Sie waren Unterdrückte aber keine Opfer

Barrikaden im Wedding Der Roman von Klaus Neukrantz ist 1931 erschienen, aber heute noch immer aktuell. Bericht über eine Lesung mit Anna Thalbach und Robert Stadlober
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„Für Proletarier ist die Nacht kurz im Wedding“. Schon der erste Satz macht deutlich, dass es keine der Lesungen über Sonne, Bier und Partylaune ist. Alles Themen, die heute in vielen angesagten Büchern dominieren. Nein, am 27.April lasen im Silent Green im Wedding Robert Stadlober und Anna Thalbach aus dem Roman „Barrikaden im Wedding“ von Klaus Neukrantz. Das Buch wurde 1931 veröffentlicht und sofort verboten. Sein zentraler Gegenstand sind die blutigen Ereignisse, die sich rund um den 1. Mai 1929 genau in dem Kiez abspielten, in dem die Lesung stattgefunden hat. 33 unbewaffnete Menschen, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren, wurden von der Polizei ermordet. Das erste Opfer steckte den Kopf aus den Fenster seiner Wohnung und rief der Polizei „Gut Freund“ entgegen. Als Antwort bekam er eine Kugel in dem Kopf. Neukrantz schilderte den ersten Mord, wie all die anderen präzise, sachlich und ohne moralische Bemerkungen. Damit klagt er eine Gesellschaft an, die bereits drei Jahre vor der Machtübergabe an die Nazis auf protestierende Arbeiter*innen feuerte. Die Täter hatten Übung und die Arbeiter*innen wussten, dass hier nur das blutige Werk fortgesetzt wurde, dass seit Januar 1919 unter sozialdemokratischen Oberbefehl veranstaltet wurde. Die 1200 Toten während Generalstreiks im Osten Berlins im März 1919 gehören dazu, wie diefast genau vor 100 Jahren ermordeten Anhänger*innen der bayerischen Räterepublik im Mai 1919. Neukrantz zeigt in dem Buch, dass der Berliner Polizeipräsident Zörgiebel 1929 dieses blutige Handwerk fortsetzte. Wenn Stadlober am Ende der Lesung aus dem SPD-Parteiorgan Vorwärts eine Eloge auf Zörgiebel zitierte, der angeblich doch allen, die mit ihm näher zu tun hatten, als aufrechter Beamter im Gedächtnis sei, dann braucht es wahrlich keine weitere Kommentierung mehr. Dann wird auch verständlicher, warum der Begriff Sozialfaschismus auf die SPD-Führung bezogen, vor 90 Jahren durchaus von vielen Berliner Arbeiter*innen verwendet und nicht von Stalin aufgezwungen wurde, wie es heute oft von Historiker*innen behauptet wird. Das heutige Publikum, das mit den Ereignissen des 1.Mai 1929 im Wedding nicht so vertraut war, hatte mit der Lesung einen Überblick bekommen. Denn Neukrantz bediente sich durchgehend einer präzisen Sprache.

Verhinderte Zwangsräumung

Er bettet das Massaker an Berliner Arbeiter*innen ein in den Bericht über die Lebensbedingungen des Weddinger Proletariats, die zwischen ihren kargen Behausungen und den menschenunwürdigen Zuständen in den großen Fabriken des Berliner Nordens pendeln, oft noch ihr Bett an Schlafburschen vermieten, um etwas mehr Geld für das Überleben zu haben. Doch Neukrantz gelingt es, diese Lebensverhältnisse zu schildern, ohne die Betroffenen zu Opfern zu machen. „Sie waren Ausgebeutete, Unterdrückte, aber keine Opfer“ fasste der Moderator des Abends, der Philosoph Lars Dreiucker zusammen, was das Buch „Barrikaden am Wedding“ auszeichnet. Denn dort wird geschildert, wie sich die Menschen unter widrigen Bedingungen ein solidarisches Milieu schufen. Das erste Kapitel, dass Stadlober und Thalbach lasen, handelt von einer verhinderten Zwangsräumung. Dort konnte man von Zeile zu Zeile förmlich spüren, wie die Angst von der Arbeiterfrau, die mit ihren schwerkranken Kind auf die Straße fliegen sollte, zu dem Beamten wechselte, der dafür zuständig war. Denn mittlerweile hatten Nachbar*innen von der drohenden Zwangsräumung erfahren und die Männer, die die kärgliche Habe der Frau auf die Straße tragen wollten, überzeugt, dass sie auf die paar Zusatzgroschen verzichten und Solidarität üben sollten. So wardie Räumung vorerst ausgesetzt.Die Wahl dieses Abschnitt am Anfang der Lesung war gut gewählt. So wurde den Zuhörer*innen klar, dass die Ereignisse vor 90 Jahren in einem solidarischen Kiez spielen, wo sich die Menschen, die in der gleichenausgebeuteten Lebenssituationen waren, gegenseitig halfen, sich gegen Staat und Polizei unterstützten. Das machte es auch einfacher, auf Angriffe wie die rund um den 1.Mai 1929 leichter zu ertragen Die Menschen waren nicht allein der Repression, den Verletzungen und den Tod ihrer Freund*innen und Angehörigen ausgesetzt. Das war der Grund, warum sie Ausgebeutete aber keine Opfer waren.

