Peter Nowak
25.04.2011 | 11:00 3

Tödliche Medikamente

Todesstrafe Präparate, die nicht nur Leben retten: Was ein europäischer Pharmakonzern mit der Todesstrafe in den USA zu tun hat

Das Selbstbild ist jedenfalls eindeutig: „Lundbeck ist ein forschendes, pharmazeutisches Unternehmen. Unser Fokus liegt auf der Entwicklung innovativer Medikamente, die zur Behandlung von Störungen des Zentralen Nervensystems (ZNS) eingesetzt werden: u.a. bei Depressionen, Schizophrenie, Morbus Alzheimer, Angststörungen und Morbus Parkinson.“ Das dänische Unternehmens, das in über 50 Ländern – unter anderem in Hamburg-Harburg – Niederlassungen hat, will demnach die Lebenssituation von Menschen verbessern, die am Zentralnervensystem erkrankt sind.

Doch bei Lundbeck hergestellte Präparate retten nicht nur Leben. In den USA ist das Unternehmen der einzige Lizenzträger für das Betäubungsmittel Pentobarbitural, das künftig bei Hinrichtungen mittels Giftspritze eingesetzt werden soll. Damit soll das Narkosemittel Thiopental ersetzen werden, das nicht mehr eingesetzt werden kann. Bürgerrechtsgruppen hatten Alarm geschlagen, nachdem drei zum Tode Verurteilte bei ihrer Hinrichtung grauenvolle Qualen erlitten hatten, weil das Narkosemittel versagte. In allen drei Fällen wurde nach Recherche von Menschenrechtlern das Narkosemittel Thiopental von der britischen Firma Dream Pharma an die US-Bundesstaaten Kalifornien, Georgia, South-Carolina, Arkansas und Arizona geliefert. Die britische Menschenrechtsorganisation Reprieve sorgte mit einer Klage vor dem Obersten Gerichtshof dafür, dass Dream Pharma das von ihr geliefertes Narkosemittel zurückzuholen musste.

Damit stehen die Justizbehörden der 35 US-Bundesstaaten, die die Todesstrafe vollstrecken, vor einem Problem. Die Vorräte für den Gift-Cocktail, mit dem die Todeskandidaten ins Jenseits befördert werden, sind zur Neige gegangen und können nicht wieder aufgefüllt werden. Der einzige in den USA zugelassene Hersteller stoppte nach Protesten von Menschenrechtsorganisationen die Produktion. Der Plan des Herstellers Hospira, das Narkosemittel Natrium-Thiopental in Italien weiterproduzieren zu lassen, nachdem die US- Produktion im August 2009 wegen eines Engpasses bei einem chemischen Bestandteil gestoppt werden musste, scheiterte ebenfalls. Italien verbot den Export des Medikaments in die USA, nachdem Menschenrechtsorganisationen bekannt gemacht hatten, dass es dort zu Hinrichtungen verwendet werden soll.

Mittlerweile hat Hospira das Produkt vollständig vom Markt genommen. Als Unternehmen, das sich auf dem Markt einen Namen gemacht hat, weil es Medikamente zur Lebensrettung produziert, sei man nicht bereit, die Herstellung von Produkten zu unterstützen, die für die Vollstreckung der Todesstrafe genutzt werden, begründete Hospira-Vizepräsident Kees Gioenhout diesen Schritt. Mittlerweile mussten mehrere US-Bundesstaaten schon terminierte Exekutionen wegen des fehlenden Präparats verschieben. Die Hinrichtung des wegen Vergewaltigung und Frauenmordes zum Tode verurteilten Cleve Foster war auf Anordnung des Obersten Gerichtshofs der USA wegen des fehlenden Narkosemittels ausgesetzt worden.

Lundbecks ethisches Dilemma

Menschenrechtsgruppen verstärken den Druck auf Lundbeck, weil sie verhindern wollen, dass das Unternehmen mit seinen Präparaten die Vorräte für die Hinrichtungsspritze in den USA wieder auffüllt. Das „Netzwerk gegen die Todesstrafe“ initiierte eine Petition, in der Lundbeck aufgefordert wird, eine Klausel in die Verträge mit seinen Vertriebsfirmen einzufügen, mit der die Weitergabe des Präparats an die Todeskammern in den US-Bundesstaaten untersagt werden soll. Das Netzwerk verweist dabei auf das 13. Protokoll der Europäischen Menschenrechtskonvention, das nicht nur die Todesstrafe in Europa verbietet sondern auch die europäische Politik auffordert, sich weltweit für die Abschaffung der Todesstrafe einzusetzen.

In einer Stellungnahme versicherte der Lundbeck-Manager Eberhard Lüdtke, sein Unternehmen lehne die Todesstrafe kategorisch ab und habe den Global Compact der Vereinten Nationen (UN) gegen die Todesstrafe unterzeichnet. Die Verwendung eines in seinem Unternehmen hergestellten Präparats als Bestandteil des Gift-Cocktails für die Hinrichtungsmaschenerie in den USA stelle sein Unternehmen vor ein ethisches Dilemma, klagte Lüdtke.

„Lundbeck hat alle Möglichkeiten untersucht, den Missbrauch von Pentobarbital in den USA zu stoppen. Hochrangige Rechtsexperten sind leider zu dem Ergebnis gekommen, dass die … "Endverbraucher-Klausel" in den Verträgen auch nicht vor der missbräuchlichen Anwendung schützt. Die einzige Alternative wäre, das Produkt vollständig vom Markt zu nehmen, was sehr negative Konsequenzen für die schwererkrankten Patienten hätte“, erklärte Lüdtke.

