Linke Trauerarbeit

William Kentridge Der südafrikanische Regisseur zeigt derzeit in Berlin politische Kunst im besten Sinne
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Linke Trauerarbeit
Der Südafrikaner William Kentridge macht politische Kunst im besten Sinne
Foto: Christian Marquardt/Getty Images

„Aufhören, Aufhören, Man sollte sie verhaften“ lauteten die Zwischenrufe. Manchmal war auch nur Unruhe unter den Teilnehmern vermerkt. Das waren die Reaktionen auf einen Plenum der Kommunistischen Partei im Jahre 1937 in der Sowjetunion. Zu dieser Zeit war die Stalin’sche Konterrevolution in der SU schon längst im Gange. Die ersten Schauprozesse hatten stattgefunden. Auf dem fraglichen Plenum war die alte bolschewistische Avantgarde, die die Oktoberrevolution getragen hat, schon längst in der Defensive. Führende Bolschewiki der ersten Stunde versuchten sich gegen die Angriffe zu verteidigen. Das Plenum im Jahr 1937 war eine der letzten Foren, auf denen sie noch auftreten konnten. Die meisten endeten im Gulag oder wurden hingerichtet.

Der südafrikanische Regisseur und Filmemacher William Kentridge war im Rahmen des am Wochenende zu Ende gegangenen Festivals Foreign Affairs mit zahlreichen Installationen im Berliner Haus der Festspiele vertreten. Nach Einbruch der Dunkelheit wurden auf die Außenfassade des Festspielhauses Installationen von Kentridge projiziert. So konnten auch Passant_innen, die zufällig vorbeikamen, die Arbeiten eines Mannes kennenlernen, der politische Kunst im besten Sinne macht. „More Sweetly Play to Dance“ lautete der Titel der Installation im Keller des Festspielhauses, in die auch die Reden und Reaktionen auf dem Plenum der Kommunistischen Partei der Sowjetunion eingearbeitet waren.

Trauer über das Scheitern des roten Oktobers

Während man las, was sich auf der entscheidenden Sitzung passierte, konnte man an den Wänden des großen Kellers Szenen des roten Oktober sehen. Darunter waren auch viele Elemente der avantgardistischen Kunstströmungen, die in der Frühphase der jungen Sowjetunion mithelfen wollten, die neue Gesellschaft aufzubauen. Gezeigt wurden dann aber auch die Massenaufmärsche der 1930er Jahre, als große Stalinporträts mitgeführt wurden.

In mehreren Medien wurde diese Installation als Auseinandersetzung mit einem diktatorischen System klassifiziert. Aber das ist der Blick durch eine antikommunistische Brille. In Wirklichkeit leistet Kentridge mit seiner Installation eine Trauerarbeit über die verlorenen Ideale der Oktoberrevolution und steht damit in einer langen Reihe von linken Künstler_innen. Zu nennen sind hier Peter Weiß und Bini Adamczak. Wie sie denunziert auch Kentridge nicht den revolutionären Aufbruch von 1917, aber er stellt uns Zuschauer_innen die Frage, wie darauf die stalinistische Konterrevolution entstehen konnte. Für einige Sekunden springt der Künstler selber ins Bild und macht damit deutlich, er ist Teil der Geschichte ist und nicht von oben drauf blickt.

Das wurde auch bei den zahlreichen anderen Installationen deutlich, die in den Kellerräumen des Hauses der Berliner Festspiele zu sehen waren. Sie fanden sich an teilweise sehr ungewöhnlichen Orten. Ein Video war in einem Brotkasten drapiert. Dabei spielte der Kampf gegen die Apartheid in Kentridges südafrikanischer Heimat eine große Rolle. Zu sehen waren Szenen aus dem Soweto-Aufstand, als Jugendliche von der Apartheid-Soldateska ermordet wurden, aber auch Szenen der Tortur in den Knästen des Apartheid-Systems.

Die Ausstellung im Haus der Festspiele ist bereits beendet. Doch noch bis zum 21.8 können im Gropius-Bau im Rahmen der Ausstellung „No it is!“ weitere Installationen von Kentridge betrachtet werden. Ein Besuch ist sehr zu empfehlen.

http://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/gropiusbau/programm_mgb/mgb16_william_kentridge/ausstellung_william_kentridge/ausstellung_william_kentridge_150933.php

NO IT IS ! William Kentridge

Ausstellungen / Performances / Lectures


Öffnungszeiten

MI bis MO 10:00–19:00
DI geschlossen

Peter Nowak

16:35 19.07.2016
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