Nein, nein, das war nicht der Kommunismus

Todestag von Stalin Am 5. März 1953 starb der Mann, der bis heute einen Schatten auf linke Theorie und Praxis wirft. Hinweis auf drei völlig unterschiediche Bücher
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„Während seiner Agonie drängten sich Millionen von Menschen im Zentrum Moskaus, um den sterbenden Führer die letzte Ehre zu erweisen“. So beschreibt der italienische Historiker Domenico Losurdo eine Reaktion auf Stalins Tod, der sich am 5. März zum 60ten Mal jährte. Doch der Autor hat auch unerwartete Reaktionen auf Stalins Tod in seinem im letzten Jahr im Papyrossa-Verlag auf Deutsch erschienenen Buch „Stalin – Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende“ zusammengetragen. „Viele weinten auf den Straßen von Budapest und Prag.“ Dass Stalins Tod in der Zeitung der israelischen Kibbuzbewegung al Hamishamar mit dem Satz kommentiert wurde „Die Sonne ist untergegangen“ wird heute viele überraschen, denen nicht bekannt ist, dass die Sowjetunion sich in der UN vehement für die Gründung Israels einsetzte. Erst mit dem Beginn des Kalten Krieges positioniere sich Israel auf Seiten der USA und die SU und fast der gesamte Ostblock ging auf Konfrontationskurs.

Losurdo gehört zu einer Strömung in der Linken, die noch immer Argumente zusammensucht, um die Politik Stalins zu verteidigen oder zumindest zu relativeren. Dabei reiht er in den acht Kapiteln Zitat an Zitat aneinander, um zu beweisen sucht, dass Stalin von Historikern und Politikern zu bestimmten Zeiten gelobt wurde. So ist er darauf erpicht, späteren erklärten Gegner Stalins mit einem lobenden Zitat vorführen zu können. So schreibt er unter Anderem dem sowjetischen Historiker Wadim Rogowin, der Philosophin Hannah Ahrendt und dem britischen Premierminister Winston Churchill Sätze zu, die Stalin in einem positiven Licht erscheinen lassen sollen. Dabei verzichtet der Autor allerdings auf jede Einordnung der Zitate in einen politischen Kontext. So war Churchills Stalin-Lob das Geschäft eines Staatsmannes, den jeweiligen Bündnispartner nicht vor dem Kopf stoßen will. Stalin war nun mal in Zeiten der Anti-Hitler-Koalition ein solcher Verbündeter. Nun mag Losurdo noch so akritisch jedes Zitat sammeln, das Stalin irgendwie in einem guten Licht erscheinen lassen soll, eines ist ihm nicht gelungen: Stalin irgendwie mit linken Ideen oder gar mit dem Kommunismus in Verbindung zu bringen. Dass gilt übrigens auch für Losurdo selbst. Denn der ist sich mit seinen größten Gegnern in dem Verdikt einig, dass eigentlich schon Marx und Lenin, vor allem aber die linken Bolschewik, mit ihren übersteigerten Vorstellungen einer Gesellschaft der Gleichheit und dem Infrage stellen von Familie und Nation für Terror und Massenmord mit verantwortlich sind. Stalin, als der starke Mann, der Schluss gemacht hat mit dem Chaos der Revolution, der wieder den starken Staat und die russische Nation in den Mittelpunkt seiner Politik stellte, mit diesen Ruf hat der sowjetische Machthaber schon zu seinen Lebzeiten bei Antikommunisten aller Couleur Anerkennung gefunden. In dieser Tradition stehen auch diejenigen, die heute Stalin verteidigen oder die zumindest seine Politik als alternativlos hinstellen, selbst, wenn sie sich selber als Linke begreifen.

Langer Schatten des Stalinismus

Allerdings sind solche Positionen heute nicht nur in der linken Bewegung minoritär. Sie stoßen auch auf heftigen Widerspruch. Besonders linke DDR-Oppositionelle, wie der in der DDR inhaftierte Historiker Thomas Klein, haben in den letzten Jahr vehement ihre Stimme erhoben , wenn autoritäre Staatsmodelle unter vermeintlich linken Vorzeichen verteidigt wurden.

Der Historiker Christoph Jünke hat schon vor einigen Jahren in einen Vortrag von den „langen Schatten des Stalinismus“ gesprochen und sich auch an einer Erklärung versucht.

„Mehr als mit einer gewünschten Rückkehr zur SED-Diktatur hat diese Nostalgie nämlich etwas zu tun mit »dem Wunsch, in eine Periode sozialer Sicherheit und öffentlicher Wohlfahrt zurückzukehren«, zitiert Jünke den britischen Politikwissenschaftler Peter Thompson.

Kritik an verschiedenen Staatssozialismen

Allerdings haben sich in der letzten Jahren viele Autoren kritisch mit dem Nominalsozialismus auseinandergesetzt und, wie die Leipziger Gruppe Inex in ihrem Sammelband „Nie wieder Kommunismus?“, eine Kritik an staatssozialistischen Modellen entwickelt, die sich auch von konservativen und rechten Antikommunismus abgrenzt. Eine wahre Fundgrube ist auch das materialreiche Buch „Staat oder Revolution“ des Politologen Hendrik Wallat, in dem er mit vielen Fundstellen eine Geschichte des dissidenten Sozialismus und Kommunismus nachzeichnet und kritisch würdigt, die in den unterschiedlichen Staatssozialismen bekämpft und verfolgt wurde. Das ist 60 Jahre nach dem Tod jenes Mannes, dessen politisches System daran einen entscheidenden Anteil hatte, doch eine kleine Rehabilitierung und lässt hoffen, dass der Schatten des Stalinismus zumindest kürzer wird.

Peter Nowak

Dominico Losurdo,

Stalin – Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende

http://www.papyrossa.de/sites_buchtitel/losurdo_stalin.htm

Kritik an der radikalen Linken von Thomas Klein:

http://www.ostblog.de/2010/02/die_radikale_linke_auf_dem_weg.phpn:

Text von Christoph Jünke:

www.sopos.org/aufsaetze/49942b7b40c8a/1.phtml)

Inex (Hg.) Nie wieder Kommunismus?

http://www.unrast-verlag.de/neuerscheinungen/nie-wieder-kommunismus-363-detail

Wallat Hendrik, Staat oder Revolution, Aspekte und Probleme linker Bolschewismuskritik,

http://www.edition-assemblage.de/staat-oder-revolution/

01:38 06.03.2013
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