Kommunismus statt Weltuntergangsprophetien

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Die Welt erkennen und verändern statt auf ihren Untergang zu warten - eine Replik aufdas Wochenthema in der aktuellen Freitag-Ausgabe

Erst der Kommunismus hat dashistorisch einklagbare Anrecht in die Welt gezwungen, keine Entmündigunghinnehmen, nicht eine einzige Erniedrigung mehr ertragen zu müssen. Seit dem ist noch das kleinste Unrecht größer und das größte schmerzt um ein Vielfaches mehr“. Aus Bini Adamczak "gestern - morgen Über die Einsamkeit kommunistischer Gespenster und die Rekonstruktion der Zukunft"





In Zeiten des Untergangs einer Gesellschaftsformation sind Weltuntergangsstimmungen besonders häufig im Schwange.So zogen im ausgehenden Mittelalter die verschiedenen Endzeitpropheten durch die Lande und verbreiteten die verschiedenen biblischmotivierten Endzeitvisionen. Die Erde ist ein Jammertal, oben der Himmel mit einem strafenden Gott und unten die Hölle mit den ewigen Qualen. So waren die damaligen Menschen zugerichtet wurden und viel zu viele Menschenlassen sich noch heute derart zurichten. Die Wiederkehr der Untergangsprophetien auch im aktuelen "Freitag" sind nur ein Symptom davon.
Im Spätmittelalter ging tatsächlich die feudale Gesellschaftsordnung unter. Sie hatte sich ökonomisch, technisch und politisch überlebt. Heute wissen wir, dass ihr bald die kapitalistische Epoche folgen sollte und dass damals viele Menschen den Untergang einer Gesellschaftsordnung mit einem Weltuntergang verwechselten. Es scheint, dass sich auch hierin gar nicht so viel geändert hat. Denn, was wir nicht erst seitheute erleben, ist der lange Untergang des Kapitalismus. Ökonomisch und auch politisch ist das System der kapitalistischenVerwertung geschichtlich überholt. Nur ist das, wie bereits Karl Marx schon wusste, noch keine hinreichende Bedingung für eine emanzipatorische Alternative. Dazu bedarf es des bewussten und gemeinsamen Handelns der Menschen als gesellschaftliche Akteure und nicht als Monaden mit Internetzugang.

Es gibt eine Gesellschaft und wir gestalten sie

Diese Rolle der bewussten Subjekte nahm seit dem Ende des 19. Jahrhunderts die Arbeiterbewegung ein. Ihr Höhepunkt war zweifellos 1917/18 mit den verschiedenen Revolutionen am Ende des 1. Weltkriegs erreicht. Seit den späten 70er Jahre begann eine Epoche der Zerstörung des Sozialen. Hierbei handelt es sich nicht um einen großen Masterplan, wie manche mit verschwörungstheoretischen Anklängen vermuten. Es ist die Folge der Destruktivität des Spätkapitalismus, dervon entsprechenden politischen Maßnahmen flankiert wurde, wie sie unter den Begriffen Thatcherismus oder Reagonomisc bekannt geworden sind.
Die britischeEx-Premierministerin Thatcher hat das Credo mit ihrem Spruch, es gibt keine Gesellschaft, am besten auf dem Punkt gebracht. Konkret bedeutete es, den Angriff auf alle von der Arbeiterbewegung geschaffenen Organisationen, wie Gewerkschaften, Konsum- und Wohnungsgenossenschaften. Sie wurden zurückdrängt, manchmal auch repressiv zerschlagenwie beim britischen Bergarbeiterstreik oder umprogrammiert, wie es Tony Blair mit der Labour Partyvorgemacht und von Gorbatschow in der KPDSUunter unterschiedlichen Bedingungen vorexerzierten. In beiden Fällen wurde der Ausweg aus realen Sackgassen und Fehlentwicklungen der sozialdemokratischen und kommunistischen Version der Arbeiterbewegung in die Anpassung an den Kapitalismus gesucht. Die Folgen wurden schnell klar: die Entwaffnung der Lohnabhängigen und Erwerbslosen und ein Machtzuwachs der Kapitalseite im globalen Maßstab.
Die konnte nun umso gefahrloser drangehen, fast sämtliche von der Arbeiterbewegung erkämpften Errungenschaften auch in den kapitalistischen Kernstaatenzu schleifen. Das war ihnen nur möglich, weil die davon Betroffenen ihnen als Einzelne gegenüberstanden und damit ausgeliefert waren.
Thatchers Verneinung der Gesellschaft hatte hier also einen ganz konkreten Kern. Es sollte keine Gegenmacht der "Verdammten dieser Erde" mehr gegen die Zumutungen des Kapitalismus geben. Diese flüchteten sich dann wieder in die verschiedenen Religionen oder deren Ersatz.Gesellschaft wurde in großen Teilen vor allem der jüngeren Generation ein Fremdwort und damit auch die Erfahrung, dass diese gemeinschaftlichzu verändern ist. Auf diesem Boden gedeihtallerhand regressives Gedankengut mit Weltuntergangsphantasien. Das zurzeit vielleicht bekannteste ist der Islamismus. Aber auch die Softvarianten wie sie auch im Freitag ausgebreitet wurden, sollten in ihrer Gefährlichkeit nicht unterschätzt werden.


