Räte statt bürgerliche Demokratie

Novemberrevolution Heute wird von Liberalen behauptet, die parlamentarische Demokratie sei eine Errungenschaft des 9.November 1918. Dabei ist sie ein Ergebnis der Niederlage der Revolution.
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Hat Karl Liebknecht am 9.November 1918 vom Balkon des kaiserlichen Schlosses oder an einem anderen Ort die sozialistische Republik ausgerufen? Darüber können sich Historiker wie Dominik Juhnke gerne weiter streiten. Schließlich hat jedes geschichtliche Ereignis seinen Mythos und wenn man den mal genauer hinschaut, wird schnell klar, dass da viel retuschiert und mythologisiert wurde. Ich bin immer dafür, Geschichtsmythen zu dekonstruieren, aber dabei sollte immer auch das politische Interesse offengelegt werden, das dahinter steht. Welches Interesse hat die Aufklärung, dass Liebknecht die sozialistische Republik vielleicht nicht vom Balkon des Schlosses im hellen Lichtschein die sozialistische Republik ausgerufen hat?

Denn es ist unzweifelhaft, dass Liebknecht am 9. Mai in Berlin die sozialistische Republik ausgerufen hatte, und das wurde gehört und hatte eine nachhaltige Wirkung. Erst danach wies Friedrich Ebert, der die Revolution und auch die Republik hasste, seinen Adlatus Scheidemann an, auch die Republik auszurufen, natürlich nicht die sozialistische, sondern die bürgerliche.

Hinter der Forderung nach parlamentarischer Demokratie sammelte sich die Reaktion

Wenn wir schon beim Geschichtsmythen knacken sind, dann sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die in diesen Tagen immer wieder strapazierte Behauptung, dass die parlamentarische Demokratie eine Errungenschaft der Novemberrevolution sei, falsch ist. Denn die führenden Mehrheitssozialdemokrat*innen hatten sich schon längst mit der Monarchie arrangiert, durch die sie schließlich in ihre Positionen gelangt waren. Dort konnten sie auch nach der Revolution des 9. November bleiben und das war das große Problem. Denn damit war die Revolution schon verloren.

Denn hinter der Fahne der parlamentarischen Demokratie sammelten sich im Herbst 1918 die alten Mächte, und das Kapital. Selbst die Freikorps betonten bei ihrem blutigen Geschäft in Bayern, dass es taktisch klug sei, zu bekräftigen, dass man die bürgerliche Demokratie verteidige. Denn sie hassten die Alternative zur bürgerlichen Demokratie und sie fürchteten sie auch, es wäre eine Herrschaft der Räte gewesen.

Von der Pariser Kommune zu den Räterepubliken

In der Pariser Kommune bildeten sich im revolutionären Prozess erstmals Räte heraus, Marx sprach danach von der endlich gefundenen Form, mit dem das Proletariat ihre Interessen durchsetzen kann. In der russischen Revolution 1905 und 1917 bildeten sich erneut Räte heraus und mit der Oktoberrevolution, die nach dem damaligen russischen Kalender im November 1917 stattfand, übernahmen die Räte erstmals vollständig die Macht. Nun hatten auch die Revolutionär*innen nach dem 9.November in den Räten die Form entdeckt, mit der sie tatsächlich eine sozialistische Republik erkämpfen wollten. Daher hassten von der Mehrheitssozialdemokratie bis zu den Völkischen alle die Räte und stellten sich kurzzeitig hinter die bürgerliche Republik und mordeten in ihren Namen.

Morden im Namen der bürgerlichen Demokratie

Die SPD-Führung hatte mit den Freikorps die Rechte wiederbewaffnet und gegen die revolutionären Arbeiter*innen in Stellung gebracht. Sie waren für die Blutbäder verantwortlich, die im Dezember 1918 mit dem Angriff auf die Volksmarinedivision begonnen. Das waren Radikale noch Kommunisten, wie es in der zeitgenössischen Geschichtsschreibung immer behauptet wurde, um die Blutbäder zu rechtfertigen. Das waren Matrosen, die sich in der Revolution politisiert hatten und die in Berlin die neue nach der Revolution gebildete republikanische Regierung verteidigen wollten. Doch bald merkten die Soldaten, dass diese neue Regierung alles andere als revolutionär war und alles tat, um die alte Macht zu stabilisieren. Als die Matrosen dann vor Weihnachten 1918 ihren Sold einforderten, und dafür kurzzeitig einen verantwortlichen Sozialdemokraten als Geißel nahmen, wurden sie die ersten Opfer der sich formierenden Gegenrevolution. Doch erst als genügend Freikorps bewaffnet waren, konnte auf alle, die für grundsätzliche Veränderungen kämpften, geschossen werden. Kommunist*innen waren sie damals kaum. Schließlich wurde die KPD in Deutschland erst zum Jahreswechsel 1918/19 gegründet. Es war der konterrevolutionäre Terror und die Beteiligung der SPD daran, trieb die Massen nach Links.

