"Wir sind alle in den Verhältnissen gefangen"

Dokumentarfilm "Verdrängung hat viele Gesichter" versucht, Verständnis für die Verlierer und die Gewinner der Gentrifizierung aufzubringen. Ein Gespräch mit Filmemacherin Hanna Löwe
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Warum hat sich das Filmkollektiv „Schwarzer Hahn“ in dem Film "Verdrängung hat viele Gesichter " schwerpunktmäßig mit den Baugruppen beschäftigt?

Hanna Löwe: Baugruppen schienen vor ein paar Jahren ein unbekanntes Phänomen. Es begann mit einer Stadtteilinitiative, die gegen die Bebauung eines Grundstückes durch Baugruppen Sturm lief und die Beteiligung ehemaliger Linker daran angriff. Es kam zu Diskussionen, inwieweit der Bau von Eigentumswohnungen einen Kiez aufwertet und zur Mieterhöhung preisgibt.

Was ist das Besondere an den Baugruppen?

Das spannende war, das sich eine linkssozialisierte einkommensstärkere Mittelschicht und ehemalige „Alternative“ auf Eigentum setzte. Vor Ort wurde damals der Begriff der „Bionade-Bourgeoisie“ dafür kreiert. Der Konflikt ist dann durch die zum Teil etablierte Linke gewandert. Es wurden Fragen gestellt. Wer hat welche Ressourcen, und wer nicht? Wer erbt? Und wer kann es sich leisten den steigenden Mieterhöhungen durch individuellen Kauf auszuweichen statt durch solidarischen Kampf?

Gab es im Kollektiv Schwarzer Hahn nie Diskussionen über den Film?

Natürlich. Eigentlich war dieser Film eher als kleine Reportage gedacht. Aber durch die öffentlichen Auseinandersetzungen gab es so viele interessante Schauplätze, dass wir uns entschieden haben, einen Dokumentarfilm zu wagen. Uns war nur klar, dass wir alle Seiten respektvoll abbilden wollten; ungeachtet der eigenen Position, die wir hatten.

Im Film sieht man, dass Beteiligte an Baugruppen oft aus bildungsbürgerlichen Zusammenhängen kommen und die Debatten über Gentrifizierung und Verdrängung kennen. Hat das den Kontakt vereinfacht?

Der Kontakt mag vordergründig einfacher sein. Aber du hast ein Gegenüber, dass dir ausweicht und deine Sprache und Kultur kennt. Einigen Baugruppenmitgliedern, deren Freunde nicht mitziehen konnten, weil das nötige „Kleingeld“ fehlte, steht einzig das schlechte Gewissen im Weg. Einige der Interviewten haben sich auch deshalb den Gesprächen gestellt, weil sie sich schwer damit tun, von anderen auf der „falschen“ Seite gesehen zu werden – als Gentrifizierer, was erstmal ein abstrakter Begriff ist. Dass sie sich trotzdem der Kamera stellten, ist ihnen hoch anzurechnen, weil daraus soetwas spricht wie ein politisches Gewissen. Was das für die Zukunft heißt, ist offen. Vielleicht verarmen einige von denen plötzlich, wenn sie Kredite nicht bezahlen können, vielleicht klopfen sie dann schamhaft an die Türen unserer Strukturen. Oder sie setzen sich an die Spitze der Strukturen, um wieder mal ihre Pfründe in Sicherheit zu bringen, wenn die Finanzkrise plötzlich andere Qualitäten annimmt, wie beispielsweise in Spanien. Da kann dann das Eigenheim schnell von der Bank geschluckt werden.

Mehrmals werden aus Interviews mit Baugruppenmitgliedern Streitgespräche und es ging um ihre persönliche Verantwortung. Eine solche Diskussion ist mit einem Großinvestor kaum denkbar. Sind die Baugruppen druckempfindlicher gegenüber Mieterprotesten?

Druckempfindlicher sind sie nur zum Teil. Denn trotz Kritik boomt das Geschäft mit Baugruppen. Großinvestoren, nehmen wir mal das CarLoft, wurden ja ganz anders in die Kritik genommen. Aber es gibt durchaus Großinvestoren, die sich der öffentlichen Kritik stellen. Baugruppenmitglieder sehen sich vordergründig als Menschen, die niemand verdrängen wollen. Ein Teil weiß genau, worauf sie sich eingelassen haben. Sie wissen, dass ihr Verhalten andere verdrängt und nehmen es billigend in Kauf. Das sind jene, die die Interviews verweigern, die wissen, das sie die Kritik trifft. Andere haben sich keine Gedanken gemacht. Sie wollen eine Lösung für ihre Probleme, für steigende Mieten und fehlenden Wohnraum, wenn sie Kinder kriegen und was größeres brauchen, aber nichts finden. Die fallen aus allen Wolken, wenn sie mit der Kritik konfrontiert wurden. Und ein Teil hat Rechtfertigungsbedarf. Eine Baugruppe hat sich selber ein Gentrifizeirungsfrei-Zertifikat ausgestellt – aber ein Mitglied derselben Baugruppe vermietet seine Wohnung für 1900,-€ kalt, wohnt selber in München und hat seine Wohnung nie bezogen.

Gleich zu Beginn des Film verweigert eine Baugruppe die Kommunikation. War das öfter der Fall?

Ja. Aber die Kamera war auch recht offensiv. Zum Teil haben wir Anfragen gestellt und man hat uns auflaufen lassen. Wenn die Kamera investigativ vorgeht, dann geht es gleich anders zur Sache. Das müssen die Leute auch Farbe bekennen. Aber wir auch. Wir könnten uns auch total diskreditieren. Wir haben da auch was zu verlieren gehabt. Und wir haben uns entschieden, alle Leute respektvoll darzustellen, auch wenn wir ihre Meinung zum Teil nicht uneingeschränkt teilen.

Im Film wird erwähnt, dass Mitglieder einer außerparlamentarischen linken Gruppe in Baugruppen wohnen und auf Kritik antworten, es handele sich um Sozialneid. Ist das eher die Ausnahme oder ist eine solche Position verbreitet?

Innerhalb der außerparlamentarischen Linken dürfte sich der Lobgesang auf den Bau von Eigentumswohnungen in Grenzen halten. Diese Position wird eher in bürgerlich, akademischen Gruppen vertreten. Wir unterstellen mal, da wo Geld ist, da wo die Erbschaft auf den Nachfolger oder die Nachfolgerin wartet, wo Ressourcen sind, da wird schnell mal die linke Idee dem eigenen Lebenskonzept angepasst. Das gilt ja nicht nur für den Bau von Eigentumswohnungen. In der Jobvergabe spielen die Seilschaften auch eine Rolle. Man geht natürlich in bestimmte Gruppen, weil sich darüber die Biographie aufbauen lässt und ein Job bei einer NGO, einer Stiftung, oder einer Partei oder als Zuarbeiter abfallen kann.

Mehrmals werden im Film die Füße von sprechenden Personen gezeigt, die dann fast wie Hände gestikulieren. War das ein künstlerisches Stilmittel oder wollten die Gesprächspartner nicht frontal ins Bild?

Das hat sich so ergeben. Manchmal mussten wir die Kamera nach unten drehen, weil Gesichtsaufnahmen unerwünscht waren. Bei der ehemaligen Stadtsenatorin Junge Reiher ging die Kamera ganz nah auf den Mund. Das war schon ein Statement, weil sie so phrasenhaft geblieben ist. Diesen Schritt hätten wir auch gegen Kritik verteidigt, aber aus irgendeinem Grund haben wir anders entschieden und es dann rausgeschnitten. Bei einem Politiker waren wir fasziniert davon, wie der mit seinen Füßen redet. Das musste als humoristische Einlage einfach drin bleiben. Im Abspann zeigen wir die vielen Füße einer Demonstration, das war gewollt. Die Füße, das war Dynamik, Bewegung, alles ist im Fluss.

Werden zur Filmpremiere auch die Baugruppenbewohner eingeladen?

Als Filmteam haben wir ein starkes Interesse an einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit der feinen Verästelung der im Film aufgeworfenen sozialen Fragestellungen, die sich über Eigentumsbildung ergeben haben. Wir haben zu einigen Leuten den Kontakt verloren, zu Aktivisten, Betroffenen, Baugruppenmitgliedern. Aber alle die wir erreichen laden wir zu einer großen Kiezpremiere ein. Das wird bestimmt kontrovers. Aber es war ja auch allen bewusst, dass der Film Kontroversen aufmachen kann. Worauf wir stolz sind ist, dass Leute erstaunt waren, dass wir den Baugruppenpositionen soviel Raum lassen. Wir wollten keinen einfachen Film der „Schubladendenken“ bedient. Das wäre schnell gegangen, die Kämpfe der Bewegung als die Position der „Guten“ darzustellen und alles andere zu denunzieren. Wir müssen niemand herabwürdigen, um das Problem beim Namen zu nennen. Wir sind alle in diesen Verhältnissen gefangen, auch wenn einige ihre Privilegien gegen andere verteidigen. Wir möchten sehr gerne eine Veranstaltung auch im Milieu von Baugruppenbefürwortenden machen. Auch um die Leute nicht loszulassen und aufzufordern für eine solidarische Stadt einzutreten. Dazu wird auf der Altreptower Kiezpremiere am 5. November im Circus Cabuwazi Gelegeneht sein. Wir freuen uns auf eine kontroverse Debatte.

Das Gespräch führte Peter Nowak

Der Film Verdrängung hat viele Gesichter hat am 9.10. um 18.30 Uhr in Anwesenheit des Filmteams und Protagonisten im Moviemento Kino Berlin, Kottbusser Damm 22, Premiere. Weitere Termine findet sch auf der Homepage http://berlingentrification.wordpress.com/

baugruppe

Eine Baugruppe ist der Zusammenschluss mehrerer privater Eigentümer_innen zur Eigennutzung oder Weitervermietung einzelner Wohnungen oder Häuser. Im Zuge der Renaissance der Innenstädte als Wohnort nimmt in Großstädten wie in Berlin die Zahl der Menschen vor allem aus dem gutverdienenden Mittelstand zu, die sich in Baugruppen zusammenschließen.

13:46 08.10.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 3