Subkultur + proletarischer Kampf

Mark Asthon Er wäre 11. Februar 55 Jahre alt geworden. - mit 25 Jahren ist er gestorben. Nun hat ihn ein Film verdientermassen dem Vergessen entrissen.
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Pride lautet der knappe Titel eines Films, der im Herbst 2014 in die deutschen Kinos kam und sich eines weitgehend vergessenen Kapitels der Geschichte der internationalen Arbeiter_innenbewegung widmete. Es ist die Solidarität mit den Streik der britischen Bergarbeiter Mitte , der in den Jahren 1984 und 1985 in Großbritannien und vielen anderen Ländern auch von Menschen unterstützt wurden, die nicht in Großbetrieben arbeiteten, ja nicht einmal in gewerkschaftlichen Zusammenhängen engagiert waren. Eine solche Gruppe war die Lesbians and Gays Support the Miners (LGSM), einer Gruppe Schwuler und Lesben, die in der London lebte, hauptsächlich aus Studierenden, Schüler_innen und Künstler_innen bestand, die also kulturell denkbar vielen von den Bergarbeitern trennte, eine Berufsgruppe, die ganz bewusst nicht gegendert werden soll. Denn es handelt sich um einen reinen Männerberuf, Frauen waren höchstens in der Verwaltung aktiv. Die gewerkschaftsnahen Frauensolidaritätsstrukturen bestanden vor allem aus den Ehefrauen und den Verwandten der Bergarbeiter. In den Bergarbeiterdörfern galten Schwule und Lesben bestenfalls als Exoten aus den fernen Großstädten. Wie nun ausgerechnet Schwule und Lesben dazu kamen, mit den ihnen kulturell denkbar fernstehenden Bergleuten Solidarität zu üben, ist das zentrale Thema des Films „Pride“. Die zentrale Figur in dem Film ist dabei Mark Ashton, ein charismatischer Jungkommunist und Schwulenaktivist aus Irland, der in früher Jugend bei einem längeren Aufenthalt in Pakistan mit der dortigen Armut konfrontiert und politisiert wurde. Asthon fand bei seinen Vorhaben, die Bergleute zu unterstützen, durchaus nicht nur Zustimmung in der Lesben- und Gay-Community. „Was gehen uns die an, die unterstützen uns doch auch nicht, bekam er an den Kopf geworfen, als er begann Spenden für die Miners zu sammeln. Die kleine Gruppe war nicht erfolglos, doch als sie in die Streikregion fuhren, um die gesammelten Gelder zu übergeben, wären sie fast gescheitert. Denn die Lesben und Schwulen aus London waren für die Mehrheit der Bevölkerung in den walischen Bergbaugebieten wie Bewoher_innen vom anderen Stern. Doch sie gerieten an einen Gewerkschaft, der den er Anspruch der Bergleutegewerkschaft Ernst nahm, dass alle Unterdrückten sich die Hände reichen und gemeinsam für die Befreiung kämpfen sollten. Die Londoner Subkultur war endgültig in den Kreis der Bergleute aufgenommen, als auf einer Versammlung in dem Gewerkschaftsbüro eine Frau die Gewerkschaftshymne anstimmte, die von der Solidarität aller Unterdrückten handelte. Doch ein schnelles Happy End gibt es bei Pride nicht. Zunächst wird der Druck einiger Ewiggestriger in der Bergleutegemeinde, die die rechte Boulevardpresse einschaltete, so stark, dass die der Gewerkschaftsvorstand die Kooperation mit der LGSM beendete. Die waren natürlich sehr enttäuscht, hatten sie doch in London gerade ein Massenkonzert auf die Beine gestellt. Besonders für Asthon war die Entscheidung eine Niederlage. Doch einige Wochen später, als sich die Schwulen- und Lesben-Community ihre alljährliche Parade in London zelebrierte, eine große Delegation von Bergleuten in der ersten Reihe. Mag manche Szene in Pride auch etwas kitschig geraten sein, dieses Ereignis ist historisch ebenso verbürgt wie das große Engagement von Mark Asthon. Der Gründer der LGSM starb 1987 im Alter von 26 Jahren an Aids. Die Solidaritätsarbeit mit den Minerstrike war der Höhepunkt seines kurzen Lebens. Die LGSM ist ein wichtiges Beispiel von einer Streiksolidarität, die von Menschen außerhalb von Betriebs- und Gewerkschaftszusammenhängen ausging und sie ist ein Exempel dafür, dass kulturelle Differenzen im gemeinsamen Kampf an Bedeutung verlieren. Die Lesben und Schwulen und die Miners waren von verschiedenen Unterdrückungsformen betroffen, doch sie pflegten nicht ihre jeweiligen Identitäten und Kulturellen sondern reichten sich die Hände zur Solidarität, wie es im Refrain der Hymne der Bergarbeiter_innengewerkschaft hieß. Es ist das Verdienst von Pride dieses historische Beispiel von vor knapp 30 Jahren wieder etwas bekannter gemacht zu haben.

