Peter Nowak
03.02.2016 | 14:15

Von der Wiedergutwerdung Deutschlands

Eike Geisel Der Regisseur Mikko Linnemann erinnert in seinen neusten Film an den vor 19 Jahren verstorbenen Publizisten.

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Peter Nowak

Der Film zeigt das Berliner Olympiastadion in einer ungewöhnlichen Perspektive. Damit w1rd die Architektur des Nazibaus, der ganz stilgerecht bis heute von Figuren von Hitlers Lieblingskünstler Arno Breker umstellt sind, noch deutlicher. Ein guter Einstieg für sicher einen Film, der so ganz aus der Zeit gefallen und gerade deshalb so verdammt aktuell war. Es ist eine Hommage an den 1997 mit 52 Jahren verstorbenen Publizisten Eike Geisel. Mit dem Publizisten Alex Feuerherdt, Henryk M. Broder, dem Verlager Klaus Bittermann und dem Konkret-Herausgeber Herrmann L. Gremliza kommen Freunde, Weggefährten und Gleichgesinnte Geisels in dem Film zu Wort Sie eint vor allem die Kritik an deutschen Verhältnissen und damit meinen sie durchaus nicht nur die politischen Charaktermasken sondern auch eine Bevölkerung, die angesichts des Mauerfalls zu deutschen Volksgenoss_innen mutiert.

Einer, der nicht zu den Jubeldeutschen gehörte

Geisel gehört deshalb nach dem 9.Novembe 1989 zu der kleinen Minderheit, die nicht jubelte sondern erschrocken war. Prophetisch sagte der Publizist bereits damals voraus, dass bald der Name Hitler und Honecker in eins gesetzt werden würde und die Sozialisierung der Großindustrie als Form der Arisierung bezeichnet werden würde. Es war damals die Monatszeitschrift Konkret, die in Zeiten des deutsch-deutschen Wahns ein monatlicher Lichtblick für alle diejenigen war, die sich auch am 9. November 1989 noch 51 Jahre zurück erinnern wollten, als in ganz Deutschland die Synagogen brannten und Jüdinnen und Juden ermordet und gefoltert wurden. Es waren neben der Konkret nur noch wenige Medien, die damals Texte druckten, die Deutschland nicht feierten. Sie trauerten nicht den autoritären Nominalsozialismus nach. Doch die Existenz der DDR war zumindest ein Zeichen, dass Deutschland den zweiten Weltkrieg nicht gewonnen hatte. Nach dem 9.November 1989 stand selbst das in Frage.

Neid auf das Holocaustdenkmal?

Das zentrale Thema Geisels in den nächsten Jahren war das was er die Wiedergutwerdung Deutschlands nannte. Dass ausgerechnet Auschwitz und die Shoa für die neue deutsche Elite der Aufhänger für eine erneute Weltmachtpolitik werden würde, hatte er besonders prägnant auf den Punkt gebracht. Angelpunkt war damals seine Polemik um das Holocaustdenkmal. Für Geisel war es das zentrale Projekt der deutschen Gutwerdung und tatsächlich konnte schon 5 Jahre nach der Eröffnung auf einer Jubiläumsfeier der Historiker Jäckel erklären, dass das Ausland Deutschland um dieses Denkmal beneide. Nun hätte man auch an ein Bonmot von Gerhard Schröder erinnern können, dass zum Holocaustdenkmal die Familien gerne hingehen sollen. Für Menschen, die in nach 1989 in unterschiedlichen Zusammenhängen zu den Kritiker_innen der deutschen Verhältnisse gehörte, liefert der Film Erinnerungen an einige wichtige heute weitgehend vergessene Ereignisse. Die Auseinandersetzung um die Kranzabwurfstelle Neue Wache, wo sich nun architektonisch verewigte, was Kanzler Kohl 1985 am Soldatenfriedhof von Bitburg vorwegnahm. Die Mörder und die Ermordeten werden zu Opfern des Krieges, ob einer SS-Mann war oder jüdische Shoah-Opfer sollte dann keine Rolle mehr spielen. Noch mehr vergessen ist die kurze und intensive Debatte um ein Buch des US-Historikers John Sack unter den Titel „Auge um Auge“ über eine Gruppe jüdischer Angehöriger des polnischen Geheimdienstes, die nach Kriegsende an deutschen Kriegsgefangenen Rache wegen der NS-Verbrechen genommen haben sollen. Nach Geisels Intervention verzichtete der Piper-Verlag auf die geplante Herausgabe des Buches, das 1995 dann einen kleineren Verlag erschien. Für Gremliza ist der Rückzug des Piper-Verlags einer der wenigen Erfolge von Geisels publizistischem Wirken.