Die Blutbäder im Januar und März 1919, bei denen neben Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht Tausende Arbeiter*innen starben, die oft bis heute namenlos sind, führt eine direkte Linie zu den Massenmorden des NS. Es war der linksliberale Historiker Sebastian Haffner, der in seiner Geschichte der Novemberrevolution darauf aufmerksam gemacht hat. Der Berliner Historiker Dietmar Lange hatte bereits 2012 im Verlag Edition Assemblage ein Buch veröffentlicht, das bereits im Titel zutreffend die Situation im Frühjahr 1919 zusammenfasst: Massenstreik und Schießbefehl, Die Arbeiter*innen wollten mit einem Generalstreik verhindern, dass mit der Wahl eines Parlaments nun endgültig die alten Gewalten wieder herstellt wird und die Sozialdemokratie an der Macht ließ ihre Bluthunde, die Freikorps los und verübten in ganz Berlin Blutbäder an Arbeitern.

Wie viele Menschen sind in Berlin umgekommen?

Die genaue Zahl der Toten und Verletzten wurde nie ermittelt. Der verantwortliche SPD-Minister Gustav Noske sprach von 1.200 Toten in Berlin. Die meisten sind nicht in den Kämpfen gestorben, sondern nach der Verhaftung standrechtlich erschossen worden. Andere starben bei der Bombardierung von Arbeiterquartieren durch schwere Artillerie und Fliegerbomben.

Sind die Orte der Massaker bekannt?

An der damaligen Zahlstelle der Volksmarinedivision in der Französischen Straße 32 wurden 30 revolutionäre Soldaten erschossen, die ihren Sold abholen wollten. 11 Aufständische wurden an der Mauer des Lichtenberger Friedhofs hingerichtet. Die meisten wurden in den Standgerichten erschossen, die überall in Berlin errichtet worden waren und bis Mitte März im Schnellverfahren Todesurteile vollstreckten.

Aus einem Interview mit dem Historiker Dietmar Lange, Autor des Buches „Massenstreik und Schießbefehl“

Mit den Massenmorden wurden die Grundlagen für diese parlamentarische Demokratie etabliert, die genau ihre Aufgabe erfüllte. Die Rechte konnte dadurch schon bald wieder an den Schalthebeln der Macht zurückkehren. Zunächst Hindenburg und dann 1933 auch die NSDAP, die sich in den internen Machtkämpfen im völkischen Lager durchsetzen.Bald brauchten die Rechten auch ihre Auftraggeber, die SPD nicht mehr und viele, der für die Blutbäder gegen die Revolutionär*innen verantwortlich waren, landeten nun selber in den KZ der Nazis. Nur wenige zogen daraus nach 1945 die Konsequenzen, dass nach dem Ende des NS nicht wieder die Arbeiter*innenbewegung gespalten und die bürgerliche Demokratie verteidigt werden sollte, die schließlich in der Weimarer Republik die Nazis an die Macht brachte. Sie setzten sich für eine einheitliche Arbeiter*innenpartei auf marxistischer Grundlage ein. Über die Probeme bei der Gründung der SED (Stichwort Stalinisierung der Kommunistischen Bewegung) muss an anderer Stelle geschrieben werden.

Und 100 Jahre später erklären einige von geschichtlichen Erfahrungen Unbelehrte, dass die bürgerliche Demokratie eine Errungenschaft der Novemberrevolution war. Sie negieren, dass die Räterepublik, das Ziel der Revolution war. Dafür wurden Tausende Arbeiter*innen ermordet, die bürgerliche Republik war für die Rechten nur eine Zwischenstation auf dem Weg zum NS-Staat. Der Weg zum Staatsfaschismus wurde nicht 1933, sondern bereits 1919 eingeleitet, als Ebert und Noske die Freikorps auf die revolutionären Arbeiter*innen losließ. Sie „malten seit Januar 1919 zur besseren Erkennbarkeit ihrer politischen Position, manchmal Hakenkreuze auf ihre Helme“, erklärte der Historiker Martin Düspohl in der Sonderausgabe der Taz zum 9. November.

Das hindert in der gleichen Ausgabe den Historiker am Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung Meik Woyke nicht, vom großen Friedrich Ebert zu schwärmen, der sich um den Erhalt der Republik verdient gemacht und über manche Morde seiner Männer für`s Blutige vielleicht auch nicht so begeistert war. Damit hat Woyke auch bewiesen, dass die Friedrich-Ebert-Stiftung mit Stolz den Namen eines Mannes trägt, der mit Gustav Noske der Bluthund für die Reaktion gegen die aufständischen Arbeiter*innen spielte und ein Wegbereiter des Faschismus war. Denn er hat die Männer bewaffnet, die sich zur besseren Kenntlichmachung ihrer politischen Position Hakenkreuze auf die Helme klebten.

