Verschwinden revanchistische Straßennamen?

93 Straßenschilder Heute wird in der Alten Feuerwache in Berlin-Friedrichshain darüber diskutiert, ob die Grünberger Straße in Zielona Gora Straße umbeannt wird.
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„Grünberger Straße, ehem. Rominter Straße, geänd. 1936“. Dieser kryptische Satz steht auf einen pinken Folie, die seit dem 15. August an den Straßenschildern im Berliner Stadtteil Friedrichshain kleben. An anderen Straßenecken werden wir über die Anzahl der Mac Donald-Filialen in Zielona Gora, wie Grünberg seit über 60 Jahren heißt, informiert. „93 Straßenschilder“ lautet der etwas verwirrende Titel einer Intervention im öffentlichen Raum. Es geht um 9 Straßen in Friedrichshain, die noch immer die deutschen Namen polnischer Städte tragen. In Schulatlanten wurden die Städtenamen sehr zum Verdruss der Vertriebenenverbände vor einigen Jahrzehnten aktualisiert. Anfang der 90er Jahre wurde hingegen mit der Kadiner Straße der deutsche Name von Kadyny neu ins Berliner Straßenbild eingefügt. Doch bereits vor 2 Jahrzehnten wurde auch in Friedrichshain die Debatte um die Umbenennung vor allen in der Besetzerbewegung geführt. Damals hat sich der Stadtladen in der Grünberger Straße den Namen Zielona Gora gegeben. Ob vielleicht bald der Name des Ladens und der Straße identisch werden, ist heute Abend Thema in der Alten Feuerwache. Dort gibt es auch zahlreiche Detailinformationen zu den Straßen und den polnischen Städten. Bereits vor der offiziellen Eröffnung der Aktion haben Rechte einige Folien abgerissen und NPD-Aufkleber hinterlassen. Dabei sind mache der Texte zur Intervention selber fraglich und keine Kritik am Revanchismus auf Straßenschildern. So wird behauptet, dass die deutschen Namen das Gedächtnis an ein multikulturelles Europa wachhalten. Während auf einem Straßenschild erwähnt wird, wie viele Einwohner von Grünberg nach der Niederlage des NS Selbstmord verübten, sucht man die Zahl der deportierten Juden vergeblich. Dafür gibt es in der Alten Feuerwache den Bericht eines polnischen Auschwitzüberlebenden, der für VW schuften musste. Davon wollen ja heute viele nichts hören, und sich statt dessen über geklaute Autos aufregen, die angeblich in Polen landen. Auch dieses ressentimentgeladene Geschwätz findet sich in Deutschland noch immer und wird in der Ausstellung auf witzige Art behandelt.

Peter Nowak

Infos zum Projekt:

http://93strassenschilder.de/

03:27 03.09.2015
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