Posaunen aus Havanna

Rimini Protokoll Zum 20 Geburtstag des Theaterprojekts ist im Berliner Gorki-Thater ein Stück über kubanische Gegenwert und Geschichte zu sehen.
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Für manche ist Kuba noch immer das Reich des Bösen, wie die Insel vom ehemaligen US-Präsidenten Bush tituliert wurde. Für viele aber ist es zumindest das letzte Museum des Sozialismus, dem keine große Perspektive mehr in einer kapitalistischen Welt gegeben wird. Da ist das Theater-Projekt von Rimini-Protokoll umso bemerkenswerter, die 4 junge Kubaner*innen auf die Bühnebringen, deren Eltern oder Großeltern die Revolutionen in verschiedenen Funktionen unterstützen. Der Opa von Daniel war Minister der Umverteilung. Sein Enkel Daniel zeigt Kataloge von Luxusgegenständen, die die Revolutionär*innen in den 1960er Jahren aus den Villen der entmachteten alten Eliten requirierte. Heute fragt er sich, ob wirklich alles in Eigentum der Bevölkerung landete und sich nicht auch manche Funktionär*innen daran bereicherten. Schließlich lernen wir im Laufe der über zweistündigen Theatervorführung auch einen Nobelstadtteil von Havanna kennen, in dem die führende Leute des nachrevolutionären Kubas ihr Anwesen haben. Der Großvater von Christian, der heute als Programmierer arbeitet, beteiligte sich an einerweltpolitisch bedeutsamen kubanischen Intervention im südlichen Afrika. Damals unterstützte die kubanische Armee das junge postrevolutionäreMozambique im Kampf gegen das vom gesamten Westen mit Waffen aller Art gesponserten Südafrika. Leider scheint der Neffe historisch wenig bewandert und plappert irgendwelche Plattitüden nach, dass Kuba dort nur eingegriffen hätte, weil es von der Sowjetunion dazu gedrängt wurde und von der wirtschaftlich abhängig gewesen sei. Tatsächlich lehnte die Sowjetunion das kubanische Engagement in Afrika ab, weil sie befürchtete, damit die schon längst beschlossene Annäherung an den Westen zu gefährden. Kuba hat hier wie schon in den 1960er Jahren in Lateinamerika der sowjetischen Linie der Anpassung eine offensivere Unterstützung der Befreiungsbewegungen entgegengesetzt. Dafür hat Kuba bei afrikanischen Revolutionär*innen noch immer einen guten Ruf. Der damals frisch gewählte erste Nach-Apartheid-Präsident Nelson Mandela ließ es sich nicht nehmen, einen der ersten Staatsbesuche nach Kuba zu machen, um der Regierung für ihr Engagement gegen die Apartheid zu danken. Er hatte die Schlacht von Cuito Cuanavale nicht vergessen, als kubanische Truppen 1988 der südafrikanischen Armee und ihren einheimischen Verbündeten eine entscheidende Niederlage beibrachten. Das war eine entscheidende Zäsur und das Anfang vom Ende des Apartheid-Systems. Leider wurden diese Zusammenhänge im Theaterabend nicht erwähnt. Das lag sicher an den Enkel, der sich mehr für die moderne Computerwelt als für die revolutionäre Geschichte interessiert. Das er dann aber als Abschlussstatement in künstlicher Intelligenz einen Beitrag für mehr Gerechtigkeit in der Welt sieht, führte dann im Publikumsgespräch nach dem Theaterabend zu einer kritischen Nachfragen.

