Vergessene Opfer der Weimarer Demokratie

Remember 13.Januar 1919 101 Jahre nach dem Massaker an 42 Rätereplublikaniker*innen werden die blutigen Ereignisse auch im Freitag unsichtbar gemacht.
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1919 gewährte die Verfassung von Weimar die prinzipielle Versammlungsfreiheit, doch schon 1920 revidierte sie diese: Geschaffen wurden „befriedete Bannkreise“ im Umkreis des Parlaments. Unmittelbarer Anlass dazu waren gewaltsame Auseinandersetzungen bei Beratungen über das Betriebsrätegesetz, zudem war der Kapp-Putsch gegen die Republik zwei Monate zuvor gescheitert.“ Mit diesen lapidaren Sätzen machen die Soziologin Andrea Kretschmann und der Sozialwissenschaftler Aldo Legnaro in Freitag 2/2021 in dem Artikel mit den bezeichnenden Titel "Geschützte Demokratie" ein Massaker unsichtbar, das sich just am 13. Januar hundertundeinmal jährte. Dieses blutige Jubiläum fand in der Freitag-Ausgabe, die am 14. Januar 2021 erschien, keine Würdigung. Dafür werden die Opfer in dieser Ausgabe als „gewaltsame Auseinandersetzungen bei Beratungen über das Betriebsrätegesetz“ unsichtbar gemacht. So wird verschwiegen, dass am 13. Januar 1920 Freikorps in eine von der Rätebewegung organisierte Demonstration gegen das beschlossene Reichsrätegesetz sowie die damit einhergehende Entmachtung der Räte in den Betrieben schoss. 42 Tote und über 100 zum Teil Schwerverletzte blieben auf dem Pflaster vor dem Reichstag liegen. Damit fand der von der SPD-gestellten Regierung zumindest tolerierte Terror der Freikorps, dem bereits 1919 Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, aber auch tausende namenlose Arbeiter*innen zum Opfer fielen, seine Fortsetzung. Lange Zeit wurde der Terror der Weimarer Demokratie bewusst verschwiegen und war dann vergessen. Erst in den letzten Jahren beschäftigten sich kritische Historiker*innen wieder mit diesen Massakern der Demokratie. Erwähnend sei hier Ralf Hoffroge, der den wichtigen Exponenten der Revolutionären Obleute, den Berliner Metallarbeiter Richard Müller wieder- und neu entdeckte. Die Revolutionären Obleute waren die Kraft, die die Novemberrevolution 1918 vorantrieben, die von der Mehrheitssozialdemokratie, auf die sich bis heute die SPD beruft, bekämpft und schließlich niedergeschossen wurde. Dietmar Lange berichtete in seinen bahnbrechenden Buch „Generalstreik und Schießbefehl“, wie im März 1919 die von der SPD angeleitete Freikorps Berliner Arbeiter*innen massakrieren ließ. Ca. 1200 Tote vor allem in Berlin-Friedrichshain und Lichtenberg waren die Kosten dieses Massakers der Weimarer Demokratie. Das Blutbad vom 13. Januar 1920 war dann nur die blutige Fortsetzung. Der Historiker Axel Weipert hat in seinen Buch „Die zweite Revolution, Rätebewegung in Berlin 1919/20" die Geschehnisse an diesen Tag gut erforscht. Er hat den politischen Konflikt, um dem es damals ging, gut so zusammengefasst.

Der 13. Januar ist in vielerlei Hinsicht ein Lehrstück über die politischen Verhältnisse Deutschlands in jener Zeit. Besonders deutlich zeigte sich hier, wie grundlegend unterschiedlich das Politikverständnis in der Rätebewegung einerseits und in den etablierten Institutionen andererseits war. (...) Während im Reichstagsgebäude die Parlamentarier berieten, standen draußen die Demonstranten, ohne direktes Mitspracherecht, dafür aber bedroht und schließlich beschossen von den bewaffneten Organen des Staates. Man glaubte, die Volksvertreter vor dem Volk schützen zu müssen. Und das mit reinen Gewissen - denn, wie der Reichskanzler formulierte, es handelte es sich um nichts weniger als die 'Verteidigung des heiligsten Volksrechts, der Meinungsfreiheit der Volksvertreter'. Das war ein bemerkenswertes Demokratieverständnis. Nicht der Wille des Volkes und dessen Meinungsfreiheit standen im Mittelpunkt, sondern die Meinungsfreiheit der Parlamentarier“ (Axel Weipert, Die zweite Revolution, S. 185).

