Wann fällt die Europäische Mauer?

Wolf Biermann Während ein staatsnaher Dichter vor dem Bundestag auftritt, bereiten knapp 2 Kilometer entfernt, Künstler_innen den Europäischen Mauerfall vor.
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Wann fällt die Europäische Mauer?

Foto: TOBIAS SCHWARZ / AFP / Getty Images

Um Wolf Biermann war es in der letzten Zeit still geworden. Nun hat er seinen Auftritt am 9. November vor dem Bundestag mal wieder genutzt, um sich zu Wort zu melden. Wie üblich schimpfte er über die reformistische Linkspartei, die eigentlich genau das heute im Programm hat, was er als DDR-Kritiker immer durchsetzen wollte, einen Reformsozialismus. Biermanns Auftritt passt in seine konservative Wende und war deshalb so berechenbar wie langweilig. Einen Moment hatte man gehofft, es wäre noch etwas vom Widerstandsgeist Biermanns, wie man ihn bis Ende der 80er Jahre kannte, erhalten geblieben. Der hat damals immer betont, dass er auch im Westen keine Ehrfurcht vor der Macht hat und sich auf die Seite der Unterdrückten stellt. Da hätte man in diesen Tagen erwartet, dass er sein Lied Ermutigung dort singt, wo Geflüchtete heute um ihre Rechte kämpfen. Da hätte er in Berlin einfach das Regierungsviertel verlassen müssen und sich zur besetzten Schule in die Ohlauer Straße gehen können. Dort müssen Geflüchtete eine Räumung ihres Domizils befürchten. Oder er hätte zu den Romafamilien gehen können, die im Berliner Herbst obdachlos durch die Metropole irren, weil sie aus mehreren Gebäuden geräumt wurden und die Flüchtlingsunterkünfte verlassen mussten. Dort hätte sein Lied „Ermutigung“ gepasst. Statt dessen singt er es in den Häusern der Macht und lässt sich von denen beklatschten, die mit dafür sorgen, dass die Mauer zwischen den Staatsbürgern und den Non-Citiziens, also den Menschen ohne Papiere auch in Deutschland noch höher wird. Indem Biermann ausgerechnet im Bundestag dazu schwieg, wurde er zu dem, was er eigentlich nie werden wollte, zu einem staatsnahen Sänger.

Europäische Mauer einreißen

Dabei hätte es knapp 2 Kilometer vom Deutschen Bundestag entfernt, eine Alternative zum Staatsakt mit Selbstbeweihräucherung gegeben. Vor dem Berliner Gorkitheater verabschiedete sich am 9. November um 13 Uhr mehrere Busse, die sich zum Ersten Europäischen Mauerfall aufmachten (https://www.indiegogo.com/projects/erster-europaischer-mauerfall). Sie befinden sich jetzt auf dem Weg zur europäischen Außengrenze zwischen Griechenland und der Türkei, um die dort neu errichtete Mauer (http://www.voxeurop.eu/de/content/article/464531-auf-der-anderen-seite-der-mauer) einzureißen, die zur Abwehr von Menschen errichtet wurde, die vor wirtschaftlicher Not oder Verfolgung aller Art (http://www.arte.tv/de/eine-mauer-gegen-den-fluechtlingsstrom-bulgarien-schottet-sich-ab/7780570,CmC=7781454.html ) nach Europa fliehen. Die Initiatoren des Ersten Europäischen Mauerfalls finden für die heuchlerische Staatsfeier die richtigen Worte:

„Während sich Politiker aller Parteien am 9. November in den Armen liegen und das Ende der mörderischen innerdeutschen Mauer feiern, haben Sie die viel mörderischeren Außenmauern Europas finanziert. Diesem Verrat nimmt sich das Zentrum für Politische Schönheit an. Rücken wir den illegalen Mauerbauten in der Europäischen Union zu Leibe.“

Für die meisten Politiker und deutsche Staatsbürger, die jetzt feiern, ist es wohl kein Verrat. Sie wollten mit der Maueröffnung nicht ein universelles Recht auf Bewegungsfreiheit durchsetzen sondern nur für deutsche Staatsbürger. Das bekam schon vor zwei Jahren bei den Gedenkveranstaltungen zum Mauerbau ein Redner zu spüren, der es wagte, an das Schicksal der Menschen heute zu erinnern, die als Geflüchtete keine Bewegungsfreiheit haben. Es gab wütende Zwischenrufer des schwarz-rot-goldene Fahnen schwingenden Publikums. Wolf Biermann aber hatte vor Jahrzehnten Menschenrechte universell verstanden. Daher mag auf ihn der Verratsbegriff noch am ehesten zutreffen, wenn er mit seinen Song die heutigen Mauerbauer ermutigt, stat die Menschen, die sie heute überwinden wollen.

Die Aktion Europäischer Mauerfall findet im Rahmen des Voicing Resistance-Festivals im Berliner Gorki-Theater statt.

Am kommenden Sonntag wird es um 21.30 Uhr im Rahmen des Festivals eine Performance geben. Der Eintritt ist frei.

http://www.gorki.de/spielplan/die-verwundeten/1132/

Peter Nowak

14:08 07.11.2014
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