Von Grunswick-Streik zum Minerstreik

Natürlich ist eine Spielfilm keine Geschichtsstunde und so kann mensch nicht erwarten, dass Pride den historischen Kontext mit berücksichtigt, in denen Organisationen wie die LGSM erst entstehen konnten- Es waren die späten 70er Jahre in Großbritannien, als Subkultur und proletarische Politik für einen kurzen Moment zusammenkamen. Ein zentrales Moment darin war der Streik der Beschäftigten der Firma Grunwick im Jahr 1977. Es war der längste Ausstand in London und die Streikenden waren überwiegend Frauen aus Asien, die eigentlich schwer zu organisieren waren. Solidarität bekamen sie von den neuen linken Bewegungen, die Mitte der 70er Jahre auch in London am Wachsen waren. Aber auch Arthur Scargill kam zur Unterstützung, der militante Vorsitzende der Bergleutegewerkschaft beteiligte sich gemeinsam mit vielen Miners am Solidaritätsstreik. In der gemeinsamen Aktion von Gay-Aktivist_innen und Arbeitermilitanten wurde die Grundlage für die LGSM 7 Jahre später gelegt. Mit dem Grunwick-Streik gelang es erstmals, die Gewerkschaften für die Belange von Frauen aus Asien zu interessieren. Es entstand eine Front der Solidarität, die aus Teilen der linken Subkultur, Gewerkschaften und verschiedenen Flügeln des Arbeiter_innenmarxismus zusammengesetzt war. So wurde die historisch kurze Zeitspanne eingeleitet, als linke Subkultur und der radikale Flügel der fordistischen Arbeiter_innenbewegung kooperierten. Scargill und Gay-AktivistInnen beteiligten sich gemeinsam an der Solidarität mit dem Grunwick-Streik. Diese Zusammenarbeit setzte sich noch bis zum großen Minerstreik fort, der Mitte der 80er die letzte große Schlacht gegen den Neoliberalismus war und verlorenging. Der Kampf gegen den Streik wurde von der Pinochet-Freundin Margreth Thatcher als innerer Bürgerkrieg geführt. Mit der dunklen Thatcher-Epoche endet auch in Großbritannien die Ära der Kooperation zwischen Subkultur und Arbeiter_innenbewegung. In Deutschland war diese Kooperation immer minoritär. Seitdem sind die Subkultur und die verschiedenen Minderheitenaktivitäten nur Teil der Repräsentanz im Neoliberalismus und die Arbeiter_innenbewegung entmachtet. Der Film Pride erinnert an die gesellschaftlich kurze Zeit des gemeinsamen Aufbruchs und an einen der Protagonisten.

Link zum Film Pride:

http://www.senator.de/movie/pride

Weitere Hinweise zu Mark Asthon:

http://www.mtv.com/artists/mark-ashton/biography/

Peter Nowak

02:24 08.02.2015
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