Nachdenken über Räte noch heute aktuell

Wer sich heute über eine Perspektive jenseits der verschiedenen rechten Staatsmodelle Gedanken macht, sollte über Alternativen zur bürgerlichen Demokratie nachdenken. Denn die hat Trump in den USA, Salvini in Italien und jetzt Bolsonaro in Brasilien ebenso an die Macht gebracht, wie Hitler und Hugenberg in Deutschland. Eine Räterepublik hingegen würde zunächst die Grundlagen für den rechten Aufstieg beseitigen, in dem die bürgerliche Klasse und die Kapitalherrschaft beseitigen und sie würde nicht das Augenmerk auf das Kreuzeln legen, wie ich das Beschriften von Wahlzetteln gerne nennn, das Allerheiligste der bürgerlichen Demokratie, denn sonst haben die meisten Menschen ja nichts zu sagen. In der Räterepublik hingegen würden die Menschen über alle ihre Angelegenheit, an der Arbeit, im Stadtteil etc. , tagtäglich selber entscheiden. Hier hätten also, um Marx zu ergänzen, die Menschen ihre Form gefunden, über ihr alltägliches Leben zu entscheiden. Ich kenne den Einwand, dass es da viele Probleme geben wird. Aber es gibt viele Konzepte für eine solche Räterepublik. Schon Richard Müller von den Revolutionären Obleuten, den eigentlichen Träger*innen der Revolution am 9.November, hat ausgeklügelte Modelle entwickelt. Vieles müsste heute aktualisiert werden. Nicht nur Arbeiter*innenräte auch Rät*innen des guten Lebens müssten sich konstituieren, die alle Handlungen darin überprüft, ob sie der Umwelt und dem Leben der Menschen langfristig schaden. Daneben wird es noch viele weitere Rät*innen geben, das wird sich in der konkreten Auseinandersetzung entwickeln. Die heutigen Möglichkeiten der Kommunikation könnten eine große Unterstützung bei der Arbeit der Rät*innen sein, weil sie eben nicht nur die Arbeiter*innen in der Fabrik erreicht, die vor 100 Jahren ein Ort war, an dem sich Menschen konzentrierten. Hundert Jahre nach der Novemberrevolution sollten wir zumindest festhalten, dass es die Räterepublik war, die die Menschen zur Revolution trieb und für die auch Tausende starben. Ihre Niederlage ebnete dem NS den Weg und ihre Mörder hatten schon 1919 Hakenkreuze aufgeklebt.

Mark Jones und die Totalitarismustheorie

Wir sollten das Feld nicht Anhängern der Totalitarismustheorie wie der Historiker Mark Jones überlassen, der in der Taz-Sonderausgabe zur Novemberrevolution darüber lamentierte, dass „1919 Dreiviertel der Deutschen demokratische Parteien wählten – und nur 13 Jahre später die Mehrheit der Deutschen den Heilsversprechen von Kommunisten und Nationalsozialisten folgten“. Unter den von ihm gelobten „demokratischen Parteien" waren viele, die die Morde an Luxemburg und Luxemburg und Tausenden Arbeiter*innen in den Jahren 1919 bis 1923 und dann wieder beim Blutmai 1929 als Rettung der Kapitalherrschaft begrüßten. Und wenn Jones dann die Kommunist*innen als Verteidiger*innen der revolutionären Arbeiter*innen und die NSDAP als offene Vertreter*innen ihrer Mörder in einen Topf schmeißt, zeigt sich hier nur das Elend eines bürgerlichen Historikers. Dagegen sollen wir am Schluss an Erich Mühsam erinnern. 1919 ist er noch mal mit dem Leben davongekommen und Noskes Söldnern mit dem aufgeklebten Hakenkreuz entkommen. Er war bis auf eine kurze Episode in der KPD immer ein Parteienkritiker, doch 1932 und 1933, als deutlich wurde, dass die NSDAP vor der Macht stand, rief er zur Wahl der KPD auf, wie auch Ossietzky und andere parteiunabhängige Linke. Anders als Jones kannten sie den Unterschied. Beide wurden doch noch Opfer der Konterrevolution, als das Hakenkreuz zum Staatssymbol geworden war. Mühsam ist 1934 von der SA ermordet und Ossietzky nach jahrelanger Folter 1938 verstorben. Auch in ihrem Gedenken sollten wir die Suche nach einer emanzipatorischen Alternative zur bürgerlichen Demokratie nicht aufgeben.

Peter Nowak

Lektürehinweise:

Mark Jones, der SPD nahestender Historiker

http://www.sehepunkte.de/2017/10/druckfassung/30581.html

Dietmar Lange, Massenstreik und Schießbefehl, empfehlenswert:

http://www.fair-bestellwerk.com/Dietmar-Lange-Massenstreik-und-Schiessbefehl

Simon Schaupp, Der kurze Frühling der Räterepublik, empfehlenswert:

https://www.unrast-verlag.de/neuerscheinungen/der-kurze-fruehling-der-raeterepublik-detail

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