Nicht in meinem Vorgarten

Grenzgärtner Der Film ist auch eine ethnologische Studie über die berüchtigten "kleinen Leute" auf die sich Pegida und AfD immer berufen.
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Plastikstühle, Katzen und immer wieder Gartenzwerge, sogar auf der Holzschaukel. Die Attribute der Berliner Kleingärtner_innenkultur werden sehr ausführlich vorgeführt im Film "Grenzgärtner". Es war eine ganz besondere Gartenkolonie, die im Mittelpunkt des knapp einstündigen Film von Maite Bueno und Julia Mittwoch steht. Zwischen Neukölln und Treptow gelegen, ging die Mauer zwischen Westberlin und der Hauptstadt der DDR mitten durch die Anlage. Ein Grenzgärtner beschreibt sehr anschaulich, wo die einzelnen Teile der Grenzanlagen gestanden haben. Heute zeugen nur noch Grünstreifen von der Grenzanlage, die einst Weltgeschichte machte. Wilde Geschichten machen die Runde, und die Gärtner_innen, verbreiten eifrig die Gerüchte. Schließlich ist ja nicht so viel passiert im Schatten der Mauer. Und wenn es mal einen Toten gab, der halb verwest in einer Gartenlaube gefunden wurde, dann weiß der Grenzgärtner nichts Genaueres über die Todesumstände. Hat er sich schwer verletzt in die Anlage geschleppt? Schließlich war die Leiche nicht in seinen Vorgarten sondern in einem anderen Areal der Gartenanlage gefunden.

Grenze im Kopf geblieben

Interessant wäre ja die Frage, was sich in den letzten 25 Jahren seit dem Fall der Mauer geändert hat, im Alltag der Gärtner_innen. Zumindest einige Schatten müssen ja mit der Mauer gefallen sein. Doch die Selbstbegrenzung der Grenzgärtner_innen dürfte eher höher geworden sein. So muss man verblüfft feststellen, dass für die, die nun wirklich Face to Face mit der Mauer lebten, am wenigsten geändert hat. Wenn eine der Gärtnerinnen erklärt, auch mehr als Vierteljahrhundert nach der Maueröffnung noch nicht auf der anderen Seite von Berlin gewesen sein, dann merkt man schnell, für sie ist die Mauer noch nicht gefallen. Und manche werden sogar bedauern, dass jetzt die Grenzanlage weg, die sie vor Menschen bewahrt hat, die sie überhaupt nicht wollen. Dazu gehören Migrant_innen aus unterschiedlichen Ländern, die in den letzten Jahren in schon verlassenen Gartenanlagen in der Nachbarschaft gelebt haben. Schließlich waren die Gärten aufgegeben worden, weil sie der Verlängerung der Autobahn 100 zum Opfer fallen. In den letztenJahren gab es dagegen noch einen Widerstand von den letzten Mieter_innen der Beermannstraße 20-22 gemeinsam mit der Treptower Stadtteiliniative Karla Pappel (https://www.freitag.de/autoren/peter-nowak/mieterinnen-sollen-enteignet-werden ). Daran haben sich auch einige Gartenbesitzer_innen beteiligt. Das hätte tatsächlich eine interessante Widerstandsperspektive sein können. Urbangardening versus Beton gemeinsam mit Menschen, die Grenzen überwinden mussten, um nach Deutschland zu kommen, finden Asyl in einen Gartenanlage, die 28 Jahre durch eine Grenze getrennt war. Doch das gehört zur Märchenstunde, wir sind aber in Deutschland 2016.

"Ich bin ja eigentlich eher der Nazi"

Nicht die Autobahn sondern die Migrant_innen sind es, die manche Grenzgärtner_innen zu Wutbürger_innen machen. Wieder gibt es wilde Storys, und die Gartenfreundin, die erklärt, wir bleiben in unserer Höhle und die sollen in ihrer bleiben, gehört da eher noch zu den Besonnen. Regelrecht eine Drohung ist es dann schon, wenn ein Gärtner mit Hausmeisterallüren freimütig bekundet, dass er eigentlich eher der Nazi sei. Damit rechtfertigte er sich gegen den Vorwurf, vor 1989 auch mit den Staatssicherheitsorganen der DDR Kontakte unterhalten zu haben. Die hatten natürlich großes Interesse zu erfahren, was sich so unmittelbar an ihrer Grenze tat. Und ein rechter Grenzgärtner kennt keine Ideologie, wenn es um Recht und Ordnung geht. Und die da sind alle Grenzgärtner_innen im Film überzeugt, die muss auch in der Gartenkolonie herrschen. Da dürfen kein Grashalm und kein Pflänzchen einfach nur so wachsen. Ob die Grenzgärtner_innen je AfD gewählt haben und was sie zu Pegida denken, spielt im Film keine Rolle. Und trotzdem hat der Film sehr viel damit zu tun. Denn hier kommen die berüchtigten „kleinen Leute“ zu Wort, auf die sich Pegida und AfD so gerne berufen. Dass die Ethnologin Julia Mittwoch und die Journalistin Maite Bueno mit ihren Film über eine Gartenanlage auch eine Studie über das Volk wie es lebt und spricht geliefert haben, ist die eigentliche Stärke des Filmes, der am 3. Juni um 20 Uhr im Kino Moviemento Premiere hat. Die beiden Regisseurinnen sind anwesend.

http://grenzgaertner.com/

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Peter Nowak

15:28 31.05.2016
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