politischen Leidenschaften auf die Bühne katapultiert haben; aber diese historische Chance ist zerbrechlich – sie wird kaum noch lange wahrzunehmen sein“. Ob diese prophetischen Worte über das schnelle Ende der Weimarer Republik tatsächlich aus einen Kassiber der revolutionären Gruppe der frühen 20er Jahre stammt, wie es im Vorwort heißt, muss offenbleiben. Die Enkelin der Roten Köchin, eine Galeristin, soll die Geschichte weitegetragen haben. Ob Fiction oder Realität ist unklar, ist aber auch nicht wichtig. Die Auseinandersetzungen auch innerhalb der unterschiedlichen Fraktionen im Bauhaus, die Abwehr verschiedener esoterischer Gruppierungen, die Maßregelungen und die sich verstärkende Rechtsentwicklung sind so treffend und präzise beschrieben, dass man kaum annehmen kann, dass sich das jemand ausgedacht hat. Es handelt sich um ein Koch- und Geschichtsbuch, das uns mitnimmt auf eine Spurensuche vergessener Kämpfe.

Peter Nowak

Anonym, Die rote Köchin, Geschichte und Kochrezepte einer spartakistischen Zelle am Bauhaus Weimar, Ventil Verlag, 2012, 222 Seiten, 15,90 Euro, ISBN: 978-3931555-59-7

http://www.ventil-verlag.de/titel/1371/die-rote-koechin


03:26 20.12.2013
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