Medienaktivismus vor dem Internet

AK Kraak Medienkollektiv Ak Kraak wurde 1990 in der Hochzeit der Hausbesetzer*innenbewegung  gegründet. Eine Veranstaltung in Berlin zeigte, das Medium funktioniert immer noch.
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Bereitet Euch darauf vor, überschwemmt zu werden von der Welle aktivistischer Medienmachender*innen vor Ort in Seattle und überall auf der Welt, die die wirkliche Geschichte hinter der Welthandelsvereinbarung erzählen.“ Mit dieser Erklärung trat das „Independent Media Center“ am 24. November 1999 erstmals an die Öffentlichkeit. Es war die Geburtsstunde der alternativen Internetplattform Indymedia.Doch der Medienaktivismus begann nicht erst vor 20Jahren mit Indymedia. Daran erinnert Susanne Dzeik, dieab 1995 Teildes Medienkollektivsak Kraak war, kürzlich auf einer Veranstaltung in Berlin. Ak Kraak wurde 1990 in der Hochzeit der Hausbesetzer*innenbewegung gegründet. Der erste Teil des Namens bezieht sich auf die Aktuelle Kamera der DDR, Kraak ist der holländische Begriff für Hausbesetzungen.Auf der Veranstaltung wurde das AK Kraak-Video gezeigt, dass vor 20 Jahren also 1999 herausgeben wurde.

Als die tödliche Grenze an der Neiße lag

Es wurden zwei aufschlussreiche Geschichtsstunden geboten. Für die zahlreich erschienenen Älteren war es auch ein Stück Erinnerungsarbeit. Kann sich noch jemand an das antirassistische Grenzcamp bei Rothenburg in der Nähe von Zittau erinnern? Dort hatten sich 1998 mehrere hundert Antirassist*innen versammelt, die bei der Bevölkerung für gehörige Irritationen gesorgt, aber durchaus auch Unterstützung bekommen. Für die Jüngeren, die es auf der Veranstaltung auch gab, war es sicher noch mehr Geschichte. Wo ist Rotheburg und warum ein Grenzcamp an der Grenze nach Polen und Tschechien?Im Video wurde klar, dass vor 20 Jahren noch die tödliche Grenze, die die erste von der dritten Welt trennt, an der Neiße und nicht im Mittelmeer lag. Damals kamen immer wieder Geflüchtete ums Leben, wenn sie versuchten, über die Neiße zu kommen. Auf der Suche der Vermissten ist übrigens auch die Antirassistische Initiative (ARI) in Berlin entstanden. Im Video ist öfter der Trimm-Dich-Pfad für Fluchthelfer*innen zu sehen, den die Antirassist*innen am Rothenburger Grenzcamp auf- und auch wieder abgebaut hatten. Unter die Bilder wurden die Stimmen aus dem Polizeifunk gelegt, die das Geschehen genau beobachten und kommentierten.Hier wurde auch die avantgardistische Ader die Ak-Kraaker*innen deutlich, die mit einer klaren gesellschaftspolitischen Haltung verbunden war. Im Selbstverständnis des Medienkollektivs heißt es: „Wir sind Teil des weltweiten sozialen Aufbruchs zu medialer Selbstbestimmung.“ . Daher sollte auch der 20 Jahrestag von Indymedia Anlass sein, selbstkritisch zu reflektieren, dass sich manche Linke an eine Zeit vor dem Internet nicht mehr erinnern wollen.Nur so ist zu erklären, dass Medienaktivismus oft mit Indymedia gleichgesetzt wird undBeispiele die nichts mit dem Internet zu tun haben, vergessen werden, obwohl sie sich klar als Medienaktivismus definierten.

A-Clips -Irriatation im Werbeblock

In dem Video von 1999 waren auch A-Clips eingearbeitet, das waren Kurzvideos mit gesellschaftskritischen Inhalt, die von Kinomitarbeiter*innen in den Werbeblock geschmuggelt wurden der vor Filmbeginn zu sehen sind. Da waren plötzlich zwischen irgendwelchen Werbeeinlagen lustig-kritische Kurzfilme über hochpolitische Themen zu sehen. Auch das gehört zur Geschichte des Medienaktivismus. Die A-Clips waren kürzlich auch Geendstand einer Veranstaltung im Filmhaus Arsenal , und es gibt dort Überlegungen, sie zu digitalisieren. Das wäre im Fallder AK-Kraak-Videos schon aus urheberechtlichen Gründen nicht so einfach möglich. Zudem könnten Personen, die auf den Videos zu sehen sind, was dagegen haben, wenn sie plötzlich im Internet präsentiert werden.

Tiefsehen statt Fernsehen

Den Anspruch, kein Fern- sondern ein Tiefsehmagazin zu sein, habe auch bedeutet, dass man die eigene politische Szenekritisierte. Diesen selbstkritischen und selbstironischen Anspruch vermisst Susanne Dzeik bei der heutigemFlut von Videos. Da gehe es auch bei linken Gruppen meist nur noch um Selbstdarstellung und nicht um Reflektion, so Dzeik, die sich noch immer mit Film- und Videoarbeit befasst, in der Diskussion im Anschluss an die Vorführung. Der ak-Kraak-Filmabend hat auch noch mal gezeigt, dass es eben doch Vorteile hat, wenn mensch Videos nicht allein im Internet anguckt, sondern in linken Räumlichkeiten mit anderen diskutiert, aber auch gemeinsam lacht. Der selbstironische Aspekt spielte tatsächlich eine große Rolle bei den ak-Kraak-Arbeiten. Auch die deutlich jüngeren Teilnehmer*innen waren sehr angetan von den Videos und blieben bis zum Schluss. Das war eigentlich ein ermutigendes Zeichen. Vielleicht ist die Arbeit eines Medienkollektivs wie AK Kraak längst nicht so veraltet, wie mache dachten. Vielleicht gehört ihnen die Zukunft.

Peter Nowak

HIer gibt es weitere Infos zu AK Kraak: https://akkraak.squat.net

zu den A Clips: http://aclip.net/main.php

02:44 11.12.2019
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