Wenn der Haushund Leichen frisst

Commun Ground Das im Gorki-Theater von Yael Ronen inszenierte Stück zeigt eindrücklich, was die Sezessionskriege im ehemaligen Jugoslawien mit den Menschen machte.
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Die Medien machen in diesen Tagen feiertagsbedingt Pause. Einige Tage keine Meldung über die neuesten Orte der aktuellsten Kriege und Massaker zwischen Syrien, dem Jemen, Burundi oder dem alltäglichen Sterben von Geflüchteten im Mittelmeer. Kann sich noch jemand an die Toten allein in Europa erinnern, die gestorben sind allein durch den von Deutschland wesentlich mit verursachtem Zerfallsprozess von Jugoslawien? Im Gorki-Theater kann er sich eine knapp 100 minütigen Nachhilfeunterricht abholen. So lange dauert das von Yael Ronen inszenierte Theaterstück Common Ground. 100 Minuten, die ausgefüllt sind mit einem sozialkritischen Theater im besten Sinne.

Wie Jugoslawen national sortiert wurden

Eine Gruppe in Deutschland gestrandeter Ex-Jugoslawier_innen begibt sich gemeinsam mit einer israelischen Friedenstrainerin und einen Deutschen Koordinator nach vielen Jahren zurück in das gespaltene und zerstörte Balkanland. Wobei schnell klar wird, dass die Zerstörungen sich nicht auf nur die Gebäude beschränken. Die Menschen, die sich auf einmal wieder zu Serbien, Kroatien Bosnien bekennen sollten, weil aus der von Deutschland forcierten Nationbuilding diese Gebilde plötzlich wieder auf die europäische Landkarte gespült worden. Common Ground zeigt, was dieses Nationbuildung mit den Menschen macht, mit denen, die auf dem Balkan geblieben sind und denen, die in andere Länder migrierten und beispielsweise in Deutschland landeten.

So wird Aleksandar Radenkovic plötzlich zum Serbienverteidiger und er ertappt sich dabei, dass er sich fragt, wer denn „unseren Toten“ gedenkt. Gleicht fragt er sich erschrocken, wen er denn eigentlich meint, wenn „uns“ sagt. Schließlich kam er als Kind nach Deutschland, wo er aufwuchs, hat mittlerweile einen deutschen Pass und doch konnte das Land nicht seine Heimat werden .Schließlich bricht es aus ihm heraus, wie er während des Jugoslawienkriegs in seiner Ausbildung funktionieren musste, während er sich Sorgen um seine Verwandten machte, die in Serbien bombardiert wurden. Dagegen besuchen Jasmina Music und Vernesa Berbo, die durch den Zerfall Jugoslawiens zu Bosniakinnen wurden, erstmals die Orte, an denen ihre Verwandten gefoltert, vergewaltigt, ermordet wurden. Madea ist die Tochter eiens der serbischen Freischärler, die an den Verbrechen beteiligt waren. Sie hat den Kontakt mit ihren Veater mitlterweie abgebrochen, kommt aber während der Reise in Situationen, die für sie schwer auszuhalten sind.

Die eindringlichste Szene kommt fast zum Schluss. Ein greller Scheinwerfer leuchtet die Bühne aus, auf der Holzkästen stehen, die in den verschiedenen Szenen unterschiedlich verwendet werden. Jetzt dienen sie als Hocker, wo alle Darsteller_innen Platz genommen haben. Auf der Leinwand erscheint kurz das Konterfei eine Frau in undefinierbarem Alter, die darüber spricht, wie sie vergewaltigt und gequält wurde. Mal sieht man kurz ihren Mund, mal die Zigarette in ihrer Hand.

Zuvor schon hat die resolut wirkende Vanessa Berbo erzählt, wie sie zu Beginn der Kämpfe mit ihren Hund durch die Innenstadt von Sarajewo ging, um die Zerstörungen zu begutachten. Dort trafen sie einen alten Mann, der den zweiten Weltkrieg noch erlebt hatte und ihnen riet, den Hund zu verzehren, solange er noch so gut genährt ist. Später werde aber abmagert und keinen Nährwehrt mehr haben. Die Frau war empört und erklärte den Mann für verrückt. Als die Reisegruppe fragte, was mit dem Hund geworden ist, verstummte Vanessa zunächst. Dann erklärte sie, dass sie ihn weggeben mussten. Der geliebte Hund wat zum aggressiven Straßenköder geworden, der selber für seine Besitzerin gefährlich wurde, seit er die vielen Leichen, die in Sarajevo während der Kämpfe angeschwemmt worden waren, als Nahrung gefunden hat. Es sind solche Szenen und Sätze, die mehr als viele Worte und Szenen deutlich machen, was der Krieg in Ex-Jugoslawien bedeutete und warum er bis heute soviele Zerstörungen auch bei den Menschen anrichtete. Das Stück arbeitet auch mit Videos. So wird eine Chronik der Ereignisse zwischen 1990 und 1995 in Wort und Bild vorgestellt. Siege bei Fußball-WM und Tennis-Matches wechseln mit Massakern in Ex-Jugoslawien und anderen Ländern jener Jahre ab .In schneller Folge werden die heute schon vergessenen Fakten dargeboten.

