Szenen aus dem Mieterleben

House of Hope Die Performancegruppe Postthaater widmete einen Theaterabend dem Berliner Wohnungsmarkt
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Am vorletzten Wochenende trafen sich Aktivist_innen, die in Berlin ein von Staat und Behörden unabhängiges Soziales Zentrum etablieren wollen. Das Konzept ist schon weit entwickelt. Nur einen Ort für das soziale Zentrum gibt es noch nicht. Dass es genügend Orte gäbe, zeigte sich am Abend des 5. März. Nach dem Ende des Treffens besetzten die Aktivist_innen ein Haus in der Köpenicker Straße. Sie verließen es aber bereits vor dem Eintreffen der Polizei. Wahrscheinlich haben die AktivistInnen damit gerechnet und wären in ein Dilemma gekommen, wenn es keine Räumungsabsichten gegeben hätte. Dann säßen sie jetzt in einer kalten, unfreundlichen Bude. Dabei gibt es bessere Alternativen in bester Berliner Lage. Ein gut erhaltenes Gebäude wird in der Mitte Berlin im Herbst frei. Das Gebäude Klosterstraße 44, ganz nahe am Alexanderplatz und doch hat es fast dörfliche Atmosphäre. Nur wenige hundert Meter entfernt tobt das Konsument_innenleben. Bisher hatte in dem Gebäude der Theaterdiscounter, ein Treffpunkt für junge freche Theaterkunst in dem Gebäude ihr Domizil. Im Herbst müssen sie es verlassen. Dann sollen dort teure Lofts entstehen, wenn nicht doch noch eine Besetzung dazwischen kommt.

Dass die Gentrifizierungspläne bekannt wurde, ist dem neusten Stück des Theaterdiscounters mit dem Titel „House of Hope“ zu verdanken, das in dieser Woche vier Mal im Berliner Theaterdiscounter zu sehen war.

Zwischen Alptraum und Vision

„Einen Theaterabend über das Wohnen zwischen Alptraum und Vision“ versprechen die Künstler_innen. Schon beim Einlass wird man in kleine Gruppen aufgeteilt und wie die Interessent_innen der neuen Loft durch das Haus geführt. Dabei werden gleich die Pläne für die neuen Lofts erklärt. Ist das jetzt Realität, wollte eine Besucherin wissen? Als die Theatergruppe erklärte, dass es recht preiswerte Ateliers in den neuen Gebäuden geben soll, spitzen einige der Besucher_innen, von denen viele etwas mit Kunst machen, die Ohren. Im Theatersaal angekommen, werden dann die Besucher_innen nach ihren Wohnverhältnissen platziert. Eigentumswohnungsbesitzer_innen und Baugruppenbewohner_innen können in der oberen Reihe sitzen. Dann folgen die Mieter_innen mit den großen Wohnungen. In den untersten Reihen sollen die Mieter_innen mit den kleinen Wohnungen Platz nehmen. Es blieb allerdings bei den Eigenauskünften. Belege mussten anders als im realen Leben keine beigebracht werden. Dagegen waren die Szenen, die die Gruppe Post Theater danach spielte, sehr wohl aus dem realen Mieter_innenalltag gegriffen. Besonders gut getroffen war die Szene, wo ein älteres Ehepaar die fünfunddreißigste Wohnungsbesichtigung über sich ergehen lassen muss. Weil sich die Maklerin verspätete, wagten die Altmieter mit begrenzten Einkommen an das Gewissen des jungen Emporkömmlings, der sich für die Wohnung interessierte, zu appellieren. „Wenn sie hier einziehen, müssen wir hier weg“. Der reagiert kaltschnäuzig. „Für Rentner ist es doch ganz angenehm am Land zu wohnen." Dann kam die durch einen Stau aufgehaltene Maklerin dazu und drohte denn nun sichtlich eingeschüchtert wirkenden Mieter_innen mit einer Klage, weil sie durch ihr Verhalten, die Verwertung der Wohnung für den Eigentümer beeinträchtigen. „Ist das real, fragt da niemand mehr. Alle wissen es. Sehr gut auch die Szene, wo eine Studentin beim Vorstellungsgespräch für ein WG-Zimmer von zwei Männern nach ihren sexuellen Vorlieben gefragt wird. Die couragierte Frau lässt sich nicht einschüchtern und fragt, wieso das kleine Zimmer 800 Euro kosten soll. Schnell stellte sich heraus, dass es eine Geldanlage für die Vermieter werden soll: „Das bringt sogar mehr als Ferienwohnungen“. Aufgelockert wird der erste Teil des Abends mit Einführungen in den aktuellen Krieg gegen Mieter_innenrechte. So wird sehr prägnant auf die energetische Sanierung als Goldesel der Vermieter_innen durch einen Styroporpullover um die Häuser eingegangen. Über die aktuellen Mietpreise wird gesagt, wer es vor 20 Jharne progostiziert hätte, wärefür verürckt erklärt worden.