Sebastian Haffner, einer der wenigen bürgerlichen Publizisten, der nicht auf dem rechten Auge blind war, zog 1969 in seinem Buch „Die verratene Revolution/Deutschland 1918/19“ eine Linie vom Staatsterror in der Frühphase der Weimarer Republik zum Aufstieg des Nationalsozialismus.

"Der Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht vom 15. Januar 1919 war für ihn der Beginn eines Weges, der ins Dritte Reich führte, „der Auftakt zu den tausendfachen Morden der Noske- Zeit, zu den millionenfachen Morden in den folgenden Jahrzehnten der Hitler-Zeit“.

Haffner war ein Zeitgenosse, der Augen und Ohren offenhielt und den Terror der frühen Jahre der Weimarer Republik nicht vergaß.

Zum Jubiläum verdienstvolle Erinnerung

Die verdienstvolle Arbeit der genannten und der hier nicht genannte Forscher*innen haben dazu geführt, dass zum 100 Jahrestag des Terrors der Demokratie diese blutigen Ereignisse zumindest in linken Kreisen wieder ins Gedächtnis geriet. Es gab zum blutigen Jubiläum gute Ausstellungen zum Massaker im März 1919, es gab Stadtspaziergänge an den Orten der Morde.

Kaum ist das Jubiläum vorbei, sollen die gewonnen Erkenntnisse über den Terror der bürgerlichen Demokratie wieder vergessen gemacht werden. Anders kann nicht erklärt werden, dass der blutigste Angriff auf eine Demonstration in der Weimarer Republik in der Wochenzeitung Freitag in „gewaltsame Auseinandersetzungen bei Beratungen über das Betriebsrätegesetz“ umgelogen wird. Bei den Autor*innen ist die Absicht offensichtlich. Sie verteidigen die Bannmeile, die dann als Reaktion auf das Massaker erlassen wurde. Hinter den Ruf nach dem bürgerlichen Parlament verschanzten sich damals die Mörder der Rätebewegung der Jahre 1918/1921. Und 101 Jahr später sollen die Maßnahmen dieser Mörder und ihrer geistigen Nachfolger*innen von Linken verteidigt werden? Nicht nur der Dampfplauderer Steinmeier, dem man nicht einmal seine Rolle im Fall des Guantanamo-Gefangenen Kunaz vorhalten will, auch manche Linke, sprechen vom Herz der Demokratie, wenn sie den Bundestag meinen. Dieser Bundestag stellt sich selber in die Tradition des Weimarer Reichstags und muss sich auch die Verantwortung für dessen Opfer zurechnen lassen. Im vorletzten Jahr gab es linke Initiativen, die sich auch vornahmen, die Namen der Opfer des Massakers vom 13. Januar 1920 zu erkunden, die bis heute nicht vollständig bekannt sind. Proletarier*innen haben eben in der Geschichte wenig Spuren hinterlassen, die Vertreter*innen der herrschenden Klassen dagegen umso mehr. Ich hoffe, iese Arbeit würde fortgesetzt. Und ich würde mich freuen, wenn dieses Vorhaben gelänge und es würde eine große Gruppe Menschen die Reichstagstreppe besetzen. In der Hand hielten sie die Namen der ermordeten Räterevolutionär*innen vom Januar 1919. Die Bannmeile ignorieren sie dann souverän und vom Reichstag als Herz der Demokratie“ reden noch die letzten Reaktionäre.

Peter Nowak



18:06 25.01.2021
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