Reise in den Lockdown- ein Gastbeitrag

Reisen auch jetzt möglich Wir hören überall sehr allgemein wie falsch, dass Reisen jetzt nicht möglich sind. Dieser Gastbeitrag von Andreas Komrowski soll zeigen, dass es nicht stimmt.
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Die Zeit zwischen Weihnachten und Silvester ist eine stille Zeit. Ich nutze sie gerne für Kurzreisen, um mir bei einsamen Wanderungen in der Natur und Stadtspaziergängen die klare Winterluft um die Ohren pusten zu lassen. Dieses Jahr soll das verboten sein, steht in den Corona- Verordnungen. TouristInnen wird verallgemeinernd zugeschrieben, kontaktfreudig zu sein und das SARS-CoV-2- Virus weiter zu verbreiten. Reisen zu geschäftlichen Zwecken sind aber erlaubt. Wieso also nicht das Angenehme mit dem die Fahrt Legitimierenden verbinden ? Also mache ich mich auf den Weg in Harz und Vorharzgebiet, um journalistisch zu recherchieren, wie die Bevölkerung dort mit dem Lockdown umgeht.

Fahrt ins Ungewisse

Die Fahrt beginnt am Morgen des 27.12 ins Ungewisse. Für den Harz sind orkanartige Böen angesagt und bereits in Berlin weht ein aufbrausender Wind. Die Straßen sind wie leergefegt, genauso der Regionalexpress nach Magdeburg. Es ist Sonntag, alles hat geschlossen. In Magdeburg steigen gefühlt 20 Leute aus dem Zug mit fünf Doppelstockwagen. Mein erster Aufenthalt führt mich nach Helmstedt. Einer Kleinstadt in Niedersachsen gleich an der Grenze zur ehemaligen DDR, die von vielen Einheimischen immer noch als "Zonengrenze" bezeichnet wird. Meine Eltern hatten hier eine Zweitwohnung und ich finde mich ohne Stadtplan intuitiv zurecht. Längst vergessene Straßennamen kommen mir wieder bekannt vor. Die Innenstadt hat ihre alte Bausubstanz weitgehend erhalten, doch im Vergleich zu meiner Erinnerung an eine Zeit vor mehr als 30 Jahren wirkt sie heruntergekommen. Es gibt im Zentrum nahezu keine Fachgeschäfte und Restaurants mehr, wie in vielen Kleinstädten.

Mit dem Regionalbus geht es südlich durch ein Gebiet, das von aufgelassenen Braunkohletagebauen geprägt ist. Ein altes Kohlekraftwerk ist noch in Betrieb, wovon die von weitem sichtbare Rauchfahne zeugt. Das Zentrum der Kleinststadt Schöningen ist schnell erschlossen, weiter geht es über Schöppenstedt nach Wolfenbüttel. Bis vor wenigen Jahren fuhren hier Züge, wovon nur eine kurze Stummelstrecke übrig geblieben ist. Von ferne ist der Harz zu sehen, der Wind wird stärker. In Wolfenbüttel gibt es große, repräsentative Kirchen und viel Fachwerk, aber die Dämmerung bricht herein und das letzte Teilstück nach Goslar will zurückgelegt sein. Auch hier sind wie überall kaum Menschen auf der Straße.

Querdenken in Goslar

Die Unterkunft liegt in der Altstadt unweit eines Marktplatzes mit großer Kirche in der Mitte. Hier gibt es auch ein Restaurant, das im Lockdown gute, abwechslungsreiche Küche to go bietet. Das Einchecken in die gemietete Ferienwohnung gelingt kontaktlos über einen Schlüsselsafe. Das Haus ist gut renoviert, aber alt und zugig. Der Sturm rüttelt an den Türen, im Regionalfernsehen wird vor Schäden gewarnt.
Beim Essen holen stoße ich unverhofft auf eine Kundgebung von KritikerInnen der Corona-Maßnahmen. Die Kleinpartei "Wir 2020" macht hier auf einer Rundreise halt und die "Rechtsanwälte für Aufklärung" sind auch dabei. Ca. 50 Menschen hören trotz Sturm und Kälte, mit Abständen und zumeist Masken den RednerInnen zu. Die vertretenen Forderungen sind teils liberaler Natur. Sie richten sich gegen das neue Infektionsschutzgesetz und fordern das Ende der Zwangsmaßnahmen. Auf die Situation von in ihrer wirtschaftliche Existenz bedrohten KleinunternehmerInnen wird Bezug genommen, Beschäftigte in Kurzarbeit, und die im Gesundheitssektor, die für wenig Lohn bis über ihre Grenzen gehen müssen, werden zumindest erwähnt. Zur konkreten Situation, den COVID-19- Erkrankten, die auf Intensivstationen um ihr Leben kämpfen kommt jedoch nichts.
Stattdessen wird ein Statement eines "Polizisten für Aufklärung" verlesen, der unter anderem meint, dass die Bundesrepublik Deutschland kein richtiger Staat sei. Eine Rednerin fordert, dass alle politischen Gruppierungen, die Sachbeschädigungen verüben, zu "terroristischen Vereinigungen" erklärt werden sollen. Was bitte hat das mit Maßnahmenkritik zu tun ? In eine fortschrittliche Richtung führen solche Behauptungen sicherlich nicht. Ich verlasse die Kundgebung.

