Von der Leninwerft zur AG Weser

Sarah Graber Majchrzak Die Historikerin untersucht in ihrer umfangreichen Arbeit die Arbeiter*innenkämpfe auf den beiden Werften und liefert damit auch eine andere Perspektive auf die Leninwerft

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In der Danziger Leninwerft wurde die Gewerkschaft Solidarnocz gegründet. Ihr wird das Verdienst zugesprochen, zum Untergang des Staatskapitalismus in den osteuropäischen Ländern beigetragen zu haben. So wird ein Mythos über die Werft in Gdansk kreiert, nach der von dort der Ruf nach Freiheit und Demokratie im Sinne des Kapitalismus ausgegangen sei. Da ist umso erfreulicher, dass sich Sarah Graber Majchrzak in ihren gründlich recherchierten Buch „Arbeit - Produktion - Protest“ mit den sozialen Ursprungszielen des Protests der Arbeiter*innen auf der Leninwerft beschäftigt und sie mit den Kämpfen auf der Bremer AG-Werft verglichen hat. Die Autorin zeigt auf, wie die Kämpfe um die Gdansker Werft einen Teil der Beschäftigten in Bremen zur Besetzung ermutigte. Damit wird deutlich, welche Signale die polnischen Arbeiter*innen an Kolleg*innen in anderen Ländern aussendeten.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

In den ersten Kapiteln widmet sich Grabner Majchrzak ausgiebig der Entwicklung des Schiffbaus in Gdansk und Bremen und benennt Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Während in der BRD die Bedeutung des Schiffbaus nach 1945 kontinuierlich abnahm, erreichte die Branche in den 1970er Jahren den höchsten Umsatz. Gemeinsam war im Markt- wie Staatskapitalismus auch, dass die Arbeiter*innen nicht über ihre Produkte bestimmen konnten. Im Buch wird dargelegt, wie es in der polnischen Werft viele Mitbestimmungsgremien gab, die Entscheidungen aber letztlich bei der von Kommunistischen Partei bestimmten Nomenklatura lag. Sie bestimmten auch den Arbeitstakt. Dabei geht die Autorin auch auf zentrale Unterschiede ein. Ganz wichtig war, dass in Polen die Angst vor Entlassung und Arbeitslosigkeit fehlte, was das Selbstbewusstsein der Beschäftigten stärkte. Sie hatten auch in der großen und unübersichtlichen Gdansker Werft mehr Rückzugsorte als ihre Bremer Kollegen, die auch in der Fabrik viel unmittelbarer beobachtet und kontrolliert wurden. Ein weiterer Unterschied war der hohe Anteil der Frauen in der Belegschaft in Polen im Vergleich zu Bremen. Dort spielte in den 1960er Jahren die Ausbeutung migrantischer Arbeit eine wichtige Rolle. In Polen spielten die bäuerlichen Arbeiter*innen zeitweilig die Rolle der betrieblichen Reservearmee. Auch die Sozialpolitik war in Polen viel weiter ausgebaut als in der BRD. So gab es auf dem Werftgelände wichtige soziale Einrichtungen wie einen Betriebskindergarten oder ein Betriebskrankenhaus.

Die vergessene proletarische Solidarität über die Blöcke hinweg

Grabner Majchrzak beschreibt gut, warum die Gdankser und die Bremer Arbeiter*innen im wahrsten Sinne auf die Barrikaden gingen und mit der Werftbesetzung proletarische Geschichte schrieben. Es bleiben natürlich Fragen, warum dieser proletarischen Internationalismus über die unterschiedlichen Herrschaftssysteme hinweg, heute so wenig bekannt ist und der Kampf in Polen von der kapitalistischen Siegergeschichtsschreibung vereinnahmt wurde. Wer das Buch von Graber Majchrzak liest, wird einige Antworten finden. So blieben die Kämpfe in der Bremer Werft sehr parlamentsfixiert. Dass zeigte sich schon daran, dass die Besetzung aufgegeben wurde, nachdem bei den Wahlen zum Bremer Landtag 1983 die SPD wieder die absolute Mehrheit bekommen haben. Schließlich waren die Beschäftigten der Werft über Jahrzehnte Anhänger*innen der SPD. Daher war die Enttäuschung groß, als genau diese Partei nun die Schließung als alternativlos hinstellte. Erst Ende der 1970er Jahre gab der Betriebsrat den sozialpartnerschaftlichen Kurs auf und geriet damit in den Konflikt mit der IG-Metall-Führung, in der viele SPD-Mandatsträger saßen Es gab allerdings in der Bremer Werft eine kleine linke Minderheit unter der Belegschaft, die auf unterschiedliche Gruppierungen verteilt war, eigene Zeitungen druckte und darüber durchaus Einfluss auf die Stimmung der Beschäftigten nehmen konnte. Einige der im Buch zitierten Quellen stammen von dort. Nicht erwähnt wird, dass es in Bremen bei der Wahl zur Werftenschließung sogar ein ungewöhnliches Personenbündnis, das sich Betrieblich Alternative Liste (BAL) nannte und aus Linken verschiedener Betriebe bestand, zur Wahl für die Bremer Bürgerschaft 1983 kandierte, allerdings nur 1,3 % der Stimmen bekam. Nach der Lektüre des Buches stellt sich natürlich auch die Frage, warum der linke Impuls der Kämpfe so schnell versandete. Man hätte gerne mehr erfahren über die prowestlichen Berater*innen von Solidarnocz, die nach der Ausrufung des Kriegsrechtes in Polen vor allen im Ausland aktiv wurden. Hier spielte auch der Vatikan bald eine wichtige Rolle. Hier bleibt im Buch von Grabner Majchrzak eine Leerstelle. Ansonsten ist ihr Buch ein Stück Gegengeschichte der Arbeiterkämpfe in Ost wie West, das trotz des hohen Preises nicht nur für Wissenschaftler*innen empfehlenswert ist. Vielleicht wäre es möglich, eine Buchausgabe auch für einen günstigeren Preis herzustellen oder das Buch online zugänglich zumachen.

Sarah Graber Majchrzak, Arbeit-Produktion-Protest, Die Leninwerft in Gdanks und die AG „Weser“ in Bremen im Vergleich (1968-1983), Böhlau Verlag 2021, 563 Seiten, 65 Euro, ISBN. 9783412519179

https://www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com/themen-entdecken/geschichte/zeitgeschichte-ab-1949/55978/arbeit-produktion-protest

Peter Nowak

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