Peter Nowak
03.09.2010 | 01:37 1

Theater im Regen

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Peter Nowak

Ca. 80 Personen sitzen in blauen Regenponchos auf einer kleinen Bühne im Hof zwischen Alten und Neuen Nationalgalerie auf der Berliner Museumsinsel. Sie warten auf den Beginn der Aufführung des Trauerspiel Penthesilea und Achill von Heinrich von Kleist. Das Ensemble besteht aus ehemaligen Gefangenen, Freigängern und Schauspielern. Den 12 Männer und 11 Frauen gelingt es, dass Publikum zu beeindrucken. Schnell zeigt sich der Vorteil des Spielorts zwischen den beiden Museen. Die Schauspieler verstecken sich zwischen den Säulen und als die Wolkendecke aufbricht wirft die Abendsonne ein schwaches Licht auf die Säulen. Langsam wird es dunkler und die Scheinwerfer tauchen die Szene in gleisendes Licht. Im Hintergrund fährt die S-Bahn vorbei und die man auch die Geräusche der Vögel, die ihr Domizil in den alten Bäumen vor dem Lustgarten haben, fügen sich gut in das Stück ein. Der Regen am Anfang des Stücks, der bald nachlässt, ist nicht etwas Lästiges, was man ertragen muss, sondern Teil der Szene und der Wahrnehmung. Hier merkt man erst, wie eingeschränkt ein Theaterabend an den vollklimatisierten Theatern ist. Während dort die Bühne der kleine Bereich ist, auf dem das Stück spielt, ist beim Open-Air-Theater die gesamte Szene einschließlich des Zuschauerbereichs Theater.

Amazonensaga

Kleists Amazonensaga ist schon sehr oft aufgeführt worden. Jede Inszenierung setzt seine eigenen Akzente. Auf der Museumsinsel setzte man auf Aktualisierungen. Man hatte gelegentlich den Eindruck, hier stünden, wie bei einer aktuellen Straßenschlacht ein autonomer Frauenblock einer Polizeiarmada mit Schild und Schlagstock gegenüber.

„Hellas, Hellas – heim ins Reich“ skandierten die Männer öfter. Mehrere Gesangseinlagen boten Anleihen aus dem Fundus der Volksmusik. Damit wirkt das Stück sehr lebendig und hat die Patina verloren, die das Kleist’-Stück oft angesetzt hatte. Zu seinen Lebzeiten war die Antike wieder entdeckt worden und avancierte schnell zum Sehnsuchtsort des ökonomisch aufstrebenden aber politisch machtlosen Bürgertums in Deutschland.Der Theaterabend auf der Museumsinsel ist absolut empfehlenswert, unabhängig von der Witterung.

Peter Nowak

Weitere Vorstellungen bis 5. Und vom 5. bis 12. September 2010, jeweils um 19 Uhr.

Museumsinsel Berlin, Hintere Kolonnaden zwischen Neuem Museum und Alter Nationalgalerie, Bodestr. 1

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