Symbolisches Reiseverbot

Am nächsten Morgen hat der Wind nachgelassen. Nun sind auch mehr PassantInnen in der Fußgängerzone zu sehen, die Läden für den täglichen Bedarf sind geöffnet. Ich bin jedoch der einzige, der sich mit Reiseführer in der Hand und Fotoapparat über der Schulter für die zahlreichen historischen Bauten interessiert. Ach ja, Tourismus ist doch verboten, aber keiner nimmt Notiz von meinem Verhalten. An der eher an die Zeit der Romantik als die der Romanik erinnernden Kaiserpfalz begegne ich einer Hochzeitsgesellschaft- ca. 10 Personen aus zwei Familien lassen sich vor dem hier untergebrachten Standesamt fotografieren. Von der Personenzahl her ist das bereits eine Ausnahme.
Mittags dann per Bus in dem Oberharz. Der Parkplatz am ehemaligen Gasthaus Auerhahn ist gut besucht. Hier liegt ca. fünf Zentimeter Neuschnee. Die meisten AusflüglerInnen wollen so wie ich auf die Schalke, ca. 750 m hoch. Der Gipfel ist von Nebel umhüllt. Beim Abstieg verlaufe ich mich ein wenig und lasse mir von Einheimischen den Weg weisen. Zügig geht es bergab zum geschlossenen Bergbaumuseum am Rammelsberg und ins Ortszentrum von Goslar zurück. Die heiße Dusche in der Unterkunft tut gut.
Beim Warten auf meine Abendmahlzeit komme ich mit der Restaurantmitarbeiterin ins Gespräch. Sie meint, sie kämen über die Runden - aber nur, weil die Beschäftigten der Banken hier ihre Mittagsmahlzeit ordern. Von den paar KundInnen am Abend könne das Restaurant nicht überleben. Normalerweise ist die Stadt und der ganze Harz zwischen Weihnachten und Neujahr voller TouristInnen.
Im Regionalradio wird berichtet, dass der Oberharz überlaufen sei- insbesondere der Wanderparkplatz Torfhaus am westlichen Zugang zum Brockenmassiv.

Geburtshaus von Robert Koch

Tag drei der Reise sollte wieder Richtung Oberharz gehen, aber in weniger überlaufene Teile. Früh am Morgen nach Clausthal-Zellerfeld, eine alte Bergbaustadt, die eine eigene Universität hatte. Die Häuser sind mit Schindeln verkleidet. Hier wurde der Virologe Robert Koch geboren, nach dem das derzeit viel zitierte Institut des Bundesgesundheitsamts benannt ist. Er wohnte in späteren Lebensjahren repräsentativ am Marktplatz des Ortsteils Clausthal. Weiter nach Altenau, einem ehemaligen Kurort, der im Schatten des Brockentourismus liegt und um seine touristische Wiederbelebung kämpft. Mir fällt auf, dass hier viele Autos mit auswärtigen Kennzeichen durchfahren. Das ganze südliche Niedersachsen ist vertreten, auch einige aus anderen Bundesländern. Da ist wohl wieder Torfhaus angesagt... Mich dagegen zieht es in den Bus durchs malerische Okertal. Am Romkerhaller Wasserfall steige ich aus. Diser wurde künstlich angelegt und gleicht eher einem Rinnsaal. Interessanter sind die steinigen Aufstiege zum Klippenmassiv der Käste. Da im Tal Matsch und am Berg Glätte zu erwarten ist, entscheide ich mich für den als bequem bezeichneten Weg. Familien mit Kindern und auch Grüppchen mittleren Alters aus wievielen Haushalten auch immer sind hier unterwegs. Beim Gekraxel auf den von Schneematsch bedeckten Klippen ist Obacht angesagt. Danach gehts über Forstwege eher einsam runter nach Oker, einem nach Goslar eingemeindeten Industriestandort, der seine besten Jahre hinter sich hat. Mit dem Stadtbus fahre ich fast bis vor die Haustür.

Was war eigentlich anders als sonst im Urlaub?


Am 30.12. ist der Urlaub auch schon wieder vorbei, der keiner sein durfte. Gespräche über mehr als 15 Minuten face-to face hatte ich keine, war auch nicht länger als 30 Minuten mit anderen Menschen in einem Raum. Das RKI könnte doch eigentlich stolz auf mich sein... bleiben die regionalen Verkehrsmittel. Diese waren aber zum Glück fast leer, auch auf dem Rückweg. Ich lasse es mir nicht nehmen, einen Umweg über zwei weitere Fachwerkstädtchen zu machen. Zuerst gehts nach Hornburg, noch in Niedersachsen, wo die Zeit still zu stehen scheint. Die ehemalige Stadt ist nur noch Gemeindeteil und besteht fast nur aus der Altstadt. Der örtliche Bäckerladen ist zu empfehlen. Die namensgebende Burg ist dagegen privat und nicht zu besichtigen. Zu Fuß geht es auf den Höhenzug des Kleinen Fallsteins, wo mir von beiden Seiten der Wind um die Ohren bläst. Ich genieße noch einmal das Panorama auf den Harz und überquere die Landesgrenze nach Sachsen-Anhalt. Hier ist ein Führungsturm der ehemaligen Grenztruppen der DDR erhalten geblieben und es gibt Erklärungstafeln aus der Sicht des hoffentlich nur vorläufigen historischen Siegers. Weitere anderthalb Stunden bringen mich nach Osterwieck, was ebenfalls hauptsächlich aus Fachwerkhäusern besteht. Hier hat man sich viel Mühe gemacht und an zahlreichen Häusern kleine Erklärungstafeln zur Entstehungszeit, genauem Baustil etc. angebracht. Wiederum bin ich der einzige Interessent dafür.
Nun gehts wirklich zurück; der Bus bringt mich nach Halberstadt und die Bahn über Magdeburg nach Berlin.

Was war diesmal anders als in anderen Jahren ? Für mich als Einzelreisenden eigentlich erstaunlich wenig. Ich konnte nur nirgendwo einkehren und die Museen waren geschlossen. Und das Wichtigste: Es ist ein Text daraus geworden !

Andreas Komrowski

16:57 13.01.2021
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