Die Revolution brachte Bildung in Kuba

Sehr interessiert an ihrer revolutionären Geschichte zeigten sich die beiden Frauen im Theaterabend. Die GeschichtsstudentinMilagro spricht mit Stolz von ihrer Großmutter, die aktiv an der revolutionären Bewegung beteiligt war. Die Revolution brachte ihr Bildung und Milagro sagt ganz deutlich, dank der Revolution kann sie heute in Kuba kostenlos studieren. Das könnte sie weder in Chile noch in den USA. Obwohl sie weiß, dass sie als Geschichtsprofessorin nur einen Bruchteil von dem verdienen wird, was ein Guide für Touristen in Kuba bekommt, denkt sie gar nicht an einen Wechsel ihres Berufswunsches. Denn sie wolle nicht Tourist*innen für Geld führen sondern junge Menschen kostenlos unterrichten,begründete sie die Entscheidung. Auch die Musikerin Diana verteidigt das revolutionäre Erbe ihrer Großeltern und Eltern. Ihr Großvater war Mitbegründer desOrquesta Maravillas de Florida, einer Musikgruppe, die für kubanisches Militär an den Schauplätzen ihres Engagements spielte. Nicht immer waren es so vernünftigeZiele wieim Kampf gegen das südafrikanische Apartheidsystem. Kubanisches Militär war, so erfahren wir im Theaterabend, auch in Äthiopien und in Syrien eingesetzt. Überhaupt werden bei auch die dunklen Punkte der kubanischen Geschichte nach der Revolution nicht ausgespart, so der Prozess gegen den General Ochoa, derin Kuba lange einen guten Ruf hatte bis sich herausstellte, dass er wohl in den internationalen Drogenhandel verwickelt war. Seine Hinrichtung stößt nicht nur bei grundsätzlichen Gegner*innen der Todesstrafe auf Kritik. Sollen da vielleicht manche Funktionär*innen gedeckt werden, die auch von dem Drogenhandel profierte, fragen sich manche?Im Laufe des Stückes kamen auch auf derBühne viele kritische Fragen zur Sprache. Es ist die Stimme der jungen Generation, die weder die Revolution noch die ersten beiden Jahrzehnte der Mühen der Ebene erlebte und deshalb auch andere Ansprüche an eine emanzipative Gesellschaft haben. Besonders die beiden Frauen Dania und Milagro äußerten sich so erfrischend kritisch und gleichzeitig gefeit von jeder Sehnsucht nach den vorrevolutionären Zuständen in Kuba, dass man dieser Generation ohne Bedenken vertrauen kann, dass sie die Gesellschaft in Kuba weiter entwickeln in Richtung Emanzipation und nicht zurück zum Kapitalismus befördern. So erklärte Milagro, dass ihr heute klar ist, dass es auch heute noch rassistische Strukturen auf der Insel gibt und gegen die müsse man kämpfen, wie es einst dieFrauen und Männer gemacht haben, die historisch gegen die Sklaverei aufgestanden sind. So wie es in den letzten Jahren in Kuba eine Bewegung für die Entkriminalisierung von Schwulen und Lesben gegeben hat, die von der Regierung und der Kommunistischen Partei gegen den Widerstand der Kirche verteidigt werden muss.

Rimini-Protokoll statt Aufarbeitungsindustrie

Es ist sehr zu loben, dass hier kein Zerrbild über die „kubanische Diktatur“ gezeichnet wurde, sondern ein durchaus kritisches und ungeschöntes, aber doch realistische Bild überdie kubanische Geschichte und Realität gezeichnet wurde. Dass liegt sicher daran, dass die 4Protagonist*innen, die die kubanische Geschichte auf der Bühne vermittelt, eben keine Berufsdissident*innen waren. Dass ihre Vorfahren vielmehr Unterstützer*innen des revolutionären Prozesses waren. Ihre Enkel sehen vieles heute durchaus kritisch, aber sie respektieren die Entscheidung ihrer Vorfahren und drängen sie nicht eine Position, dass sie sich praktisch entschuldigen müssen, nicht nach Miami aber zumindest ins Exil gegangen zu sein. Man würde sich wünschen, dass analog zu den Projekt von Rimini-Protokoll in Kuba auch die Enkel und Kinder von Menschen auf die Bühne kommen könnten, die sich in unterschiedlichen Positionen am Aufbau der DDR beteiligt hatten. Sie sollten genauso selbstverständlich berichten, welche Hoffnungen sie hatten, als sie aus den Konzentrationslagern der Nazis oder dem Exil nach Deutschland kamen, in ein total zerstörtes Land. Zerstört waren nicht nur die Bauwerke und Häuser, sondern mehr noch die Menschen, die mehrheitlich bis zum bitteren Ende die Nazi-Volksgemeinschaft verteidigten. Es könnte viel von den Mühen und den Qualen dieser wenigen Antifaschist*innen erzählt werden, mit diesem „Volk“ den Kommunismus aufbauen zu müssen, ganz ohne Beschönigungen und ohne Propagandaphrasen der SED, aber auch ohne die ständigen Entschuldigungen, die heute überall zu hören sind, wenn sich eine Künstlerin oder ein Politiker bewusst entscheden hat, in der DDR zu leben und zu wirken. Man sollte mal darauf achten, wenn man Biographien liest, dass immer hier immererklärt und fast entschuldigt wird, dass jemand die DDR nicht verlassen hat. Allerdings muss sich niemand erklären, der die DDR angeblich wegen mangelnder Demokratie verlassen hat und später in demokratiefeindlicher Weise aktiv wurde. So ist der Kuba-Abend von Rimini-Protokoll auch ein Beweis, wie man anders mit Geschichte umgehen kann und sie nicht Aufarbeitungsindustrien überlassen muss.

Peter Nowak

Mit: Milagro Álvarez Leliebre, Daniel Cruces-Pérez, Christian Paneque Moreda, Diana Sainz Mena.

Konzept / Regie: Stefan Kaegi
Bühne: Aljoscha Begrich

Video: Mikko Gaestel

Komposition: Ari Benjamin Meyers

Sound Design: Tito Toblerone, Aaron Ghantus

Dramaturgie: Aljoscha Begrich, Yohayna Hernández

Kostüm: Julia Casabona

Technische Leitung/Licht Design: Sven Nichterlein

Produktionsleitung: Maitén Arns

https://www.rimini-protokoll.de/website/de/project/granma-posaunen-aus-havanna

03:07 31.12.2019
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