Peter Brückner und die deutschen Verhältnisse

Film "Aus dem Abseits" bringt uns einen linken Intelektuellen wieder näher, der zur Zielscheibe des Modell Deutschlands von Helmut Schmidt wurde
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Simon Brückner war vier Jahre alt, als sein Vater 1982 in Nizza seinen schweren Herzladen erlag. Fast 25 Jahre später macht er sich in einen Film Aus dem Abseits auf die Suche nach seinen abwesenden Vater. Er präsentiert uns einen weitgehend in Vergessenheit geratenen linken Intellektuellen, der in den Jahren des Modells Deutschlands von Helmut Schmidt zur Zielscheibe von Mob, Politik und Justiz in der BRD geraten war. Zweimal wurde er suspendiert, mehrere Razzien musste er über sich ergehen lassen. Altnazis schrieben Brückner Drohbriefe und als die Fernsehnachrichten seinen Tod meldeten, applaudierten brave Deutsche in einer Krankenhauskantine spontan, erzählt eine Brückner-Vertraute im Film.

Der Mob hasste in Brücker einen linken Intelektuellen jüdischer Herkunft, für den Revolution und schönes Leben zusammen gehörten und sich da auch mit machen linken zeitgenössischen Dogmatiker_innen zerstritt. Simon Brückner ging geht zurück in die Kindheit seines Vaters, als seine jüdische Mutter Deutschland noch rechtzeitig verließ, aber ihren Sohn im Teenageralter zurückließ. Der hatte in der NS-Zeit am eigenen Leib erfahren, dass zumal in Deutschland das Abseits der einzig sichere Ort ist. Früh beobachtete er die NS-Volksgemeinschaft und merkt auch selbstkritisch an, dass ihn seine jüdische Herkunft davor bewahrte, Teil der deutschen Volksgemeinschaft zu werden. Er schreibt auch von der Faszination, die der Ausbruch aus dem spießigen Internat in die NS-Jungschar bedeutete.

Brückners frühe Jahre in der DDR

Doch bald überwog schon beim jungen Brückner der Abschau vor dem NS. Er wird aus dem Internat entworfen und zieht nach Zwickau, wo er als Jugendlicher allein lebte, was in der damaligen Zeit eine absolute Ausnahme war. In Zwickau fand er auch Kontakt zum kommunistischen Widerstand, den er nach 1945, als er den NS mit viel Glück überlebt hatte, aufrecht erhielt. Brückner trat in die KPD ein und begann unmittelbar nach den Krieg mit dem Aufbau einer Sozialpsychologie im Interesse des Proletariats. Ein solch eigensinniger Kommunist in der DDR, das konnte nicht gutgehen.

Doch gerade zu diesem Lebensabschnitt hätte man sich mehr Nachfragen im Film gewünscht. Viele Fragen bleiben offen. Schließlich erfahren wir, dass Brücker als KPD-Mitglied gegen das Zusammengehen mit der Sozialdemokratie in die SED war? Da standen ja wohl andere Gründe dahinter, als wenn SPD-Mitglieder ihren Antikommunismus weiter pflegen wollten. War er also der Meinung, dass die Kommunist_innen nicht mit den Reformist_innen der SPD kooperieren sollen? Ob sich da noch Forscher_innen finden, die vielleicht nach Dokumenten suchen und finden? Lebt vielleicht noch jemand von dieser Zwickauer Clique und kann sich noch Brückner erinnern?

Im Film bleibt hier eine Leerstelle. Wir erfahren nur, dass bei Brückner eine Tuberkulose wieder ausbricht. Seine mit den britischen Alliierten nach Deutschland zurückgekehrte Mutter, sorgte dafür, dass er in den Westen kam. Doch die Beziehung zur Mutter hielt nicht lange. Er brach den Kontakt ab. Es werden Ausschnitte aus seinen frühen Briefen zitiert, die zeigen, dass Brückner seiner Mutter nicht verzieh, dass sie ihn allein in Deutschland zurückließ und ein Geschenk, dass er als zehnjähriger besorge, achtlos wegwarf. Brückner hat wenig über diese frühen Jahre erzählt. Selbst seine letzte Lebensgefährtin Barbara Sichtermann wusste von Brückners Vorleben nach ihren Angaben nichts. Doch es ist durchaus verständlich, dass er damit nicht hausieren ging. Schließlich wird im Film aus einem Brief zitiert, dass er nicht eine NS-Verfolgtenorganisation eintreten wollte, weil er sich nicht als Opfer sah.

