Unbequeme NS-Opfer

Dagmar Lieske Die Historikerin legt ein Standardwerk über als Berufsverbrecher stigmatisierte NS-Opfer vor
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Die Schriftstellerin und Buchautorin Roswitha Quadflieg ist im bürgerlichen Kulturbetrieb angesehen. Kürzlich war sie Gast im Deutschlandfunk und plauderte über ihr Leben und ihre Arbeit. Dabei erwähnte sie auch ihren 2009 veröffentlichten Roman „Der Glückliche.: Roman in zehn Stimmen“. Dort hat Quadflieg die Biographie des Stadtarztes von Speyer D . L .W. aufgeschrieben, der in seiner Heimatstadt als Querulant galt und 1938 wegen Beleidigung Hitlers eingesperrt und aufgrund eines ärztlichen Gutachtens in die Heil- und Pflegeastalt Lohr verbracht wurde. Er überlebte. Doch, wie viele Opfer der NS-Psychiatrie bekam er nach dem Ende des NS keine Entschädigung. Im Gegenteil, musste er noch 1959 in der Psychiatrie zubringen. Im Alter von 72 wurde er 1959 entlassen und stürzte wenige Tage später bei einer Wanderung in den Bergen in den Tod. Sein Sohn versuchte ihm posthum Gerechtigkeit zukommen zu lassen und wollte erreichen, dass er amtlich als NS-Opfer anerkannt wird. Nun könnte man denken, dass Quadflieg mit ihrem Buch diese Bemühungen unterstützte. Doch weitgefehlt. In dem Deutschlandfunk-Interview erklärte sie, dass in dem Fall von allen Seiten gelogen wurde, und der Sohn schließlich entsetzt gewesen sei, dass in dem Buch ihr Vater nicht posthum rehabilitiert wurde. Sie habe 10 unterschiedliche Stimmen und 10 unterschiedliche Wahrheiten zu Dr. L.W. in dem Buch versammelt, erklärte Quadflieg. Dabei raunte sie nebenher etwas von Geldkonten, die der Arzt tatsächlich in der Schweiz gehabt habe. Dass ein Hitler-Gegner im NS sein Geld außerhalb Deutschlands deponiert, wird noch Jahr 2018 von einer Bürgerlichen offen gegen ihn in Anschlag gebracht. Das Pikante dabei. Roswitha Quadflieg wurde 1949 in Zürich geboren, weil ihr Vater nach 1945 als Schauspieler, der sich dem NS angedient und sogar an Propagandafilmen mitgewirkt hat, zeitweilig keine Aufträge bekommen hatte. Das änderte sich bald. Will Quadflieg wurde im Nachkriegsdeutschland noch sehr berühmt, wie fast alle Künstler*innen, die während des NS in Deutschland blieben und heile Welt spielten. Wie die meisten wollte er auch nie Nazi sondern immer dagegen gewesen sein. Seine Tochter fand zu der Biographie ihres Vaters kein kritisches Wort im Interview mit dem Deutschlandfunk. Dafür verwies sie noch mal mit Stolz auf das Buch, in dem sie von den vielen Wahrheiten über das Leben und Sterben des Hiltergegners Dr.L.W. schwadroniert und sich zu der einen Wahrheit nicht durchringt. Egal, wie verrückt und seltsam er war, wie nervig und unangenehm. Er hat war NS-Opfer, wie alle, die während der braunen Herrschaft in die Mühle von Justiz, Psychiatrie etc. gerieten. Diese einfache Wahrheit kam ihr nicht über die Lippen.

Mit dieser Ignoranz ist sie nicht allein. Das weist die Historikerin und Literaturwissenschaftlerin Dagmar Lieske in ihrem bereits 2016 im Metropol-Verlag erschienenen Buch „ Unbequeme Opfer“ faktenreich nach. Sie untersucht das Schicksal von Menschen, die von den NS-Staatsapparaten als Berufsverbrecher klassifiziert in das KZ-Sachsenhausen inhaftiert waren. Aber das Buch ist mehr als eine Lokalstudie. Lieske hat mit ihrer Arbeit Maßstäbe gesetzt, wenn es um das Thema „Berufsverbrecher“ in Konzentrationslagern geht.