Erst das Essen, dann die Miete

In ihrem Aufruf zum Massenstreik, mit dem die KPD auf den Terror reagierte, schrieb die Partei: „Zörgiebels Blutmai − das ist ein Stück Vorbereitung des imperialistischen Krieges! Das Gemetzel unter der Berliner Arbeiterschaft − das ist das Vorspiel für die imperialistische Massenschlächterei!“ Die pompöseDiktion mag uns heute unvertraut und fremd vorkommen. Doch dahinter steckte viel mehr Wahrheit, als die Verfasser*innen damals wohl ahnten. Ein Jahr später begann die Weltwirtschaftskrise und die Lebensbedingungen der Ausgebeuteten verschlechterten sich noch einmal. 1929 war die NSDAP noch eine kleine völkische Gruppe, erst mit der Weltwirtschaftskrise wuchs sie an und schon 1930 bildete sie bei den Wahlen eine große Fraktion. Damals begannen auch führende deutsche Kapitalisten die NSDAP in ihre Planungen aufzunehmen und machten sie sogar regierungsfähig. Erst 1929 wurde das Redeverbot für Hitler in Berlin aufgehoben, das dem verhinderten Putschisten von 1923 auferlegt worden war. Die herrschenden Kräfte wussten schon, dass sie die Nazis noch einmal brauchen können. Dann würde der Blutmai 1929 genauso wie die Blutbäder der Jahre 1919-21 an rebellischen Arbeiter*innen nur ein Vorspiel sein. So war der Blutmai 1929 tatsächlich ein Epilog für die Vorbereitung des imperialistischen Kriegs, der nur 10 Jahre später begann. Dazu musste er die revolutionäre Arbeiter*innenbewegung vollständig ausgeschaltet sein. Dass war 1929 noch nicht gelungen. Bereits 1932 war genau im roten Wedding unter dem Slogan „Erst das Essen, dann die Miete“ eine starke Bewegung von Mieter*innen entstanden, die Räte bildeten und sich für einen Boykott der hohen Miete einsetzten. Erst mit dem Machtantritt der Nazis war das Kapital von solchen Beschränkungen ihrer Allmacht endgültig befreit. Daher setzten sich führende Kapitalvertreter auch so dafür ein, Hitler ins Kanzleramt zu befördern. Die deutsche Volksgemeinschaftsideologie, die der NSDAP die Wähler*innen zutrieb, sollte dabei nicht vergessen werden. Dadurch wurden die Nazis für das Kapital erst besonders unverzichtbar. Auch Klaus Neukrantz, der Autor des Buches, wurde nach der Machtübergabe an der Nazis verhaftet und misshandelt. Er verschwand in einer psychiatrischen Anstalt, wo sich seine Spur verliert. Das genaue Datum und die Umstände seines Todes sind bis heute nicht bekannt. Er gehört zu den vielen, die genau erkannt haben, dass die Politik der SPD-Führung in die Barbarei führt und von ihr verschlungen wurden. Erst kürzlich wurde das Buch „Wenn wir 1918“ von dem sozialdemokratischen Gewerkschafter Walter Müller neu aufgelegt, der dort nachspielte, was geschehen wäre, wenn die Linken in den Jahren 1918/19 gesiegt und die Eberts und Noskes ins Exil geschickt hätten. Auch Müller überlebte das NS-System nicht. Sein Buch wurde vom BS-Verlag Rostock neu veröffentlicht (https://www.mv-taschenbuch.de/shop/nach-buchtitel/w/406_wenn-wir-1918-.html). Ganz so unbekannt sind die Arbeiten von Neukrantz nicht. Er hatte sich auch als bekannter Theoretiker einer Arbeiterradiobewegung in der Weimarer Republik einen Namen gemacht. Peter Weiss hat für sein Monumentalwerk „Ästhetik des Widerstands“Episoden aus „Barrikaden im Wedding“ zur Grundlage genommen. Es wurde auch kürzlich wieder aufgelegt. Und wer die Lesung am 27. April verpasst hat, kann am 1.Mai um 15 Uhr an einer Lesung von „Barrikaden im Wedding“ im Kiezhaus Agnes Reinhold in der Afrikanischen Straße 74 teilnehmen, allerdings werden dort nicht Stadlober und Thalbach lesen. Zuvor wird es einen Stadtspaziergang auf den Spuren des Blutmai geben, er beginnt am 1. Mai um 12.30 Uhr auf dem Nettelbeckplatz. Bereits am 30.April um 17 Uhr startet die Weddinger Demonstration gegen Ausbeutung und Verdrängung vom Leopoldplatz. Im Aufruf wird klar der Zusammenhang zwischen den Kämpfen von damals und heute benannt:

Der Wedding war schon immer ein Ort, an dem die Ausgebeuteten und Abgehängten dieser Gesellschaft lebten. Daher waren diese Proteste zum 01. Mai 1929 im Wedding besonders groß und kräftig. Hundertausende wollten damals auf die Straße. Ihre Themen waren ähnliche wie heute: zu hohe Mieten, zu niedrige Löhne, Stress mit der Polizei und vieles mehr. Auch damals schon war der Protest den Herrschenden ein Dorn im Auge.

Aus dem Aufruf von „Hände weg Wedding“

So vergessen, wie Lars Dreiucker befürchtet, sind also Klaus Neukrantz, sein Roman und die Kämpfe vor 90 Jahren zum Glück doch nicht.

Hier kann die Neuauflage des Buches Barrikaden im Wedding bestellt werden:

https://www.sozialismus.info/2018/12/klaus-neukrantz-barrikaden-am-wedding/

Hier die Termine der nächsten Tage für einen kämperischen 1. Mai im Wedding:

http://haendewegvomwedding.blogsport.eu

30.April, 17 Uhr, Leopoldplatz.

Stadtteildemo: Unsere Häuser - unser Kiez - gegen eine Stadt der Reichen:

https://www.facebook.com/events/1960645650712888/

politischer Stadtspaziergang am Nettelbeckplatz:

https://www.facebook.com/events/395311474383058/

Lesung aus "Barrikaden im Wedding im Kiezhaus Agnes Reinhold:

https://www.facebook.com/events/395311474383058/

Peter Nowak

18:49 29.04.2019
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