Selbsthilfe nach dem Ende des Sozialstaats

In Transit 18 zivilgesellschaftliche Projekte aus 9 europäischen Ländern präsentierten sich in Erfurt .
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Bibliotheken werden wegen der Sparzwänge der Städte und Kommune geschlossen. Bei anderen werden die Angebote gestrichen und die Öffnungszeiten verkürzt. Das ist für viele Nutzer_innen ein stetiges Ärgernis. Im holländischen Rotterdam blieb es nicht beim Unmut. Zwei Nachbarn hatten die Idee einer selbstverwalteten Lesehalle. Viele andere Nutzer waren begeistert und beteiligten sich daran. Zunächst für wenige Monate bekamen sie Räume in einem ehemaligen türkischen Bad zur Verfügung gestellt. Viele waren skeptisch, ob das Projekt solange durchhalten wird. Doch sie solltet überrascht werden. Mittlerweile arbeiten 97 Freiwillige im Rotterdam Leeszaal. Jugendliche sind ebenso dabei, wie Renter_innen. Am 28. April stellte Maurice Specht das Projekt im Erfurter Haus Dachröden (http://waechterhaus-erfurt.de/wp-content/uploads/2016/03/Einladung-o%CC%88ffentliche-Abendveranstaltung-IN-TRANSIT.pdf ) vor. Die Abendveranstaltung war Höhepunkt des zweitätigen Open-Space In Transit ( https://www.goethe.de/de/uun/prs/prm/20736940.html) im Erfurter Stadtgarten. Auf Einladung des Goetheinstituts hatten 18 zivilgesellschaftliche Projekte aus 9 nordwesteuropäischen Ländern ihre Projekte vor und zur Diskussion gestellt. Die zentrale Frage der Veranstaltung lautete „Wie wollen wir gemeinsam leben?“. Die Projektleiterin Leonora Lynen sieht in Projekten wie dem Leeszaal ein wichtiges Beispiel für solche selbstorganisierte Einrichtungen. „Bibliotheken sind heute wichtige Treffpunkte für Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Milieus“, erklärt Lynen. So beteiligen sich an der Verwaltung des Leszaals Menschen aus 19 Ländern. „Es ist allerdings kein Flüchtlingsprojekt, sondern eine Einrichtung, die die Menschen, die in dem Stadtteil wohnen, nutzen. Wo sie geboren sind, spielt dabei dann keine zentrale Rolle“, so Lynen. Das ist auch das Erfolgsgeheimnis im schwedischen Röstånga. Das 900-Einwohner Dorf, das 60 Kilometer von Malmö entfernt ist, war bekannt geworden, weil dort 400 Geflüchtete willkommen geheißen wurden. Sie beteiligen sich selber an der Errichtung ihre Häuser. Röstånga wird als ein Beispiel herangezogen, dass Geflüchtete auch in ländlichen Regionen leben wollen, wenn sie dort willkommen sind und ihnen die Bewohner zeigen, dass sie Teil des dortigen Lebens sind.

Das Verhältnis Stadt – Provinz spielte bei vielen der in Erfurt vorgestellten Projekte eine wichtige Rolle. Aus der Stadt, in der der Open Space Halt macht, stellte sich die Saline 34 vor. Dabei handelt es sich um Hausprojekt im Erfurter Norden (http://www.werft34.de/?page_id=1235 ), das Jugendliche und junge Erwachsene in Eigenregie renovieren und später bewohnen sollen.

Sind zivilgesellschaftliche Projekte mehr als Nothelfer im Austeritätsregime?

Die Leitfragen, die in beiden Tagen diskutiert wurden sind sehr allgemein formuliert: Wie wollen wir in Zukunft gemeinsam leben? Was können Nachbarschaften leisten und wie sollen unsere Städte und Regionen aussehen, nennt Lynen als Beispiel. Sicher wäre auch die Frage interessant gewesen, ob solche zivilgesellschaftlichen Projekte, bei allem lobenswerten Engagement der Beteiligten, nicht auch eine bestimmte Funktion in der neoliberalen Agenda haben. Sollen Freiwillige einspringen, wenn Gelder für soziale Einrichtungen gekürzt oder gestrichen werden? Wird das Engagement der vielen freiwilligen Mitarbeiter von zivilgesellschaftlichen Projekten nicht genutzt, um Gratisarbeit populär zu machen? Was machen die Menschen, die vor den Kürzungen in den Einrichtungen gearbeitet haben?

Peter Nowak

13:43 30.04.2016
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