Ressentiment statt Argument

Christian Füller Wie der auch Freitag-Lesern bekannte Publizist mit ressentimentgeladenen Texten zur "Pädophilen-Jagd" bläst
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„Tausende Opfer sexueller Gewalt haben bis heute keinen Cent Hilfe bekommen - aber für ein knappes Hundert Männer, die kein Täter werden wollen, gibt die Justizministerin 387.000 Euro aus. Jedes Jahr.“ … „Opfer bekommen Millionen leerer Versprechen, die potenziellen Täter Geld, Verständnis und einen herausragend wichtigen Preis.“

Raten sie, wo sie diese ressentimentgeladenen Zeilen lesen können? In der rechtskonservativen Jungen Freiheit oder in der nicht weniger konservativen Springerpresse?

Falsch geraten. Die Zeilen stammen aus einem Artikel, den Christian Füller in der Taz schrieb. Dort echauffierte er sich darüber, dass der Artikel einer Zeit-Journalistin mit einem Preis ausgezeichnet wurde, die sich in das Leben eines "Pädophilen" versetzte, der seine sexuellen Neigungen nicht ausleben wollte und scheiterte. Ein solcher Artikel in der Taz muss verwundern. Denn an der Taz-Berichterstattung kann man vieles kritisieren, aber sie hat sich in der Berichterstattung um Straftaten und die dafür Verantwortlichen in der Regel solcher ressentimentgeladenen Töne enthalten. Erinnert sei an den Fall Markus Gäfken, des Kindesentführers, dem viele Medien am liebsten jegliche Rechte absprechen wollten und deshalb nicht verstehen konnten, warum der Frankfurter Polizeichef Wolfgang Daschner vor gerichtlich belangt wurde, weil er Gäfken mit Folter drohte. Hier haben Journalisten in der Taz sehr klar erklärt, dass auch ein Gäfken Rechte hat und es auch die Aufgabe der Medien ist, diesen Grundsatz stark zu machen.

Seit Jahren gibt es Kampagne gegen sogenannte Kinderschänder. Daran beteiligen sich regelmäßig diverse Neonazigruppen aber auch ein Bürgermob. Die Taz hat darüber immer wieder kritisch berichtet. Es gab in der Vergangenheit auch Fälle von Selbstmorden, als Menschen unbegründet in diesen Verdacht gerieten und von einem Mob im Internet und auch auf der Straße zum Abschuss freigegeben wurden. Auch darüber berichtete die Taz mit der nötigen Kritik.

Was hat dann die Taz geritten, einen Artikel abzudrucken, in dem das Wort Kinderschänder durch Pädokriminalität ersetzt wurde, aber ansonsten die ganze Stoßrichtung sich kaum von einer rechten Kampagne unterscheidet? Das Perfide daran ist, dass der Autor Christian Füller ausgerechnet Projekte zur Zielscheibe macht, die sich darum bemühen, dass es eben nicht zu dem kommt, was Füller Pädokriminalität nennt. Dabei wären solche Projekte und nicht immer neue Gesetze der richtige Weg, damit es eben nicht weiter Täter und Opfer gibt.

Publizistischer „Pädophilenjäger“

Füller hat sich in der letzten Zeit in verschiedenen Medien vom Reporter mit dem Schwerpunkt Schule und Bildung zum publizistischen „Pädophilenjäger“ gewandelt. Dabei geht es ihm aber eben nicht in erster Linie um Aufklärung sondern um Ressentiment. Dass zeigt sich schon daran, dass er vornehmlich Reformschulen und Projekte, die in der Folge des kulturrevolutionären Aufbruchs nach 1968 entstanden sind, im Visier hat. Dabei ist die historische Wahrheit, dass es sexuelle Gewalt gegen Kinder ständig in allen herkömmlichen Institutionen, sei es Familie, Kirche und Heime immer gab, aber in der Regel nie an die Öffentlichkeit kamen, weil die jeweiligen Autoritäten es gar nicht zuließen. Eher wäre ein Kind oder Jugendlicher noch in den 60er Jahren entmündigt worden, als das der Leier eines Kinderheims oder gar ein Pfarrer wegen sexueller Gewalt gegen Kinder zur Verantwortung gezogen worden wäre. Erst in Folge der 68er Bewegung kamen die Rechte der Kinder überhaupt in die Diskussion und dadurch wurden Debatten wie sie heute geführt, überhaupt erst möglich. Seitdem ist auch von selbstbestimmter Sexualität von Kindern die Rede, die auch von Gruppen von Kindern und Jugendlichen lange Zeit selbstbestimmt eingefordert wurden. Diese historischen Tatsachen wollen Füller und Co. nicht mehr wahrhaben. Stattdessen tragen sie mit dem Täter-Opfer-Diskurs selber an einer Viktimisierung bei. Durch diesen Diskurs werden Menschen erst in dem Opferstatus festgehalten. Es wäre an der Zeit, dass sich wieder mehr Menschen in der Debatte zu Wort melden würden, die es satt haben, nur in der Täter-Opfer-Perspektive zu debattieren. Die Taz aber sollte gerade bei einem solchen Thema endlich eine solche Debatte zulassen, in der auch unterschiedliche Positionen zur Frage der selbstbestimmten Sexualität von Kindern und Jugendlichen zu Wort kommen. Füller soll wieder auf der Bildungsseite mit Marx-Zitaten seine Schlacht für Studiengebühren schlagen. Das hatte immerhin noch Unterhaltungswert.

Peter Nowak

Hier der Link zu dem kritisierten Taz-Artikel von Christian Füller.

http://www.taz.de/Journalistin-ueber-Paedophilie/!115446/

01:29 01.05.2013
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