Videos und Theater aus China

Popular Mechanics Aktuell kann man in der Schaubühne und im Times Art Center die chinesische Gesellschaft durch die Brille der Kunst kennenlernen.
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Wer über China redet, denkt hierzulande nur an Polizeistaat, politische Repression und eine totalitäre Gesellschaft. Kein Wunder,China ist ein starker wirtschaftlicher Konkurrent derEU und damit Deutschlands. Entsprechend darauf abgestimmt ist ein Großteil der Berichterstattung. Wer sich über die aktuelle Entwicklung der chinesischen Gesellschaft jenseits dieser Klischees informieren, hat in Berlin gute Gelegenheit über Filme, Videos und Theater. Mit der Kunst gelingt schließlich ein viel differenzierter Blick. So bietet das Times Art Center in der Potsdamer Straße 87 in Berlin einen guten Überblick über die aktuelle Videokunst in China.Seit 7.Dezember 2018 werden dort in einer dreiteiligen Show wenig bekannte Arbeiten chinesischer Künstler*innenpräsentiert. Die letzte dritte Folge endet am 13.April 2019. Wer sich einen Überblick verschaffen will, sollte etwas Zeit mitbringen. Über 40 Videos sind zu sehen, manche dauern nur wenige Minuten, andere auch mal eine Stunde. Dort bekommt man einen hervorragenden Überblick über die Entwicklung der gegenwärtigen Gesellschaft im chinesischen Staatskapitalismus unter Leitung einer nominalkommunistischen Partei.

Starker Fokus auf die Stadtentwicklung

Viele der Videos der aktuellen Show befassen sich mit der Entwicklung der Stadt, andere auch mit der Arbeitswelt in den modernen für den Weltmarkt produzierenden Produktionsstätten in China. Wir erfahren, wie die Menschen damit umgehen, dass jahrhundertealte Stadtteile neuen, modernen Lofts weichen müssen, genau wie bei uns.In vielen der Videos können wir eine Melancholie über den Verlust alter Stadtteile spüren. In manchen Videos werden wir auf einelange Spurensuche in das Hongkong der 70er Jahre mitgenommen. In einen Video sehen wir einen Läufer, der durch die modernen Lofts und Malls läuft, was als subtile Kritik am Verlust der alten Stadtteile gelesen werden kann. Doch ist das vielleicht ein Mittelstandsblick? Empfinden vieleBewohner*innen den Neubau nicht auch als begrüßenswerte Modernisierung? So wie in den 1980er Jahren die Bürger*innenkinderin unsanierten Hinterhäusern die Romantik eines Kachelofens entdeckten, während die proletarischen Vormieter*innen froh waren, keine Kohle mehr schleppen zu müssen. In einem Video geht es um die Rettung eines Stadtteilgartens vor der Gentrifizierung. Er wurde zu einem wichtigen Erholungsort für Auslandschines*innen. Der Garten befindet sich in New York und der Mann, der ihn rettete, ist ebenfalls aus China in die USA migriert. Es wäre interessant zu erfahren, ob auch in China solche Erfolge heute möglich sind. Schließlich wurde auch schon bekannt, dass in China selbstorganisierte Aktivitäten der Bevölkerung möglich und auch erfolgreich sein können. Nur gegen die Staatsmacht dürfen sich die Aktivitäten nicht richten, was bei uns ja ähnlich ist. Nichtregierungsorganisationen, die staatskritisch sind, werden auch hierzulande nicht gerne gesehen.