Es wird sich zeigen, ob das Unternehmen bei dieser Position bleibt. Das Netzwerk gegen die Todesstrafe will in der nächsten Zeit verstärkt um Unterstützung für die Petition werben, die Lundbeck jedes Geschäft mit dem Tod verbieten will. Die Unterschriften sollen am 10.12.2011, dem internationalen Tag der Menschenrechte, bei der deutschen Lundbeck-Niederlassung in Hamburg-Harburg übergeben werden.

Kommentare (3)

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Ehemaliger Nutzer 26.04.2011 | 11:51

Herr Nowak,

da braucht doch niemand wegen eines solchen Mittels zu protestieren. Die Todesstrafe selber ist der eigentliche Skandal. Wenn man einen Menschen medikamentös vom Leben zum Tode befördern will, reicht es im Grunde vollkommen aus, ihm ein strakes Schlafmittel zu injezieren und dann an einen Tropf mit Kaliumchlorid zu hängen. Die Nervenfunktionen werden schnell zusammenbrechen und nichts funktioniert mehr im Körper, weil die Kaliumkonzentration das defizile Gleichgewicht des Informationstransports in den Nervenbahnen zusammenbricht.

Was Sie dort beschreiben ist reine Beutelschneiderei der Pharmaindustrie. Man kann theoretisch auch die Mittel einsetzen, die zum Einschläfern anderer Säugetiere benutzt werden, schließlich sind wir Menschen auch Großsäuger, deren operationale Basis auf vergleichbaren Funktionsprinzipien beruhen.

Jan Fremder 26.04.2011 | 22:29

Hatte Gedanken in ähnliche Richtung, wie Kunibert Hurtig.

Warum es zur Knappheit von Präparaten kommt, kann ich mir nicht erklären.
Zum Einschläfern von Säugetieren werden ja einerseits Kombination aus Gift (z.B. „T61“) und Narkotikum eingesetzt. Denn es kann bei diesem klassischen Präparat für diese Anwendung ohne Narkose zum bewussten Erleben des Erstickungstodes führen. Trotzdem war das in der Vergangenheit anscheinend die günstigere Methode. Ansonsten gibt es noch lang und schnell wirkende Barbiturate, wie das genannte (Natrium)Pentobarbital. Dies wirkt als Einzelpräparat, die letale Dosis für einen Homo sapiens, von normaler Statur, liegt bei 16-18 g, iv und kostete, wenn ich richtig informiert bin, in D früher ungefähr 70 EUR, damit etwas teurer als die andere Lösung.
Aber auch hier wird in zwei Phasen appliziert, die erste Hälfte gibt man langsam, bis die Narkose wirkt, die zweite Hälfte führt dann zum Eintritt der Herz/Lungenlähmung, von der dann hoffentlich nichts mehr mitbekommen wird.
Vielleicht ist der Preis der Grund, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass in den USA mehr Menschen getötet werden sollen als (andere große) Säugetiere(?)

Weitere, klassische sonst oral eingenommene „Suizidpräparate“, wie Phenobarbital („Luminal“), werden immer noch in Massen produziert und vor allem als Antikonvulsivum eingesetzt. Andererseits ist da in den normalen Produkten vom Markt wohl ein Emetikum beigemischt, das die Überdosierung erschweren soll (oder es liegt an der Einnahmeform des Produktes selbst).
Des weiteren wirkt es langsamer als andere Barbiturate und für die letale Dosis sind größere Mengen nötig, was früher die Kombination mit Alkohol als „Wirkverstärker“ notwendig machte (z.B. klassisch: Röhrcheninhalte auflösen in einem großen Glas mit alkoholischem Getränk). Kann man also nicht ohne weiteres für diese Zwecke verwenden. Während der Nazi-Zeit hat Luminal dazu gedient, insbesondere in Heimen, die Insassen über vorher berechnete Dauer hinweg zu schwächen und in Kombination mit systematischer Unterernährung eines nach außen hin „natürlichen Todes“ (meist stand dann „Lungenentzündung“ auf dem Schein) sterben zu lassen. Vielleicht hat es auch dadurch seinen schlechten Ruf weg.

Im Tierversuch sind (Edel)Gase (oder auch Stickstoff / N oder Helium / He) anscheinend so gut wie leidfrei. Und die Wirkung wird teilweise sogar als „euphorisierend“ beschrieben.
Da gab es Experimente mit Hausschweinen, wo man Futter in eine geflutete Gaskammer gestellt hat (mit N, glaube ich). Die sind in die Kammer zum Fressen, haben dann irgendwann hyperventiliert und sind umgekippt. Bevor sie gestorben sind, wurden sie aus der Kammer entfernt (anders als bei CO gibt es keine „Vergiftung“). Nach dem Aufwachen wollten sie von ganz alleine wieder zum Fressen in die Kammer, also kann die Wirkung nicht so schrecklich erlebt worden sein. (Oder die Erinnerung daran ist weg).

Deswegen verstehe ich das in den USA angewendete Prozedere nicht. Wenn schon Menschen umgebracht werden "müssen", warum dann so übel und nicht wenigstens genauso „human“, wie es zumindest auch Haustieren zusteht oder sich in der Suizidpraxis bewährt hat.

Peter Nowak 27.04.2011 | 05:04

Es ist im US-Gesetz so geregelt, dass es für die Todesstrafe ein besonderes Prozedere bedarf und dass die Häftlinge iczt zu starkleiten sollen (Stichwort humanes Sterben). Deswegen wurde die HInrichtung ausgesetzt, nachdem der Tod bei dem letzten Mittel besonders grausam war und deswegen besteht auch der Engpass an Narkosemittel und dadurch auch die Chance, die Todesstrafe zu stoppen, in dem einfach keine Firma die Mittel mehr zur Verfügung stellt.