Das Lachen im Halse

Kurt Jotter Es könnte eine von seinen ungewöhnlichen Maßnahmen sein. Am symbolhaften 2. Juni ist der bekannte Berliner Aktionskünstler gestorben. Doch leider ist es keine Kunstaktion wie manche Freunde Jotters hofften.

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Die Aktionen des 1987 von Jotter und Barbara Petersen gegründeten Büro für ungewöhnliche Maßnahmen wurden sogar im Spiegel und der Tagesschau erwähnt. Am 11. Juni 1987 inszenierte es den Mauerbau auf der Kottbusser Brücke als „Anti-Kreuzberger-Schutzwall“ gegen die Abriegelung Kreuzbergs beim Berlinbesuch von Ronald Reagan. Auch die vom Büro für Ungewöhnliche Maßnahmen organisierte Jubelparade als Abgesang auf die Berliner 750-Jahr-Feiern 1987 sorgte für Aufsehen. „Ich sehe die Aktionen als Real-Montage im Öffentlichen Raum – als theatralische Inszenierung mit Biss und oft auch mit Satire“, beschrieb Jotter seine Arbeitsweise. Sie triftete nie in Klamauk ab. Politische Inhalte waren ihm wichtig. „Das Lachen soll im Halse stecken bleiben und dadurch entsteht der Anreiz, sich mit der Sache zu befassen“, so Jotters Hoffnung.

„Das Lachen im Halse“ lautete auch der Titel einer Ausstellung im Jahr 2014 im Friedrichshain-Kreuzberg-Museum, wo zahlreiche Arbeiten Jotters aus den letzten 40 Jahren präsentiert wurden. Schon damals gehörte der Kampf um bezahlbare Wohnungen zu seinen Hauptbetätigungsfeldern. „Richtig kampagnenmäßig haben wir gegen den Weißen Kreis gearbeitet, zusammen mit Gewerkschaften und vielen anderen“, erinnerte sich Jotter an die Bewegung gegen die Aufhebung der Mietpreisbindung in Westberlin Ende der 1980er Jahre. Jotter war mit für die Lichtkunstkampagne „Berlin wird helle“ verantwortlich, die im März 1987 ein großes Ereignis war und Mieter*innen und Künstler*innen vernetzt hat. „Mit Projektionen auf Häuserwänden wurde deutlich gemacht, dass die Wohnung die dritte Haut des Menschen ist und Bedeutung für die gesamte Existenz hat. Die mieterfeindliche und kapitalfreundliche Entwicklung wurde so angeprangert. Bis hin zur Tagesschau berichteten alle“, erinnerte sich Jotter.

Nach 2014 wieder Teil der Berliner Mietrebellen

Als er sich ab nach einer längeren Pause ab 2013 wieder der Aktionskunst widmete, war die neu entstandene Mieter*innenbewegung erneut Jotters wichtigster Bezugspunkt. Dabei war es ihm wichtig, Performances und Installationen gemeinsam mit von Verdrängung betroffenen Menschen zu gestalten. So inszenierte Jotter gemeinsam mit Mieter*nnen aus Schmargendorf 2017 vor dem Reichstag die Performance DÄMMokratie. Damit protestierten sie gegen energiepolitisch fragwürdige Dämmmaßnahmen, mit denen die Eigentümer die Mieten erhöhen können. Auch mit von Zwangsräumung bedrohten Mietern wie Sven Fischer, der in der Kopenhagener Straße 48 über viele Jahre auf einer Baustelle leben musste, inszenierte Jotter über Jahre Widerstandskunst. Viele wunderten sich, warum sie von dem unermüdlichen Aktionskünstler in den letzten Monaten nichts mehr hörten. Jotter war im letzten Jahr als Radfahrer in Berlin von einem Auto erfasst und schwer verletzt worden. Davon erholte sich nicht mehr. Am für die Westberliner Apo so wichtigen 2. Juni ist Jotter im Alter von 72 Jahren gestorben, wie erst jetzt bekannt wurde. In seinen Installationen wird er uns lebendig bleiben. Hier findet sich eine kleine Auswahl von Foto über Jotters Installationen aufgenommen von von Matthias Coers, der den Aktionskünstler in den letzten Jahren oft begleitet und beraten hat.

Peter Nowak

Ein Gedenkabend für den Aktionskünstler Kurt Jotter
auf Einladung des Filmemachers und Freundes Matthias Coers

Do., 22. September 2022, 19.30 Uhr

im Rahmen der artweek im Kunsthaus KuLe, Auguststraße 10, Berlin-Mitte

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