Vom Menschenrecht auf Pflege

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Der Tatsachenbericht einer engagierten Pflegerin sagt mehr über den Zustand dieser Gesellschaft aus, als viele theoretische Abhandlungen

Brigitte Heinisch begann ihren Job als Altenpflegerin mit großen Idealen. „Es ist mir wichtig, Geld zu verdienen, aber nicht um jeden Preis. Mein Gewissen werde ich versuchen, nicht zu verkaufen“, formuliert sie im Nachhinein ihre Maxime. Doch damit scheiterte sie in einem System, in dem es nur darum geht, in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Pflegebedürftige zu versorgen.
„Hauptsache Satt und Sauber“, so die Devise. Weitere Zuwendungen regeln Gebührentabellen und Pflegemodule. Damit wollte sich Heinisch nicht abfinden. Zunächst wechselte sie von der ambulanten in die stationäre Pflege. Als sie auch dort ihre Vorstellungen von menschengerechter Versorgung nicht umsetzen konnte, suchte die Pflegerin zunächst die Schuld bei sich und erkrankte schwer. Die Autorin schildert in dem im Rowohlt-Verlag erschienenen Tatsachenbericht ihren langen Weg bis zur Erkenntnis, dass nicht sie, sondern das profitorientierte Pflegesystem für die Missstände verantwortlich sind. Dazu trug der Kontakt mit aktiven Erwerbslosen bei, die Heinisch bei Montagsdemonstrationen traf. Sie motivierten sie, vor einem Mikrophon über ihre Situation zu sprechen und Mitstreiterinnen zu suchen.Heute sieht Heinisch die Auseinandersetzung im größeren gesellschaftlichen Kontext. „Nach den Jahren des Kämpfens bin ich überzeugt, dass grundlegende Veränderungen in der Gesellschaft und auch im Gesundheitswesen erst möglich sind, wenn sich die Menschen auf breiter Basis organisieren und zusammenarbeiten“, lautet ihr Fazit. Zu Heinischs enttäuschenden Erfahrungen gehört der Versuch, auf juristischem Weg Verbesserungen im Pflegebereich zu erstreiten. Trotz akribischer Dokumentation der Missstände bekam sie vor den Arbeitsgerichten kein Recht. Stattdessen machte sie die Erfahrung, dass Kolleginnen, mit denen sie gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen kämpfte, aus Angst um ihren Job ihre Unterschrift unter Erklärungen setzten, in denen die kritische Kollegin zur Zielscheibe des Unmuts gemacht wurde.Hier wird deutlich, wie im Konkurrenzkapitalismus alle gegeneinander ausgespielt werden und damit ständig im Opferstatus verharren. Dahinter steht immer die Vorstellung, dass man doch nichts ändern kann. Heinisch hat aber deutlich gemacht, dassWiderstand durchaus möglich ist. Dazu ist es aber notwendig, sich mit Gleichgesinnten zu verbinden. Für Heinisch waren es die MontagsdemonstrantInnen. In dem Buch schildert die Autorin, wie sie sichimmermehr politisiert hat, wie siemehr und mehr den Zusammenhang von unzumutbaren Arbeitsbedingungen für die Pflegekräfte und die damit verbundene Benachteiligung der Pflegepersonen mit der kapitalistischen Verwertungslogik erkannte. Hier steht das Buch durchaus in der besten Tradition einer ArbeiterInnenliteratur, in dersich die ProtagonistInnen zu bewussten Akteuren der Geschichte entwickeln.Eine solche Literatur schien einer längst vergangenen Zeit anzugehören unduntrennbar mit einer durchaus auch repressiven Fabrikgesellschaft verbunden.Heinisch zeigt, dass auch heute noch und auch außerhalb der großen Fabriken solche Bewusstseinsprozesse möglich sind. Deshalb macht das Buch auch Hoffnung, obwohl die Autorin mit all ihren Erfahrungen keine Veranlassung hat, in falschen Optimismus zu verfallen.Optimale Pflege für Alle Heinisch widmet sich in ihren Buch einem Themenfeld, das auch in vielen politischen Debatten noch immer ausgespart wird und doch immer mehr an Aktualität gewinnt: Eine Gesellschaft, in der der Umgang mit alten und kranken Menschen vom Geldbeutel abhängt und nicht als soziale Aufgabebegriffen wird, stellt sich selber in Frage.Bei der demoskopischen Entwicklung unserer Gesellschaft könnte die Forderung einer optimalen Pflege für Alleeine heute noch gar nicht absehbare Sprengkraft bekommen. Damit die Pflege- und Altenversorgung nicht für Viele zu einer Verwahranstalt wird, ist die Kooperation von engagierten Beschäftigten, PatientInnen und ihren Angehörige notwendig. Nur sie können die Forderung, dass optimale Pflege ein Menschenrecht ist, das der Verwertungslogik entzogen werden muss, mit der Aussicht auf Erfolg stellen. Hier hat Heinisch mit ihrem Buch, das mehr über den Zustand „unserer“ Gesellschaft aussagt, als viele theoretische Abhandlungen, Pionierarbeit geleistet.Am Schluss des Buches finden sich nützliche Adressen für engagierte Pflegekräfte, Patienten und Angehörige, damit die angestrebte Kooperation auch praktisch werden kann. Peter Nowak Heinisch Brigitte: »Satt und Sauber? – Eine Altenpflegerin kämpft gegen den Pflegenotstand«, 224 Seiten, 12 Euro, Rowohlt Verlag 2008, ISBN: 978-3-499-62338-8
02:16 31.01.2009
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