Solidarische Nachbarschaft im Film

Block 57 Die Mieter*innengemeinschaft in Berlin Kreuzberg zeigt in einer von Florian Wüst und Sigurd Drapatz kuratierten Ausstellung Videos, die auch an teilweise vergessene Berliner Mieter*innenkämpfe zeigen.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Der junge Mann mit Bart erklärt, dass er aus Kleve nach Berlin gekommen ist, weil dort politisch mehr los ist. In seiner Heimatstadt habe er kein Interesse an einer geregelten Arbeit gehabt, weil er nicht weiter von Meistern unterdrückt werden wollte. Aber in den selbstverwalteten Strukturen in Berlin habe er sehr emsig mitarbeitet, weil für ihn dort die Arbeit wieder einen Sinn bekommen hat. Das Interview fand Ende September 1981 statt. Wenige Tage später ist der junge Mann tot. Er heißt Klaus Jürgen Rattay und kam nach einer vom CDU-Rechtsaußen mit NPD-Kontakten, Innensenator Heinrich Lummer, organisierten Räumungsorgie von besetzten Häusern ums Leben. Er stand danach auf vielen linken Plakaten als Opfer von Polizeigewalt. Heute ist er nicht mehr sehr bekannt. Ein Gedenkzechen, der an dem Ort seines Todes in der Bülowstraße errichtet wurde, ist nach einer Erneuerung der Straße verschwunden. Dieser Geschichte begegnet man, wenn man den Film „Das Zögern ist vorbei“ sieht, der von der MedienOperative Berlin 1981 erstellt wurde. Der Film wurde von den aktivistischen Künstler*innen noch im Banne der Ereignisse produziert und zeigt, wie unter dem CDU-Senat die Lummer-Fraktion die Räumungen gezielt geplant worden. Der Titel bezieht sich auf ein Zitat von Lummer, einen Politikertypus, der im Klima des Kalten Krieges in Westberlin wie ein Freikorprsführer wirkte, die nach der Novemberrevolution1918 den Terror gegen Linke organisierte. Der Film zeigte, dass sich Lummer vor 40 Jahren auf eine Polizeitruppe verlassen kann, die auf die Menschen, die an sich Rattays Todesstelle mit Kerzen und Gitarren versammelt hatten, mit Wasserwerfer und Knüppel losging. Verlassen konnte sich Lummer auch auf einen rechten Mob tatsächlicher oder gecasteter Bauarbeiter, die Vernichtungsfantasien gegen alles Linke äußerten. Auch, wenn man darüber schon einiges gelesen hat, ist es immer wieder beeindruckend Videos zu sehen, die die damalige politische Atmosphäre einzufangen.

Geschichte von unten

Mit Polizeistiefeln wurden die Blumen zertreten, die viele Menschen an Rattays Todesstelle hingelegt hatten. Hätte sich das Ganze damals in Ostberlin abgespielt, wären heute am Ort Gedenktafeln unter den Motto Aufarbeitung des SED-Unrechts aufgebaut. Aber die ganz normale Gewalt des kapitalistischen Staates interessiert heute offiziell niemand. Daher ist es die Aufgabe von Aktivist*innen an diese Geschichte von unten erinnert. Dazu gehören die Bewohner*innen des Blocks 57 rund um die Oranienburger Straße 57 in der Nähe des Oranienplatzes. Viele der Gebäude waren in den 1980er Jahren besetzt und auch heute sind noch viele Bewohner*innen politisch engagiert. Die Präsentation der Videos aktuell gehört dazu. Sie sind nich nur in der Galerie Scotty in Berlin-Kreuzberg zu sehen, sondern auch in benachbarten Einrichtungen wie Spätverkäufen, Bäckereien. Eine Klanginstallation ist am Oranienplatz zu hören. Die Kunstinstallation ist Beispiel für eine solidarische Nachbarschaft im Alltag. So werden auch die Orte des Einkaufs geöffnet für Kunst, die den Menschen heute noch viel sagt, weil die Probleme, die dort verhandelt wurden, für sie heute wieder oder immer noch brandaktuell sind.

Ein Stadtteil zieht um oder Kritik an der sozialverträglichen Umsetzung

Die Frage, kann ich mir die Wohnung noch leisten, in der ich seit Jahrzehnten lebte, zieht sich das 1971 gedrehte Video „Ein Stadtteil zieht um“. Es zeigt die Arbeit einer Kreuzberger Gruppe der Jungsozialist*innen (Jusos), die ältere Kreuzberger Bewohner*innen sozialverträglich umsetzen wollen. Es geht darum, dass Menschen, die teilweise ihr ganzes Leben in Kreuzberg wohnten, in Trabantenbauten am Rande der Stadt ziehen sollen, unter Anderem ins Märkische Viertel. Gezeigt wird im Video ein Ausflug der älteren Kreuzberger*innen in die neu errichtete Trabantenstadt. Es ist erkennbar, wie sie mit den Neubauten fremdeln und auf keinen Fall dort hinziehen wollen. Dass sie es am Ende doch gegen ihren Willen tun, wird am Video dadurch gezeigt, dass die sich so solidarisch gebenden Jusos beim Umzug mitanpacken. Zuvor haben sie ihre kurzen Draht zum SPD-geführten Bausenat genutzt, um einige Verbesserungen für die Kreuzberger Senior*innen auszuhandeln. Die parteiinterne Kungelei wird gut dargestellt, wenn man einen der Anführer der Kreuzberger Jusos im jovialen Gespräch mit dem Bausenator sieht, und hört, wie sie über die Köpfe der Mieter*innen deren Schicksal verhandeln. Im Film wird diese sozialverträgliche Juso-Masche kritisiert, weil damit vielleicht individuell manche Schicksale abgemildert werden, allerdings auch ein kollektiver Kampf der Mieter*innen, der vielleicht den Umzug insgesamt verhindert hätte, verhindert wird. Sehr interessant ist auch, einen Einblick der Arbeit eines Komitees gegen Exmittierungen ebenfalls unter der Regie der Jusos im Video zu sehen. Exmittierungen heißen heute Zwangsräumungen und es könnte die heutigen parteiunabhängigen Aktivist*innen des Bündnis gegen Zwangsräumung interessieren, welche Probleme ihre Vorläuferinnen vor zwei Generationen hatten. Leider sollen die Videos im Scotty und der Nachbarschaft nur noch bis zum 18.12. zu sehen sein. Einige werden auch auf das Schaufenster der Galerie gebeamt und können von Außen betrachtet werden, wenn die Galerie geschlossen hat. Es wäre zu wünschen, dass die Dauer der Videoausstellung, die von Sigrun Drapatz und Florian Wüst verlängert wird.

Peter Nowak

15:11 17.12.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare