Und plötzlich kamen die Investoren

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Der Film Lychener Straße 64 dokumentiert eine vermeidbare Niederlage in einem Mieterkonflikt


Anfangs sind die Mieterinnen und Mieter der Lychener Straße noch kämpferisch. Das buntzusammengewürfelte Häufchen von Menschen, die noch im Jahr 2005 in einem unsaniertem Haus in Prenzlauer Berg mit Kohleofen und Außentoilette wohnen, haben gerade erfahren, dass ein Investor aus Leipzig das Haus gekauft hat und die Sanierung unmittelbar bevorsteht. In dieser Situation sagt eine Mieterin sinngemäß: Die rechtliche Situation ist die eine Sache. Aber noch sind wir hier und wir lassen uns nicht einfach von wildfremden Menschen aus Leipzig vorschreiben, wiewir zu leben haben.Zu dieser Zeit lernt sich die Hausgemeinschaft erst richtig kennen. Der äußere Druck schweißt für kurze Zeit zusammen. Genau hier beginnt auch der Film. Die beiden RegisseureJakobRühle und Teresina Moscatiello, die selber in dem Haus wohnten, zeigten, wie schnell die kämpferische Stimmung verflogen ist. Schon nach wenigen Wochen packten die ersten Mieter die Koffer. Am Ende harrten der ukrainische Student Viktor und seine Freundin Ljusik alleine auf der Baustelle. Als das Pärchen in eine noch schlechtere Ersatzwohnung ziehen muss, wurden sie vom Eigentümer um die mündlich zugesagte Kaution geprellt. Doch nicht nur die beiden waren in dem Konflikt Verlierer. Die erwerbslose Graphikerin Simone richtete mit der Abfindung ein neues Domizil für sich und ihre 8 Papageien her. Doch kaum war sie damit fertig, informierte sie ein Schreiben, dass auch das neue Haus verkauft wurde und vielleicht bald saniert wird.


Die Starken gehen zuerst

Allerdings Es gab in der Hausgemeinschaft auch scheinbare Gewinner der Situation. So konnte die Schülerin Sophie, die anfangs noch sehr kämpferisch auftrat, mit der Abfindung ihre schon länger geplante Mexiko-Reise nach dem Abitur finanzieren. Der Gastronom Carsten, der einer der längsten Mieter des Hauses war und viel Geld in die Renovierung gesteckt hatte und daher auch eine erkleckliche Abfindung bekam, hatte sich als schnell verabschiedet. Auch Frank, der von seinen politischen Aktivitäten Anfang der 90er Jahre berichtet, geht den Weg des geringsten Widerstands. Er bekommt eine Umsatzwohnung in einem sanierten Haus in der Dunkerstraße, dass nach der Wende besetzt worden war.

Der Prototyp der Generation "Durchschlängeln" aber ist der Tänzer Hermann, der sich zunächst wortreich darüber auslässt, dass der doch so freundliche Eigentümer so gar nicht zum Feindbild taugt. Dass kurz darauf die Schikanen beginnen und Menschen, die keine gültige Mietverträge haben, innerhalb einer Woche ihre Wohnung verlassen sollen und auch die Rechtmäßigkeit von Simones Papageienzucht angezweifelt wird, zeigt das andere Gesicht der Entmietung. Doch Hermann wird deswegen nicht kämpferischer. Er sucht sich neue Nischen bis zur nächsten Sanierung. Er fühle sich durch den Zwang zum Umzug nicht in seinen Grundrechten eingeschränkt, betont er. Da ist es auch nur konsequent, wenn der ganze Komplex des rechtlichen Widerstandes bis auf daskurze Statement von zwei Mieteranwältinnen weitgehend ausgeblendet wird. Das zeigt sich besonders in der letzten Szene, wo der um die Abfindung geprellte Viktor nicht gegen den Eigentümer klagen kann, weil er kein Geld hat. Warum die Hausbewohner nicht in eine Mietrechtsorganisation eingetreten sind, als sie vom Verkauf des Hauses erfuhren, bleibt schleierhaft. Damit wären sie auch in den Genuss des Rechtschutzes gekommen, was eine Klage nicht an fehlenden, individuellen Geldmitteln hätte scheitern lassen.


Generation Aal in Aktion

So verlässt der Zuschauer den Film mit einem schlechten Gefühl nicht, weil die Eigentümer in erster Linie an der Verwertung ihres Besitzes interessiert sind, was unter kapitalistischen Gesichtspunkten nicht anders zu erwarten ist. Auch dass die Mitarbeiter der bezirkseigenen Mieterberatung und der Gesellschaft für behutsame Stadtsanierung (Stern) an der möglichst geräuschlosen Umsetzung der Mieter interessiert sind, kann nicht überraschen, wer deren Aktivitäten Ende der 80er Jahre im damaligen Sanierungsbezirk Kreuzberg noch im Gedächtnis hat. Das eigentlich Beunruhigende ist das unsolidarische Verhalten eines Großteils der Mieter. Diejenigen, die gute Verhandlungschancen hatten, gingen zuerst. So war es kein Zufall, dass das Paar aus dem Osten am Ende leer ausging und die erwerbslose Simone auch in ihrer neuen Wohnung erneut die Vertreibung befürchten muss. Es fehlte eben die Solidarität und die kämpferischen Worte am Anfang waren nur die Ouvertüre für die Unterwerfung einer Generation Aal, für die das Durchschlängeln zum Lebenszweck geworden ist.

Peter Nowak

»Lychener 64«, Regie: Teresina Moscatiello/Jakob Rühle, Deutschland 2010, 84 min

Der Film Lychener Straße 64 läuft am 25.April um 18 Uhr, am 28. April um 19.30 Uhr und am 1 und 2. Mai um 19.45 Uhr im Babylon-Mitte.

16:25 25.04.2010
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