Legenden und Mythen

Über sie haben sich viele Mythen und Legenden gebildet. Dazu gehört auch die Vorstellung, dies „Berufsverbrecher hätten in den KZs im Sinne der Machthaber gewirkt. Das wurde auch von vielen politischen Häftlingen weiter verbreitet und es ist auch gut möglich, dass solche Äußerungen eine Mischung aus eigenen Erfahrungen und Ressentiments sind. Lieske geht sehr differenziert mit dem Thema um. Sie zeigt auf, dass es die „Berufsverbrecher“ nicht gab. Im Gegenteil, waren sie die wohl die diverseste Häftlingsgruppe, weil anders als bei den aus politischen oder religiös Verfolgten keine einheitsstiftende Ideologie vorhanden war. Der Individualismus war also bei ihnen besonders ausgeprägt. Die Bandbreite der von Lieske vorgestellten Personen, die als „Berufsverbrecher“ klassifiziert wurden, reicht von einem überzeugten aber in Ungnade gefallenen Nazi, über Ärzte, die Abtreibungen vornahmen, bis zu Männern, die in den sogenannten Ringvereinen auch Kontakte zur KPD hatten. Daher war auch ihr Verhalten im KZ sehr unterschiedlich. Einige kollaborierten mit der SS, andere verhielten sich solidarisch auch gegenüber anderen Häftlingsgruppen. Viele hielten sich aus allen raus und versuchten nur im KZ zu überleben, was vielen nicht gelang. Lieske stellt die Animositäten zwischen unterschiedlichen Häftlingsgruppen in den Kontext der KZ-Bedingungen. Dort war es fast überlebensnotwendig, sich um eine eigene Gruppe zu scharren und die Kontakte zu Außengruppen möglichst reduziert zu halten. Auch die “Berufsverbrecher“ handelten so und Lieske liefert Material über negative Äußerungen von ihnen über die Gruppe der politischen Gefangenen. Das wird in der auf den Seiten 315 – 316 dokumentierten Ausgabe der Publikation „Wahrheit und Recht“ deutlich, die 1946 von einigen ehemaligen als Berufsverbrecher klassifizierten Häftlingen herausgegeben wurde. „Und hattet Du das Pech Politischer gewesen zu sein, dann ist es doppelt fatal für Dich, wenn Du nicht früher Mitglied der KPD gewesen bist, SPD geht zur Not noch aber die schaut man schon über die Achsel an und ganz verloren ist dein Bemühen, wenn Du einer anderen Partei (von der NSDAP reden wir ja sowieso nicht) , angehört hast“ (S. 315). Nur wenige Jahre später saßen viele der kommunistischen KZ-Häftlinge in Westdeutschland bereits wieder in Gefängnissen, ihre Renten als verfolgte des NS-Regimes wurden ihnen aberkannt.

„Berufsverbrecher“ nach 1945 weiter verfolgt

Dass soviel über die Animositäten zwischen „Berufsverbrecher“ und Politischen in den KZ geredet wird, hat seinen Grund. Dann braucht nicht davon geredet zu werden, wie das Personal, dass im NS die „Berufsverbrecher bekämpfte, nach 1945 in der BRD größtenteils weiter bei der Polizei arbeiteten und ganz selbstbewusst auf ihre Arbeit zwischen 1933 und 1945 verweisen konnte. Am Fall des Kriminalisten Fritz Cornelly (S. 337 ff) wird diese Kontinuität bei Lieske aufgezeigt. Da war es kein Wunder, dass schon mal ehemalige „Berufsverbrecher“ als Zeugen in Prozessen gegen die KZ-Verwaltung mit der Begründung abgelehnt wurden, sie seien minderwertige Charaktere und daher zur Zeugenaussage nicht geeignet. Demgegenüber haben auch die politischen Häftlinge, die sich in ihren Büchern über ihre KZ-Haft despektierlich über die „Berufsverbrecher“ äußerten, größtenteils klargestellt, dass die genau wie sie Unrecht im KZ gesessen hätten. Auch der Generalbundesanwalt Karl S. Bader hat bereits 1946 klargestellt

„Viele kriminell vorbestrafte KZ-Insassen, auch viele Sicherheitsverwahrte, haben (….) unter den Verhältnissen im KZ genauso gelitten wie die politischen Häftlinge. Sie unterlagen denselben Lagergesetzen, derselben Preisgab der Menschenwürde und Menschenverachtung, denselben Schikanen, Strafen und – häufig genug- denselben Todesformen" (S. 264).

Dieser Grundsatz gilt für sämtliche von den NS-Repressionsorganen Betroffenen, doch er ist, siehe Roswitha Quadflieg, bis heute nicht überall Konsens. Daher ist das Buch von Dagmar Lieske so wichtig und verdient viele Leser*innen.

Peter Nowak

Lieske Dagmar, Unbequeme Opfer? „Berufsverbrecher“ als Häftlinge im KZ Sachsenhausen, Metropol Verlag, Berlin 2016, 365 Seiten, ISBN: 978-3-86331-297-9

Link zum Buch:

http://metropol-verlag.de/produkt/unbequeme-opfer_dagmar-lieske/

Dagmar Lieske gehört zu den Initiator*innen einer Petition für die Anerkennung der als Berufsverbrecher oder Asoziale klassifizierten NS-Opfer als Verfolgte des Nationalsozialismus, die viel Unterstützung verdient.

https://www.change.org/p/deutscher-bundestag-anerkennung-von-asozozialen-und-berufsverbrechern-als-opfer-des-nationalsozialismus

23:09 28.08.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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