Dass er seine DDR-Geschichte nicht bekannt machte, dürfte zwei Gründe gehabt haben: Als früheres KPD-Mitglied wäre er in der Adenauerära noch mehr ins gesellschaftliche Abseits geraten. Zugleich gerierte er sich nicht als kommunistischer Renegat. Er gehörte wie Heiner Kipphard und Ernst Block zu den linken Kritiker_innen des Stalinismus und Nominalsozialismus, die sich weigerten als Kronzeug_innen für den real existierenden Kapitalismus zu dienen. Da ist sein Schweigen verständlich. Irritierender ist ein Interview mit einer Freundin und Kommunemitbewohnerin im Westberlin der 60er Jahre, die berichtete, dass Brückner körperliche Zuwendungen von der Frau forderte und wenn sie sich weigerte, so aufregte, dass sie befürchtete, er bekommt einen Herzinfarkt. Sie fühlte sich sexuell erpresst. Es ist erfreulich, dass Simon Brückner auch diese Seite seines Vaters nicht unerwähnt lässt.

Lang lehre Peter Brückner

Viel Raum nimmt natürlich der linke Intelektuelle Brückner ein. Wir sehen ihn in Teach-Ins, als Kundgebungsredner, bald auch in eigener Sache. Denn er gehörte zu denen, die, als der Staat mit Repression drohte, nicht klein beigaben, sondern kämpften und so auch Protagnost einer Solidaritätsbewegung wurden, die über die BRD hinausging. „Lang lehre Peter Brückner“ lautete die Parole vieler Demonstrant_innen in jenen deutschen Herbst, dessen Protagonist Helmut Schmidt vor wenigen Tagen gestorben und mit viel Lob bedacht wurde. So ist Simon Brückners Film auch ein Antidot zur Schmidtomanie, in dem der Mann, der im Notstandsfall mal nicht in die Gesetzbücher gucken wollte und von dem der Sprich stammt, dass die Wehrmachtsangehörigen dann gut harmoierten, zur Lichtgestalt stilisiert wurde.

Aus dem Abseits gibt denjenigen, die im Schmidtschen Modell Deutschlands ausgegrenzt und kriminalisiert wurden, ein Forum. Der Film zeigt auch die Folgen der Kriminalisierung. So begann Barbara Sichtermann mit ihrer Arbeit als Schriftstellerin, weil nach Brückners Entlassung das Geld fehlte. Zu seinem Nizzaurlaub musste er einen Kredit aufnehmen. Gerade weil der Film von Simon Brückner ein Spurensucher seines Vaters und eines linken Intellektuellen war, bleiben viele Fragen offen. Das ist aber gut so und könnte dazu führen, dass auch wieder die Bücher von Brückner gelesen werden. Das wäre erfreulich, weil sich dort viele nützliche Anregungen für alle Menschen finden lassen, die sich vom scheinbaren kapitalistischen Endsieg nicht dumm machen lassen und weiterhin überzeugt sind, dass die Welt unvernünftig eingerichtet ist und es eine Revolution braucht um das zu verändern.

Seit einigen Jahren hat sich alljährlich ein Kreis von Interessierten zum Peter Brückner Kongress getroffen. Seiner Aktualität wurde ein Buch gewidmet. Der Film könnte jetzt dabei helfen, dass der Kreis derer, für die die Parole "Lang lehre Peter Brückner" größer wird.

Aus dem Abseits

D 2015, 112 Min., FSK: ohne Altersbeschränkung

http://missingfilms.de/index.php?option=com_content&view=article&id=203%3Aaus-dem-abseits-&catid=14%3Afilme-webseite-detailliert&Itemid=68

Hinweis auf Buch:

"Zur Aktualität Peter Brückners:
http://web.fu-berlin.de/postmoderne-psych/kongressband-2012/index.html

HInweis auf kommenden Kongress der Neuen Gesellschaft für Psychologie:
http://www.ngfp.de/

03:19 05.12.2015
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