Psst, darüber spricht man nicht

Harald Hahn Der Theaterpädagoge landet mit seinen Theaterstück "Monolog mit meinen "asozialen" Großvater - ein Häftling in Buchenwald" schnell in der Gegenwart, was eine Stärke ist.
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Zu den lange Zeit unbekannten Verfolgten des Naziregimes gehören Menschen, die als Asoziale stigmatisiert, verfolgt und in Konzentrationslager gesperrt. Der Großvater des Theaterpädagogen und Künstlers Harald Hahn gehörte zu diesen Menschen. Er war 6 Jahre, als sein Opa starb. Das war der erste Tote, den er bewusst gesehen hat. Mit dieser Szene fängt auch das Theaterstück „Mit meinen „asozialen“ Großvater“ - ein Häftling in Buchenwald“ an. Er beschreibt, wie er als Kind den aufgebahrten Großvater betrachtete. Danach erinnerte an ihn ein Foto, auf dem er in einer Marineuniform zu sehen ist. Nichts erinnerte daran, dass Anton Knödler, Hahns Grossvater, im Rahmen einer Amnestie zu Hitlers 50ten Geburtstag aus dem Konzentrationslager Buchenwald entlassen wurde. Die Bedingung war, dass er zum Militär geht. Das 3. Reich brauchte Soldaten. Anton Knödler hatte Glück, er kam in Kriegsgefangenschaft, überlebte aber, so dass sein Enkel ihn überhaupt noch kennenlernen konnte. Harald Hahn stellt in den knapp einstündigen Stück, in den er in verschiedene Rollen schlüpft die Frage, warum das Foto des Großvaters in Uniform einen prominenten Platz im Wohnzimmer bekam, es über seinen Aufenthalt im Konzentrationslager keinerlei Hinweise gibt Der Familienrat hatte beschlossen, sämtliche Dokumente über diese Zeit zu verbrennen. „Psst, darüber spricht man nicht“, diesen Satz, den Hahn als politisierter Heranwachsender häufig hörte, flüsterte er während des Theaterstücks mehrmals in den Raum, dann wiederholte er den Satz lauter werdend. In diesen Satz bringt Hahn zum Ausdruck, was viele im NS als asozial Stigmatisierte nach 1945 erlebten. Schließlich hielt sich bis weit in der Mitte der Gesellschaft hartnäckig das Klischee über Menschen, die angeblich nicht arbeiten wollten und der Gesellschaft auf der Tasche liegen. Hahn fasste diese Figur in die Gestalt eines schwäbelnden Hausmeisters in grauen Kittel mit Besen in der Hand. Aus ihm spricht es so, wie es dann in Hochdeutsch auch in AfD-Wahlprogrammen geschrieben steht.

Bezug zur Gegenwart

Diesen Bezug stellte Hahn selber im Stück her, als er die Figur des Hausmeisters auch Gaulands Rede von der NS-Geschichte als Fliegenschiss“ in den Mund legte. Beim anschließenden Publikumsgespräch gefiel das nicht allen Zuhörer*innen. Manche sahen Straßenkehrer stigmatisiert, dabei ist doch die Figur des Hausmeisters, der mit seinen Besen immer auf der Jagd nach Schmutz ist und meistens auch politisch Sauberkeitsphantasien nachjagt, eigentlich eine klassenübergreifende Figur. Es ist merkwürdig, dass Menschen, die sich in der Regel keine großen Gedanken über die Arbeitsbedingungen von Essenslieferant*innen und Pakatbot*innen machen, auf einmal Klassizismus wittern, wenn der Law-and-Order-liebende Hausmeister gespielt wird. Zwei Frauen monierten später, Hahn habe die AfD mit den Nazis gleichgesetzt. Auch das ist ein Missverständnis, die Hausmeisterfigur äußert Ressentiments gegen „Faulenzer“ und Ausländer“, die eben längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. Auch Arme und Lohnabhängige sind davor nicht gefeit. Im Publikumsgespräch bezog sich Hahn auch auf die bekannten Schriften „Rückkehr nach Reims“ von Didier Eribon und „Mann seiner Klasse“ von Christian Baron, in denen sie ihre (sub)proletarische Herkunft thematisieren. Hahn kritisiert aber, dass solche Lektüre mancher Leser*in der Zeit für einige Zeit schlechtes Gewissen macht und dann geht sie wieder ihren bürgerlichen Alltag nach. Für dieses Klientel habe er das Stück nicht geschrieben, betonte Hahn. Manche aus dem Publikum fühlen sich angesprochen. Als Hahn auf einen Stadtteil in Aalen einging, in dem viele arme Menschen wohnen und zur Klarstellung anfügte, dort, wo es keinen Bioladen gibt, sah sich ein Mann im Publikumsgespräch zur Verteidigung der Bioläden aufgerufen. Es ist gerade die Stärke des Theaterabends, dass Hahn sehr aktuell wird und eben nicht beim Grusel über das KZ-Buchenwald stehenbleibt. Da bekommt man schnell die ganz große Zustimmung. Wenn Hahn dann aber erwähnt, dass er selber nur haarscharf einer Einweisung in eine Sonderschule entgangen ist und dass ihm noch Jahre später bescheinigt wurde, er habe für eine Ausbildung als Erzieher nicht genügend Intelligenz, landet er beim Klassenkampf von oben, der dazu führt, dass Menschen, die in bestimmten Stadtteilen wohnen, noch immer in Bildung, Erziehung und Berufswahl und damit in der ganzen Lebensplanung diskriminiert werden. Es ist gut, dass Hahn diese Themen in den Theaterabend bringt und damit auch manchen Unmut des kleinbürgerlichen Publikums in Kauf nimmt, dass ja gerne über die schlimme NS-Zeit, als „Asoziale“ ins KZ kamen, lamentiert, über die aktuellen Formen der Ausbeutung ebenso reagiert, wie die Großmutter über das KZ: „Psst, darüber redet man nicht.

Hahn erklärte auf Nachfrage, er habe das Theaterstück auch geschrieben, um an seinen Großvater erinnern. Schließlich sind die Geschichten vieler der im NS als Asozial Verfolgte bis heute unbekannt. Sie haben selten Berichte geschrieben, sie hatten auch nach 1945 keine Unterstützung und wurden meist weiter verfolgt. Erst in den letzten Jahren wurden sie gesetzlich rehabiliert. Einen Erinnerungsort für sie soll aber nicht geben, dafür eine Wanderausstellung, wie Hahn mit der nötigen Ironie anmerkte. Dankenswerterweise erinnerte an an das Buch Sozialrassistische Verfolgung im deutschen Faschismus. Kinder, Jugendliche, Frauen als sogenannte »Asoziale« – Schwierigkeiten beim Gedenken" von Anne Allex

Hier können Theaterbesucher*innen historische Zusammenhänge nachlesen.

Peter Nowak

Nächste Termine mit dem Theaterstück:

12.10 Biesenthal bei Berlin,

9. 11. Rheinsberg

Weitere Termine der für nächstes Jahr geplanten Aufführungstour durch Deutschland finden sich hier:

http://asozialer-grossvater.de/termine/

16:19 26.09.2021
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