Manche verstehen sich weiter als Jugoslawen

Und es wird immer auch gezeigt, dass sich nicht alle haben dumm machen lassen, von den neuen Nationalismus und den ethnischen Wahn. Es gibt, die die sich weiter als Bürger_innen von Jugoslawien sehen, die sich weigern, die die Hymne von dem vereinigten Sarajevo singen, der multikulturellen Stadt, die vom Nationalismus und ethnischen Wahn nicht nur einer Seite zerstört wurde. Dann ist noch der von Niels Bormann gespielte Tim Porath, ein meistens peinlicher Deutscher, der immer einen Spruch auf den Lippen hatte und manchmal doch ins Schwarze trifft. Er ist von der Existenz von Ufos und Aliens überzeugt und hofft, dass die einst kommen und als erstes den Nationalismus auf der Welt bekämpfen werden, wie eine Krebserkrankung. Da gab es sogar aus dem Publikum Sonderapplaus. Dass er auf der Reise auch mal die These vertrat, die im Krieg Verschwundenen könnten von Aliens in Ufos entführt worden sein, wurde ihm dann sogar verziehen. Aber dieser Tim hatte auch vielleicht unfreiwillig einen richtigen Spruch über Deutschlands Rolle beim Zerfall Jugoslawien auf den Lippen. Dort habe es nach Ende des 2. Weltkriegs wieder Konzentrationslager auf europäischen Boden gegeben und die Deutschen hätten aufatmen könen, weil sie dieses Mal nicht an vorderster Front dabei waren.

Wo bleibt der Titoismus des 21. Jahrhunderts?

Heute sind allle ethisch getrennt und allen geht es beschissen, heißt es im Stück richtig. Das Stück endete sogar mit etwas Optimismus. Die Reisegruppe bekam etwas mit, von den sozialen Protesten in Bosnien gegen Korruption und den täglichen sozialen Notstand. Dort hätten sich Menschen nicht mehr national und ethnisch verortet. Sie sind als von den Zumutungen der herrschenden Politik Betroffene auf die Straße gegangen. Wenigestens für einige Wochen konnte die ethnische Spaltung überwunden werden. Das lässt erahnen, was möglich wäre, gäb es eine stärkere kommunstische Bewegung, die die verschiedenen Kämpfe verbinden könnte. Wo bleibt der Titoismus des 21. Jahrhunderts, Slavo Zicek?

Dieser Theaterabend ging unter die Haut und man dachte unwillkürlich an die aktuellen Kriege, über deren Opfer man erst etwas erfährt, wenn sie in Berlin vor dem LaGeSo stehen. . Als am Ende ein Schauspieler noch mal vor den Vorhang trat und um Spenden für die aktuelle Geflüchteten warb, hatte sich der Kreis geschlossen. Die Opfer der neuen Kriege, die oft durch unterschiedliche kapitalistische Mächte gefördert werden, stehen schon in Berlin.

Nachtrag vom 26.12.:

Menetekel für die europäische Zukunft?

Habe gerade in der vor wenigen Wochen erschienenen neuesten Ausgabe der Zeitschrift telegraph den Vorabdruck eines Kapitels des neuesten Buches "Kapitalkollaps" gelesen, das der Publizist Thomas Konicz demnächst herausgibt. In dem Kapitel sieht er die ethnischen Kriege im zerfallenen Jugoslawien als Menetekel für die europäische Zukunft sieht:

Hier ein Zitat: "Der kaum noch einzudämmende Hass im Netz, die zur mörderischen Tat drängende Wut der ohnmächtigen spätkapitalistischen Subjekthüllen, sie könnte nur Vorstufen des kommenden Gemetzels in Europa darstellen, wie es sich bereits in der Peripherie entfaltet. "Die Menschen bemächtigen sich zunächst der Sprache der Gewalt, bevor sie zu Akten der Gewalt übergehen." Diese während des Jugoslawienkriegs gemachte Beobachtung des US-Journalisten Chris Hedges, sie gilt nun auch für das im nationalistischen Delirium versinkenden Europa".

Wenn die dystrophischen Überlegungen auch nur eine Spur vopn Berechtigung haben, und wer könnte das bestreiten, ist Commun Ground noch aktueller. Es könnte unsere Zukunft sein, die hier dargestellt ist.

Peter Nowak

Common Ground

von Yael Ronen & Ensemble

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Regie Yael Ronen, Bühne Magda Willi, Kostüme Lina Jakelski, Video Benjamin Krieg / Hanna Slak, Dramaturgie

nächste Vorführungen im Berliner Gorki-Theater:

Mo: 11.01.2016

Sa: 16.01.2016

http://www.gorki.de/spielplan/common-ground/

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Peter Nowak

03:14 26.12.2015
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