Richtiger Körper, falsches Leben

Klassenkampf Der Film sorgt für Irritationen schon beim Titel. Es handelt sich um einen durchaus witzigen Ritt durch die linke Identitätsdebatten.
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Am Beginn sieht man eine Art Rauch, mysteriös, eine eindringliche Stimme spricht über zwei unvereinbare Welten. So rätselhaft beginnt der Film „Klassenkampf“, dessen Titel vielleicht andere Erwartungen erzeugt. Doch dann kommt ein Bruch und eine Stimme spricht über Herzfeld, einen kleinen Ort am Rande der Schwäbischen Alb. Schnell wird deutlich, es ist der Geburtsort der Person, die dort spricht. Sie spricht über ihre Kindheit in der konservativen katholischen Enklave. Schnell wird deutlich, es ist ein Bericht aus einer anderen Zeit. Heute ist von der gar nichts so idyllischen Vergangenheit nichts mehr übrig. „Das Haus wird wie ein Mahnmal“, hören wir im Off.. Plötzlich sehen wir Fotos aus der Kinder des Vaters. Und dann sind wir bei seinen Biographien, wo es um Arbeit, Familiengründung, aber nicht um Bildung ging. Dann gibt es noch einmal einen Bruch, die Hauptperson zertrümmert mit einem Hammer alte Familienbilder und spricht über Klassen, Bildung und Identität. Es geht um den zweiten Bildungsweg und die Reaktion im Dorf und bei den Eltern. Die fragten manchma "Womit haben wir das verdient?“ Damit meinten sie eine Biographie zwischen Bildung und Protest. Ein politischer Unterwerfungsanspruch ist im konservativen Milieu in der Schwäbischen Alb nicht vorgesehen. Doch bald kommt es immer mehr zu philosophischen Themen. Es geht um die Klasse und das Feld de Begehrens. Man hat den Eindruck, dass ein Teil der linken Identitätsdebatte in dem Film verarbeitet wird. Dabei wird immer wider auch die Biographie der Hauptfigur in den Mittelpunkt gestellt. Die Gefahr war natürlich groß, dass es eine sehr trockener Filmessay wird. Doch der Film bricht die ernste Debatte immer auf, wenn die Hauptfigur auf einer Zugfahrt durch die Alb plötzlich ein Hähnchen verzerrt und es scheint ihr zu schmecken.

Alle gingen zur Bundeswehr

Dann ging um die Überlegungen, warum aus der Generation der Hauptfigur alle männlichen Jugendlichen zur Bundeswehr gehen. Außer ihn, der Zivildienst in Regensburg machte. Dazwischen sinkt die Person Lieder, bevor sie dann ganz in die Theoriedebatte abtaucht. Führende Theoretiker*innen der Identitätsdebatte wie Didier Eriborn kommen ebenso zu Wort wie der gewerkschaftliche Bildungsforscher Klaus Kleff und der Reichtums- und Elitenforscher Michael Hartmann. Eine der wenigen Frauen, die zu Wort kommen sind Daniela Dröscher, Autorin des Buches „Zeige Deine Klasse" und Aenne Ernaux, die schon lange vor Eriborn über Klassenverhältnisse und Herkunft geschrieben hatte, aber erst größere Aufmerksamkeit bekam, als der mit „Abschied von Reims“ weltweit bekannt wurde. Dass im Film überwiegend Männer zu Wort kamen, ist in diesem Fall kein Problem. Denn alle Personen werden von Frauen gespielt und das Gespräch wird auch verfremdet. So zeigt das fiktive Gespräch mit Eriborn zwei Frauen im Fitnessstudie. Die Zitate allerdings stammen aus Texten von Eriborn. So schreibt er den Wagenknechts und Lafontaines aller Länder ins Stammbuch, dass das Grund für die Niederlage der Linken nicht die Kämpfe von Feministinnen oder Schwulen sind. Das Problem ist, dass die Linke nicht mehr links ist. So geht es fast 90 Minuten weiter. Ein Höhepunkt ist der Bericht über die Scham, die die in Berlin lebenden Hauptperson empfindet, als die Eltern aus der Provinz zu Besuch kamen. Es ist die Angst einen Bekannten zu treffen, und die altmodischen Menschen als die eigenen Eltern vorstellen zu müssen. Und dann die Frage, ob eine Person aus einer anderen Klasse diese Scham auch empfinden würde. Hochphilosophische Texte werden immer wieder mit den Kindheits- und Jugenderlebnisse der Icherzählerin kurzgeschlossen. Manchmal kommt eine gewisse Redundanz ins Gespräch, wenn es um etwas kurzschlüssige Erklärungen für Wahlerfoge von Rechtspopulist*innen geht Auch die emotionalen Szenen, in denen die Icherzählerin klagt, ihre Eltern nie nackt gesehen zu haben, wirken etwas aufgesetzt. Doch dann geht es wieder zu einen anderen Thema und es wird wieder interessanter.

Eine andere Form von Klassenkampf

Zwischendrin stolpert die Rednerin einmal über ein besonders kompliziertes Wort. Nun könnte man sagen, solche Theoriedebatten führt man doch mit Büchern. Doch mensch sollte sich schon mal auf den sicher nicht einfachen Film einlassen. Er bietet einen besonderer Zugang, sich mit Identitätspolitik zu befassen. Und der Titel ist gar nicht falsch gewöhnt, wenn man genau überlegt. Er sorgt auch für einen lehrreichen Irritationsmoment. Klassenkampf, da stellt mensch sich Arbeiter, gelegentlich auch Arbeiterinnen vor, die die Fabrik verlassen. Doch auch das Nachdenken über Klasse, Identität und Geschlecht ist Teil des Klassenkampfes.

Peter Nowak

Klassenkampf, 78 Minuten

Sobo Swobodnik
Drehbuch
Sobo Swobodnik
Kamera
Sobo Swobodnik
Elias Gottstein
Darsteller
Margarita Breitkreiz
Lars Rudolph
Musik
Elias Gottstein
Schnitt
Manuel Stettner

Die DVD kann hier bestellt werden:

https://www.partisan-filmverleih.de/dvd-bestellung/

HIer finden sich Kinotermine in der BRD mit dem Film:

https://www.partisan-filmverleih.de/kinotermine/

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