Wenn der Farbbeutel zur Werbemarke wird

Goldrausch 2013 Wie reagieren nun die Künstler_innen darauf, dass sie hinter ihrem Rücken die Zustände beschleunigen, die sie kritisieren?
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Kommunikations- und Dienstleistungsgesellschaft sollen Künstler_innen, von dem US-Unternehmer Richard Florida zur kreativen Klasse zusammengefasst, gar dem Kapitalismus neues Leben einhauchen und werden so zu Trüffelschweinen des Neoliberalismus.

„Die Angehörigen der „Kreativen Klasse“ zeichnen sich laut Florida dadurch aus, dass sie Kapital aus ihren wie auch immer erworbenen Fähigkeiten zu schlagen verstehen. Ihr Betätigungsfeld sieht er in der weltweit verbreiteten urbanen Kultur moderner Großstädte“, schreibt der Kultursoziologe Thomas Wagner in seinem kürzlich erschienenen Buch „Die Mitmachfalle“.

Resignative Kritik

Berlin war in den letzten beiden Jahrzehnten ein besonders geeignetes Pflaster, um zu beobachten wie die Kunst zur Schwungmasse kapitalistischer Umstrukturierung benutzt wurde. Wie reagieren nun die Künstler_innen darauf, dass sie hinter ihrem Rücken die Zustände beschleunigen, die sie kritisieren? Aktuell kann man in Berlin zwei sehr unterschiedliche Positionen dazu besichtigen. Schon die Ausstellungsorte könnten unterschiedlicher nicht sein. Die Auguststraße in Berlin-Mitte wurde in den letzten zwei Jahrzehnten zu einem der Zentren der sogenannten kreativen Klasse. Wenn die Galerien geschlossen sind, ist dort wenig Leben. In einem Seitenflügel der Kunstwerke, die in der Auguststraße ihr Domizil haben, ist Ute Adamczewskis knapp halbstündiges Video „“Neue Ordnung“ zu sehen. Ein halbes Dutzend Künstler_innen und Kunstkritiker_innen, die meisten mit gesellschaftskritischem Hintergrund, werden dort zur kapitalistischen Landnahme in Berlin der letzten zwei Jahrzehnte interviewt. Die Kulisse ist gut gewählt. Sie sitzen auf einer heute nicht mehr existierenden Branche auf der Straße „Unter den Linden“ visasvis zum Lustgarten. Dort stand einst ein feudalistisches Schloss, das verdientermaßen von alliierten Bombern im 2. Weltkrieg zerstört wurde. Dass die Ruine in der DDR abgetragen wurde, wird von Deutschlandfans als schwerstes Verbrechen dieses Staats beklagt. Als sich Gelegenheit bot, nahmen sie Rache. Der Palast der Republik, der dort entstanden war, wurde abgerissen und jetzt wird das Schloss wieder aufgebaut. Im Rahmen der Zwischennutzung gab es dort für kurze Zeit einen Rasen für alle und auch eine temporäre Kunsthalle war in der Nähe für kurze Zeit aufgebaut. Dazwischen wurden die Interviews geführt und viel Kritisches zur deutschen Geschichte und der Sehnsucht nach dem guten Deutschland, das sich auch im Schloss-Neubau ausdrückt. Auch kapitalismuskritische Töne waren zu vernehmen. Insgesamt aber hatte man den Eindruck, das sind die üblichen feuilletonistischen Einlagen, die man sich erlaubt, wenn die Bilanz stimmt. Keiner der Interviewpartner_innen stellte sich wirklich die Frage, ob eine Farbattacke auf die neuen Mahnmale deutscher Herrlichkeit nicht eine adäquate Kunstaktion im öffentlichen Raum wäre.

Wenn Kritik zum Werbespruch wird

„Warum fotografierst Du das? Werfe doch lieber einen Farbbeutel“, heißt es dagegen im Off eines Videos der Künstlerinnen Eva Kietzmann in Kooperation mit Petra Kübert, das den Titel „Die schöne Kunst des Wohnens“ trägt. Der Satz stammt allerdings nicht von Recht-auf-Stadt-Aktivist_innen sondern aus dem Werbetext für eine der angesagten Lofts. Auch weitere Sätze, die man durchaus in gentrifizierungskritischen Texten vermuten könnte, stammen aus der Werbebranche.