Die Wiederaneignung des Sozialen
Ein Gegenkonzept muss dagegen die Wiederaneignung des Gesellschaftlichen in Angriff nehmen. Erst wenn sich die Menschen nicht mehr als Monadenbegreifen, sondern als gesellschaftliche Wesen, die die Welt erkennen und verändern können, wird wieder Raum für eine emanzipatorische Überwindung des Kapitalismus geschaffen. Erst dann ist der Raum offen, um die schon lange existierenden, unterschiedlichen Konzepte einer anderen Wirtschafts- Arbeits- undLebensweise auf fruchtbaren Boden, weil sie von großen Teilen der Bevölkerung diskutiert werden. Solche Wiederaneignungsprozesse müssen am Arbeitsplatz, im Jobcenter, der Uni oder dem Stadtteil beginnen. Es sind kleine Schritte, die aber großeVeränderungsprozesse auslösen können. „Niemand muss allein ins Jobcenter“, heißt die Parole bei der solidarischen Begleitung von Erwerbslosen zu ihren Sachbearbeitern. Dieses Konzept kommt bei den Betroffenen deshalb gut an, weil sie schnell merken, dass sie nicht mehr nur als Nummer sondern als Menschen behandelt werden und mancher Antrag, der lange unbearbeitet bei den Akten lag, auf einmal bewilligt wurde, wenn sie nicht mehr allein sind.Ein gemeinsames Agieren von Beschäftigten in einem Betrieb gegen weitere Arbeitshetze oder Verkürzungen der Pausenzeiten kann ähnliche Lerneffekte auslösen. Wichtig für solche Bewusstseinsprozesse sind natürlich auch gemeinsame Manifestationen, wie die für den 28. März geplanten Demonstrationen „Wir zahlen nicht für Eure Krise“.

Die K-Frage neu stellen

Es darf natürlich nicht bei punktuellen Erfolgen bleiben. Die Kooperation muss sich in Räten niederschlagen, in denen die Betroffenen ohne Hierarchie gleichberechtigt agieren. Dort werden schnell weitere Vorstellungen für ein anderes Arbeiten und Leben laut werden und bald die Frage stehen,was uns denn eigentlich am schönen Leben hindert, dass beim heutigen Stand der Produktivkräfte für alle Menschen auf der Erde möglich wäre, wenn unsere Gesellschaft nicht kapitalistisch sondern vernünftig organisiert wäre.
Damit sind wir bei der Kapitalismusfrage. Die Strategien zur Überwindung müssen dann die Menschen in den Räten klären. An Programmen von oben herab besteht kein Bedarf. An den Erfahrungen der Geschichte der Arbeiterbewegung allerdings sehr wohl. Dazu gehören deren Fehler aber auch die Erfolge. Wer die erwähnt, wird heute schnell des Traditionalismus oder Schlimmeren geziehen. Deswegen muss in diesem Jahrin Deutschlandzum 20ten Jahrestag der Maueröffnung noch einmal der vermeintliche Sieg über den Sozialismus oder Kommunismus besonderslautstark zelebriert werden. Vielleicht machen die Folgen der Krise da manchen Planern einen Strich durch die Rechnung.Weder Verklärung noch Verdammung des Nominalsozialismus, sondern das Ziehen von Lehren aus den Erfolgen und Fehlern , steht auf dem Programm. Dann können wir wieder handlungsfähig werden, um für eine Gesellschaft zu streiten, in der die Kapitalverwertungder Vergangenheit angehört. Nur dann ist Individualismus nicht mehr jener Egoismus des Jeder gegen Jeden, sondern die Bedingung für ein wirklich selbstbestimmtes Lebens. Weltuntergangsphantasien aller Art können wir dann noch im Horrorvideo ansehen,denn dort gehört solches Gruselzeug hin.

Peter Nowak


16:35 06.03.2009
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