Theater der Zeit

Vierte Welt Zwei sehr unterschiedliche künstlerische Darbietungen werden zur Zeit in der Vierten Welt am Kottbuser Tor in Berlin angeboten
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Wer eine Theateraufführung in der Vierten Welt mitten in Berlin-Kreuzberg besucht, muss von den traditionellen Theatervorstellungen Abschied nehmen. Meistens erinnern Tische und Bänke eher an einen Klassenraum und die Theaterleute stehen am Anfang dazwischen wie Lehrende. Zurzeit stehen zahlreiche Monitore im Raum. Sie sind Teil einer eher missglückten Aufführung von Johannes Dulin. Ein Künstlerpärchen hat die Gelegenheit durch die Freundschaft mit einen bei der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung angestellten Pakistani, kostenlos nach Pakistan zu reisen und dort die Oberschicht kennenzulernen. Sie drehen darüber einen etwas zu langen Film, den sie dann während der Aufführung des Stücks „ Pakistan [does not] exist“ vorführen. Dafür prägen sie gleich einen neuen Begriff und nennen den Reisekinoabend „Theatrale Videoinstallation“. Ein Teil des schon spärlich erschienenen Publikums verlässt im Laufe des Abends den Raum, weil sie eben merken, es wird einfach ein Film gezeigt. Die theatralischen Effekte, die von den Künstlern wohl auch geplant waren, fühlen wegen dem spärlichen Publikum aus. Etwas mehr Inspiration hätte man schon erwarten können, als ein nerviges Kind, das ständig durch das den Film hampelt, was wohl auch eine künstlerische Intervention sein soll. Schade für den verschenkten Abend, denn stellenweise ist schon interessant zu sehen, wie im Film eine pakistanische Oberschicht in ihren vollklimatisierten Luxusunterkünften so fern von den Problemen der großen Masse der Bevölkerung zu sehen isst. Hunger, soziale Not und islamistischer Terror scheinen in dieser Welt unbekannt. Stellenweise erinnern einen die Szenen an den Bericht von Leo Trotzki über die russische Gesellschaft am Vorabend der Oktoberrevolution. Nur werden es in Pakistan nicht die Bolschewiki oder andere Linke sein, die diese Welt auf dem Müllhaufen der Geschichte kehren könnten, sondern die regressiven Islamisten, die sogar vor einen Attentat einer minderjährigen Kinderrechtlerin nicht zurückschrecken .

Leo Strauss und Sayyid Qutb

Etwas mehr Mühe geben sich Judith von der Werff und Daniel Freymüller, die in der Regie von Dirk Cieslak den Theaterabend „Angst machen – Platz nehmen“ gestalten. Dort werden die Biographien von zwei Männern nebeneinandergestellt, die sich nie begegnet sind und die auch nie auf einander Bezug genommen haben. Gemeinsam ist nur, dass beide in die USA migriert sind. Der deutsch-jüdische Philosoph Leo Strauss wird sich dort schnell integrieren und wird heute sogar zu einem Doyen der neokonservativen Schule erklärt, was aber umstritten. Dagegen wird mit Sayyid Qutb ein ägyptischer Lehrer vorgestellt, der zwei Jahre im Auftrag des ägyptischen Bildungsministeriums in den USA gelebt hat, um neue Ideen auf dem Gebiet der Bildungspolitik in die USA zu übernehmen. Bald entwickelte sich Qutb zum USA-Hasser und Islamisten, der dem Nasser-Regime gefährlich wurde und 1966 hingerichtet. Lange Zeit war er nur in engen Kreisen bekannt, aber nach den islamistischen Anschlägen vom 11. September wurde auch Qutb als einer der Urväter des Islamismus neu entdeckt. Die Theatermacher_innen haben den Anspruch, die Politik der Angst offenzulegen, die danach in der offiziellen Politik Einzug hielt. Den beiden Künstler_innen gelingt es, den Spannungsbogen zu halten und mit Sprechgesang, Pantomime, Videos und Zeichnungen einen unterhaltsamen stellenweise lustigen Abend zu bestreiten.

Peter Nowak

Angst machen - Platz nehmen

Bis 27.Okt. |

Die nächsten Vorstellungen: Fr. 12. / Sa. 13. / Fr. 19. / Fr. 26 / Sa. 27. Oktober, 20 Uhr,

Pakistan [does not] exist

Bis 25.Okt. | Theatrale Videoinstallation |

Do. 11. / Sa.. 20. / Do. 25. Okt. 2012

jeweils 20 Uhr, Vierte Welt, Adalbertstr. 4, Galerie

02:15 12.10.2012
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