Wenn sich die Mieter aus dem Hinterhof mal einig sind

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Im Theater im Schokohof wurde eine leider nicht immer gelungene Inszenierung zum Thema Gentrifizierung gezeigt


„Dieser Hof wird videoüberwacht“. Schilder mit solchen Inhalten hat man sich im Zeitalter der Gentrifizierung an vielen Townhauses. Doch an der Tür zum Theater im Schokohof (Tisch) in Berlin-Mitte hat dieser Hinweis eine ganz andere Bedeutung. Hier sollen mögliche allzu aufdringliche Investoren abgeschreckt werden, die das Gebäude inspizieren.

Denn das Gebäude, in dem auch der Schokoladen sein Domizil hat, ist eines der letzten noch unsanierten Häuser in Mitte. Die dort arbeitenden Projekte, darunter das Theater im Schokohof, kämpfen darum, ihr Domizil behalten zu können.

Ihre letzte Aufführung war daher ganz aktuell. Thomas Melle hat das Stück „Licht frei Haus“ geschrieben, dass vom Theater Schwebebalken in fünf Aufführungen im Tisch inszeniert wurde. Es ging um das Leben in einen unsanierten Haus, um die Macken der Bewohner, die sich zunächst nicht ausstehen können und alle ihre tägliche Drogenration zum Überleben brauchen.

Da ist der verrückte Student Moritz, der neben dem Internet noch der Drogensucht frönt. Er trifft dort wieder auf eine Bekannte, die Künstlerin Agnes im Gothic-Schick, die auf der Suche nach billigem Wohnraum ebenfalls in dem Hinterhaus landet. Die Umhängetasche mit dem Aufdruck Schillerkiez soll wohl sehr deutlich auf die umkämpften Stadtteile aufmerksam machen. Sie ist schwanger und führt sich ihre tägliche Drogenration durch Schnüffeln zu. Frau Röhlele dagegen, die Frau, die immer hinter dem Türspion hockt, bevorzugt es, ihren Schnaps ganz konventionell im Glas runterzukippen. Gelegentlich kommt ein langhaariger Hausmeister Zosch, der völlig unfreundlich ist, herumpoltert, schreit und schlechte Laune verbreitet und erst auf dem Schoss von Frau Röhele auftaut.

Zunächst intrigiert jeder gegen jeden. Man belauert sich, tratscht, schnüffelt und hämmert in die Tasten des Computers. Nur zum alljährlichen Grillfest versuchen zunächst alle gute Miene zu machen, doch mit fortgeschrittenem Alkoholkonsum bleibt von dem guten Vorsatz wenig übrig.

Investorenschreck

Wenn dann nicht ein Herr Stempel auftaucht, der irgendwie eine Mischung aus Sozialarbeiter und Investor zu sein scheint. Richtig klar wird seine Rolle nicht. Seine Erklärungen sind genau so wirr wie sein gesamtes Verhalten. Jedenfalls scheint er gewissen Einfluss zu haben und droht den an Multiple Sklerose erkrankten Zosch in ein Heim zu bringen. Jedenfalls schafft es dieser Herr Stempel, die vier Monaden, die nebeneinander her leben und gegeneinander integrieren, zusammen zubringen. Am Ende gelingt es den vieren, Herrn Stempel zu vertreiben, zumindest vorerst. Der kommt wieder, doch wir lassen uns nicht vom Feiern abbringen, lautet die frohe Botschaft am Ende nach fast zweieinhalb Stunden und einer Umbaupause. Im realen Leben ist es oft nicht so einig, sich gegen einen Investor zu wehren, wie der Dokumentarfilm „Lychener 64“ im letzten Jahr zeigte.

Aber auf der Bühne wird man ja noch träumen dürfen. Deshalb ist der positive Schluss ganz in Ordnung. An manchen Stellen war die Botschaft des Theaters zu direkt und es wurden zu viele Themen untergebracht. Ein besonderes Lob hat Andreas Stickel am E-Bass verdient,der mit seiner Musik manche dramaturgische Hänger ausgleich konnte.

Peter Nowak

Zum weiteren Programm des Tisch:

www.tisch2009.de/

17:46 29.11.2010
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