Bereits 1995 fiel er nach einem Schlaganfall ins Koma, aus dem er bis zu seinem Tod im Jahr 1997 nicht mehr erwachte. Danach war er weitgehend vergessen. Nun sind Geisels Texte unter dem Titel „Die Wiedergutwerdung der Deutschen“ im Tiamat Verlag wieder aufgelegt worden http://www.edition-tiamat.de/home.htm?/Gesamtverzeichnis/critica%20diabolis/221-230/geisel_wiedergutwerdung.htm). Der Film könnte ein weiterer Schritt sein, den Vergessenen wieder bekannt zu machen.

Sein Bruder im Geiste und enger Freund Wolfgang Pohrt sollte ebenfalls im Film zu Wort kommen, was aber nach einem Schlaganfall nicht möglich war. Er gehörte bereits in den 80er Jahren zu den wenigen Linken, die in der Friedensbewegung auch eine deutschnationale Erweckungsbewegung sahen. Der sich fragte, warum gerade in Deutschland die Angst vor den Atomtod durch die ehemaligen Alliierten der Anti-Hitler-Koalition so besonders wirkmächtig geworden war. Und selbst heute fällt selbst manchen Linken nur der Ruf nach nationaler Souveränität ein, wenn es um Überwachung durch die Geheimdienste geht. Da fehlt eine Stimme wie Geisel, die den deutschen Verhältnissen ihre Melodie vorsingt.

Von der Wiedergutmachung Deutschlands zur Achse des Guten?

Nur eine etwas kritischere Betrachtung von Geisels Positionen 2 Jahrzehnte später hatte man sich im Film gewünscht. Warum wurde nicht mehr auf die inhaltlichen Differenzen zwischen Broder und Geisel, die im Film nur angedeutet wurden, eingegangen, fragte eine Frau aus dem Publikum.Und zieht sich nicht eine Linie von der Kritik an der Wiedergutwerdung Deutschlands bis zur Achse des Guten, die nun keineswegs mehr Deutschlandkritik im Programm hat? Und gibt es nicht auch eine Verbindung von der Polemik gegen das Wiedergutwerden Deutschlands zur Kritik an ominösen Gutmenschen? Bittermann-Freund Wiglaf Droste hat in den letzten Monaten in seinen Glossen geschrieben, dass die einst in aufklärerischer Absicht gebrauchte Kritik am grassierenden Gutmenschentum heute nicht mehr verwendet werden kann, weil sie Gegenstand von rechten Ressentiments geworden ist. Gilt dieses Diktum nicht auch zumindest teilweise für Geisels Kritik am Shoah-Business? Wie Gremliza sehr klug bemerkt, sollte man bei aller berechtigen Kritik an der Volksfrontlinken nicht vergessen, dass es in Deutschland Schlimmeres gibt. Das gilt sicher auch für Institutionen und wissenschaftlichen Einrichtungen, die sich mit der Shoah beschäftigen und deren Mitarbeiter_innen oft in prekären Verhältnissen arbeiten.

Triumph des guten Willens

Dokumentarfilm, 2016, 95 Minuten, Farbe, HD-Video

http://www.gegenfeuer-produktionen.de/subnavi/triumph.html

aktuelle Aufführungstermine:

03.02.2016: Mainz, Cine Mayence
10.02.2016: Hamburg, Polittbüro
13.02.2016: Oberhausen, Kino im Walzenlager
14.02.2016: Münster, Baracke
20.02.2016: Potsdam, Sputnik
02.03.2016: Freiburg, Universität
30.03.2016: Fürth, Babylon Kino
21.04.2016: Halle
22.04.2016: Berlin, Humboldt-Universität
12.05.2016: Saarbrücken, Filmhaus

Peter Nowak

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