Schlagt die Rechten, wo ihr Sie trefft?

Veronika Kracher Die freie Publizistin vergiesst keine Tränen, wenn ein Rechter bluten muss. Darüber sollte man kontrovers diskutieren, statt sich wie die Taz zu distanzieren
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Der linksliberalen Taz wurde vor 1989 öfter von Konservativen Probleme mit der Gewaltfrage nachgesagt. Sie habe sich von linker Militanz nicht genug distanziert. Längst ist die Zeitung im Staat angekommen. Die damit verbundenen Probleme mit der Gewaltfrage teilt sie mit ihren früheren Kritiker*innen. Auch die Taz verteidigt bestimmte Kriege, wenn vorgeblich dem Schutz von Menschenrechten oder Minderheiten auf der Agenda stehen. Doch kürzlich ging es in den Haus-Mitteilungen der Taz um die gute alte Gewaltfrage (https://blogs.taz.de/hausblog/die-gewaltfrage/).

Die freiberufliche Journalistin Veronika Kracher, die in den vergangenen Jahren auch in der taz mehrere Beiträge veröffentlicht hat, verschickte nach dem körperlichen von ihrem privatem Account (https://twitter.com/sunny_mayhem?lang=de ): „Dass #Magnitz zusammengelatzt wurde ist übrigens die konsequente Durchführung von #NazisRaus. Abhauen werden die nicht. Die werden sich bei der größten möglichen Bedrohungssituation aber zweimal überlegen ob sie offen faschistische Politik machen. Deshalb: mit ALLEN Mitteln.“​

Aus: Hausblog der taz

Dass Kracher mittlerweile einer rechten Hetzkampagne und massiven Drohungen ausgesetzt ist (http://www.hagalil.com/2019/01/veronika-kracher/) wird von Taz-Chefredakteur Georg Löwisch natürlich verurteilt. Doch er schreibt dazu im Hausblog:

„Wir wollen und wir werden uns nicht zu jeder Position äußern, die jemand einnimmt, der oder die schon Artikel in der taz geschrieben hat. Aber wir werden nie – niemals – die Androhung von körperlicher Gewalt akzeptieren. Weder gegenüber freiberuflichen Journalist_innen noch gegenüber Rechtsradikalen noch gegenüber Geflüchteten oder sonst irgendjemandem. Anders ausgedrückt: Wir möchten uns weder vereinnahmen lassen noch unsere Position relativieren. Das schaffen wir auch.“

Aus taz-Hausblog

Solidarität mit einer engagierten Journalistin, die nicht wegen des Angriffs auf den AfD-Politiker sondern wegen eines Tweets dazu bedroht wird, sieht anders aus. Warum lädt die taz nicht Kracher dazu ein, ihre Position in einen Kommentar zu begründen? Dann kann, ja sollte es einen Beitrag geben, der ihre Position kritisiert. Wenn in der Taz über Menschenrechtskriege diskutiert werden kann, warum dann nicht auch über Veronika Krachers Tweet zum Umgang mit Rechten?

Heutzutage bräuchte man sehr viele „Gruppen 43“.

Jetzt müsste sich die Taz-Redaktion eigentlich auch von ihren Großbritannien-Korrespondenten Ralf Sotschek distanzierten. Der hatte vor wenigen Tagen in einem Kommentar an eine antifaschistische Praxis vor über 70 Jahren in London erinnert (http://www.taz.de/Debatte-Mit-Rechten-reden/!5555657/). Zunächst wandte er sich gegen die Parole, man müsse mit Rechten reden:

Die „Gruppe 43“ hatte eine andere Taktik. Das waren 43 Männer, darunter der jüdische Friseur Vidal Sassoon, die ab 1946 gegen Oswald Mosleys Faschisten im Londoner East End vorgingen. Sie verprügelten Mosleys Leute, wann immer die öffentlich auftraten. Die Gruppe erhielt ständigen Zulauf, am Ende waren es 900 Mitglieder. Nach vier Jahren löste man sich auf, die Faschisten waren von der Straße vertrieben, Mosley hatte sich vorerst zur Ruhe gesetzt.

Ende der Fünfziger meldete er sich wieder zu Wort, diesmal aus Brixton und Notting Hill, wo er nun gegen dunkelhäutige Einwanderer mobil machen wollte. Prompt entstand Anfang der sechziger Jahre die „62 Group“ mit vielen bekannten Gesichtern aus der „Gruppe 43“ und bot ihm Paroli. „Heute ist es viel schlimmer“, sagte ein Mitglied beim Jubiläumstreffen 1990, „heute bräuchte man zwei 43 Groups.“

Ralf Sotschek, Taz

Tatsächlich bestand die Gruppe 43, die ein kleiner Verlag in Deutschland bekannt gemacht hat, vor allem aus jüdischen Nazigegnern, die mitgeholfen haben, dass in Deutschland die Konzentrations- und Vernichtungslager nicht weiter arbeiten. Niemand hätte ihnen plausibel erklären können,warum sie danach mit britischen Naziadepten Tee trinken sollen. Sie sorgten ganz handgreiflich dafür, dass sich die Rechten in London nicht mehr auf die Straße trauten. Dass die damalige Situation nicht einfach auf Deutschland 2018 übertragen werden kann, wird auch in antifaschistischen Zusammenhängen diskutiert. Schon daher wäre es begrüßenswert, wenn die Beiträge von Veronika Kracher und Ralf Sotschek zu kontroversen Diskussionen und nicht zu schnellen Distanzierungen führen würde. In einem Land, in dem bis in liberale Kreise diskutiert werden kann, ob man Bootsflüchtlinge retten oder absaufen lassen sollte, muss es doch wohl möglich zu sein, über Sinn und Unsinn militanter Antifaakationen zu diskutieren.

Peter Nowak

01:49 12.01.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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