Regression im Internetzeitalter -

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Die angedrohte Koranverbrennung und die Reaktionen

Wahrlich, wir leben in finsteren Zeiten, wo ein Klerikalfaschist mit seiner Ankündigung, einen Koran zu verbrennen, dafür sorgt, dass die moslemischen Fanatiker in der islamischen Welt ebenfalls auf die Straße gehen. Als hätten diese Menschen nicht ganz andere Probleme, eine gutes Leben, eine gute Bildung, medizinische Versorgung, für die sie auf aufstehen können. Nein, ausgerechnet die Ankündigung, irgendwo in den USA ein Buch zu verbrennen, das sie das Heilige nennen, sorgt für Aufruhr.

An solchen Vorkommnissen wird deutlich, dass die Verbindung von Regression und Internet durchaus in die Barbarei führen kann. Für emanzipatorische Menschen gilt es, die Vernunft hochzuhalten und sich in dieser Auseinandersetzung der Fundamentalismen nicht zu positionieren. Denn traurig ist es, wenn jemand mit einer angekündigten Koranverbrennung sein gekränktes Ego aufrichten muss, aber wer sich davon beleidigen lässt, ist grundsätzlich nicht viel besser.

Falsches Argument von der Meinungsfreiheit

Und was ist davon zu halten, wenn argumentiert wird, in den USA gibt es gegen die Fundamentalisten keine Handhabe, weil eine Koranverbrennung zur Meinungsfreiheit gehört.

Nun zumindest steht nicht jede religiöse Betätigung in den USA unter dieser Meinungsfreiheit. Für die esoterischen Hippies von der Move-Bewegung zumindest galt sie nicht. Sie machten sich durch ihre Reden und Agieren weder bei ihren Nachbarn noch bei den Politikern beliebt. Als sie sich der polizeilichen Räumung ihres Hauses in Philadelphia widersetzten und sich sogar verbarrikadieren, ließ der Polizeipräsident am 13.Mai 1985 zwei Sprengbomben über dem Haus abwerfen. Es fing daraufhin sofort Feuer. Elf Move-Mitglieder, darunter fünf Kinder, kamen dabei ums Leben. Der gesamte Blockfing Feuer. Warum wurde nicht auch der Move-Bewegung wie jetzt den christlichen Fundamentalisten gestattet, ihren Kult auszuleben, weil ja schließlich die Meinungsfreiheit an erster Stelle steht. Die Antwort ist schnell gefunden. Die christlichen Fundamentalisten können sich mit ihren Aktionen auf große Teile der US-Gesellschaft stützen, die das öffentliche Verbrennen eines Korans vielleicht etwas übertrieben finden, aber im Grunde der Verdammung des Islam aus christlich-konservativen Gründen zustimmen. Die Move-Bewegung hingegen blieb mit ihren politischen Vorstellungen in der US-Gesellschaft isoliert und konnte so eliminiert werden.

Wenn die US-Regierung die Koranverbrennung wirklich verhindern will, braucht sie nur die kleine Fundamentalistengruppe für einige Tage in Vorbeugegewahrsam zu stecken. Genau das geschah in den letzten Jahren bei jeder größeren globalisierungskritischen Demonstration. Dort wurden präventiv Menschen verhaftet, die in irgendwelchen Dateien gelandet sind. Ähnliches passiert immer wieder auch Fußballfans. Und dann will uns die USA glauben machen, sie wird einen Haufen von 40 Fanatikern nicht Herr und lässt es noch zu, dass die den Eindruck machen, die USA ließe sich von ihnen erpressen. Wie ist es sonst zu erklären, dass diese Gruppe ernsthaft glaubt, sie kann im Tausch mit der Koranverbrennung erzwingen, dass die Moschee nicht in der Nähe von Ground Zero gebaut wird? Das nennt man in der Sprache des bürgerlichen Rechts eigentlich Erpressung und Nötigung und wird bestraft. Es muss ja nicht gleich wie bei Move mit einer Sprengladung sein.

Peter Nowak

02:53 11.09.2010
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