Von La-La-Land-bis zur Leninrede

Eine andere Möglichkeit, die aktuelle chinesische Gesellschaft durch die Brille der Kunst kennenzulernen bietet sich an der Berliner Schaubühne. Dort ist im Rahmen des Festivals Internationale Neue Dramatik (FIND) die chinesische Produktion „Popular Mechanics“ zu sehen. Erstmals kommt mit der Kompanie New Youth Group eine freie chinesische Theatergruppe nach Deutschland, die mehrheitlich aus Nicht-Schauspieler*innen besteht. Es ist ein Querschnitt der Gesellschaft der auf der Bühne zu sehen und hören ist. Alle sitzen zunächst im Halbkreis auf Stühlen, bevor sie verschiedene Szenen aus selbstgewählten Theaterstücken vorspielen. Der schrille Ton eines Weckers kündigt an, wann ihre Vorspielzeit abgelaufen ist. Vorher gibt es noch eine Kurzvorstellung. Schnell wird deutlich, dass hier tatsächlich die Vielfalt der chinesischen Gesellschaft auf der Bühne zu sehen ist, um diese abgegriffene Floskel mal zu benutzen. Da ist der junge Sportstudent, der sich sehr gut in der deutschen Fußballwelt auskennt und bedauert, dass er im Olympiastadion aktuell keinSpiel der deutschen Mannschaft sehen kann. Da ist die Frau, die mittlerweile in Großbritannien gelebt und vorher in verschiedenen prekären Beschäftigungen gejobbt hat. Da ist der in Berlin geborene 9-jährige Henri Li, der einen minutenlangen Auftritt hat. Da sind junge Arbeiter*innen von Amazon und ähnlichen Weltmarktkonzernen.

Bezug auf die Kulturrevolution

Doch da sind auch entgegen den Namen der Kompanie ältere Semester, die mit ihrer Theatertätigkeit noch in den Jahren der Kulturrevolution begonnen haben. Vielen hierzulande ist diese Epoche nur als Zeit besonderen Massenterrors in Erinnerung. Wengi bekannt war, dass die Kulturrevolution auch eine ganz klare Spitze gegen die Parteibürokratie hatte. Schließlich lautete „Bombardiert das Hauptquartier“ die zentrale Parole und gemeint war der Sitz der Parteibürokratie. Während der Kulturrevolution sollte Schluss mit kapitalistischen Methoden der Wirtschaftsführung sein. Es kam auf persönliche Motivation und Anreize an. Daher wurde auch auf Kultur mir Arbeiter*innen viel Wert gelebt. Eine besondere Rolle spielten damals auch Opern. Daran knüpft Liu Xueli an, die in ihren Part in dem Theaterstück das Lied von der Roten Laterne präsentiert. Auch He Yanpang hateine Darbietung mit maoistischen Hintergrund vorgestellt. Es ging um eine Rede von Lenin aus dem Jahr 1918. Dort mahnte er in einer Versammlung der Bolschewiki zu Toleranz, aber auch zuWachsamkeit gegen der Bourgeoisie. Der Tod ist für die Arbeiterklasse keine Option, sterben muss die Bourgeoisie als Klasse, rief er vor mehr als 100 Jahren. Danach stellte eine junge chinesische Künstlerin eine Szene aus La-La-Land vor.

Die kapitalistische Kultur verordnet Geschichtslosigkeit. Gerade aus den Erfahrungen und Kämpfen der Arbeiter*innenbewegung soll nichts übrigbleiben als Asche. Es ist sehr erfreulich, dass in Popular Mechanics eben neben aktuellen popkulturellen Stücken auch Szenen und Liederaufgeführt werden, die an Kulturrevolution und den Sozialismus erinnern. Das könnte ein Indiz sein, dass die chinesische Gesellschaft vielfältiger ist, als viele der Apologetiker*innen des Begriffs für die Kapitalismuskritik veraltet ist, es sich vorstellen können.

Peter Nowak

Zum Videoprogramm des Times Art Center Berlin:

https://www.timesartcenter.org

Zum Theaterstück Popular Mechanics:

https://www.schaubuehne.de/de/produktionen/popular-mechanics.html

zum Festival Internationale Neue Dramatik, das am kommenden Sonntag zu Ende geht:

https://www.schaubuehne.de/de/spielplan/index.html#a_12

oder:

https://www.berlin-buehnen.de/de/festivals/find-2019/

16:42 12.04.2019
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