Utopie oder Wohnhölle?

Der zweite Teil befasst sich mit dem titelgebenden House of Hope, einen 50stöckigen Hochhaus, das auf dem Alexanderplatz errichtet werden soll. Auch hier steckt viel Realität dahinter, wenn man sich über die Ausbaupläne am Alexanderplatz informiert, die beispielsweise in der aktuellen Ausstellung Demo:polis - das Recht auf öffentichen Raum" (http://www.adk.de/de/projekte/2015/demopolis/ ) in der Akademie der Künste am Hanseatenweg (http://www.adk.de/de/programm/aktuell/?we_objectID=49902 ) zu sehen sind.

Das Haus of Hope erinnert auch an aktuelle Projekte wie die Pläne der Gruppe Raumlabor für das Haus der der Statistik am Alexanderplatz (http://raumlabor.net/haus-der-statistik/ ).

Fiktiv ist hingegen das Innenleben des House of Hope, in dem historische Vorstellungen eines kollektiven Wohnens wie sie im Umfeld der Kibbuzbewegung in Israel aber auch im ersten Jahrzehnt nach der Oktoberrevolution in der Sowjetunion propagiert wurden in die Jetztzeit verlagert werden. Es geht um Wohnen mit Gemeinschaftsküchen, Gemeinschaftsgärten, Gemeinschaftsbibliotheken, alle Mieter_innen dürfen nur 50 Kilogramm persönliches Eigentum besitzen. .Auch dazu gab es einige schöne Szenen über den Alltag im Gemeinschaftsgarten oder der Gemeinschaftsbibliothek.

Die Zusammensetzung der Mieter_innen soll exakt die Bevölkerungsstruktur wiederspiegeln. So sollen sich Reiche und Arme, Biodeutsche und Migrant_innen auf Augenhöhe begegnen Doch schnell wird der Unterschied zu den historischen Modellen deutlich. Damals sollten diese Häuser Teil einer egalitären Gesellschaft sein, in der es keine Armen mehr geben sollte. Im real existierenden Kapitalismus hingegen gehtt es nur um die prozentual genau austarierten Repräsentanz. Schummeln war vorprogrammiert. Um an die begehrten Wohnungen zu kommen, wurden Biographien retuschiert. Ein hausinterner Geheimdienst sollte solchen Tricks auf die Spur kommen. Der Selbstmord einer Mieterin war die Folge und zeigt gleichzeitig das Scheitern dieser Utopie eines kollektiven Wohnens im Kapitalismus. Es kann kein politisches Ziel zu sein, Reiche und Arme sollen in einen Haus wohnen, sondern es soll gar keine Armut mehr geben und der Reichtum soll eine neue Bedeutung bekommen, weg von Privatbesitz hin zu einer gesellschaftlichen Ressource.

Wenn vor allem im zweiten Teil nicht alle Darstellungen überzeugen,so war es doch insgesamt ein guter Abend über den Krieg gegen die Mieter_innen.

Peter Nowak

Link zum Theaterstück:

http://www.theaterdiscounter.de/stuecke/house-of-hope

02:12 13.03.2016
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