Die beiden Künstler_innen nutzen die Marthashöfe als Kunstraum. Sie sind der Inbegriff eines Wohnens im Schließfach. Die Marthashöfe gehörten zu eine der ersten Wohnanlagen, die ein Tor von der Außenwelt trennt. Besucher_innen müssen sich ausweisen. Die Kunstaktion war auch ein Akt des öffentlichen Ungehorsams, denn sie gehört ausdrücklich nicht zum Bespassungsprogramm der Verwalter des Areals. „Das Performen dort war sehr spontan und stressig, hatte für uns eher etwas Beklemmendes, Panoptisches“, berichtet Eva Kietzmann- . Wir fühlten uns durch die auf uns gerichteten Ganzglasfassaden permanent beobachtet. Teilweise kamen auch Kommentare aus dem Off mit der Frage, ob wir überhaupt autorisiert sind die umgedrehte Bank zu fotografieren, oder, dass wir die Kinderschuhe gefälligst da stehen lassen sollen. Und ein Handwerker klärte uns auf, dass wir aufpassen sollten, denn die Bewohner_innen wären sehr skeptisch und vorsichtig, weil so oft bei ihnen eingebrochen würde.“ Für die Künstlerinnen steht das Video in einem größeren Kontext. In ihrer 6monatigen Recherche hat sie ca. 15 ehemalige Brachen und Neubauprojekte in Berlin-Mitte unter die Lupe genommen. In einigen haben sie dann, mit den Materialien die sie dort vorfanden, Kunst gemacht. „Die schöne Kunst des Wohnens“ ist das erste Video dazu. „Die Idee zu der Arbeit kam uns aus einer Ratlosigkeit heraus, wie wir als am Aufwertungsprozess Beteiligte und doch mittlerweile verdrängte Künstlerinnen mit der Misere der Aufwertung umgehen können oder uns dazu verhalten können. Und der Beobachtung, dass aus den ehemaligen privatisierten Brachflächen nach der Umwidmung eigentlich Lifestylebrachen entstanden sind, die eigentlich – für uns – neben ihrer Exklusivität, mittlerweile total uninteressant geworden sind. Ausgangspunkt waren für uns die Werbetexte, mit denen diese Neubauprojekte beworben werden. Da spielt Teilhabe an Kunst, der kreativen und alternativen Stadt eine sehr grosse Rolle“, so Kietzmann.

Wo beginnt die Protestinszenierung?

Zu sehen ist das Video in der Ausstellung Goldrausch, auf der Installationen, Fotos und Videos von 15 Künstler_innen präsentiert werden. Überflüssigerweise wird die Show auch noch Körnelia genannt, denn sie ist in der Neuköllner Galerie im Körnerpark zu sehen, einen totalen Kontrastort zur Auguststraße. Bei schönem Wetter ist der Park auch jetzt noch die grüne Lunge der Neuköllner Bewohner_innen. Anders als in Mitte gibt es hier wirklich eine Kunst für Alle, der Eintritt ist frei. Die schreckliche Namensvariation wäre dennoch entbehrlich gewesen. Der Besuch der Ausstellung lohnt auf jeden Fall, nicht nu wegen der Installation von Eva Kietzmann. Lysann Buschbeck zeigt Langzeitporträts von Jugendlichen in einem Dresdner Stadtteil, der nicht zu den wohlhabenden Tourismusmeilen gehört. Yvon Chrabrowski stellt in einem großen Stadtbild globale Protestszenen nach, wie sie am Tahirplatz in Ägypten genau so zu sehen waren, wie bei den Protesten am Istanbuler Gezipark. Die Frage, ob die Medien hier nicht auch eine wichtige Rolle bei der Verbreitung spielen, stellt sich dort. Sind nicht die Szenen auf den Plätzen bereits Reinszenierungen? Konstanze Schmitt lässt in ihrer Videoinstallation Szenen aus dem Stück „Ich will ein Kind haben“ von Sergej Tretjakov aus der frühen Sowjetunion von Frauen nachstellen, die sich in den letzten Jahren in der feministischen Diskussion einen Namen gemacht haben, darunter Bini Adamczak, Felicitta Reuschling und Susanne Schultz. In dem Stück waren noch die Emanzipationshoffnungen der Oktoberrevolution lebendig. Auf der Rückseite der Videos kann man auf Kopfhörern Texte zum sowjetischen Verständnis der Frauenemanzipation, zu Alexandra Kollontai und zur Geburtenkontrolle auf Englisch hören.

Peter Nowak

Ute Adamczewski NEUE ORDNUNG 18. 9.10. 11. 13Video installation / Kunstwerke, Auguststr. 69, Berlin

http://www.kw-berlin.de/en/exhibitions/525_neue_ordnung_380

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Goldrausch 2013

Homepage von Eva Kietzmann.

http://www.evakietzmann.net/

Die schöne Kunst des Wohnens:

http://www.notesondistricts.net/information/information.html

Körnelia – Goldrausch 2013
Eröffnung 20.9.13, 18 Uhr
21.9–10.11.13, Di–So 10–20 Uhr
Galerie im Körnerpark
Schierker Str. 8, 12051 Berlin-Neukölln

http://www.goldrausch-kuenstlerinnen.de/

15:36 11.10.2013
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