Wider den Diskurs der Kriminalisierung

Pädophiliedebatte Das ist ein Plädoyer, dass auch in dieser Debatte Rationalität statt Ressentiment einziehen sollte und Pro- und Gegenargumente ausgetauscht werden..
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Eigentlich hatte man gedacht, dass in der Debatte über den Einfluss von Praktiker_inen oder Theoretiker_innen der Pädophilie bei den Grünen alles gesagt worden ist. Vor zwei Jahren trieb die Debatte anlässlich der Verleihung des Theodor Heuss Preises an den Mitbegründer der Grünen Daniel Cohn-Bendit schon Züge der Inquisition. Er musste sich für Texte rechtfertigen, die er in den 70er Jahren geschrieben hat. Im Anschluss sollte das Göttinger Institut für Demokratie untersuchen, welchen Einfluss Positionen in der Gründungsphase der Einzelpersonen und Gruppen hatten, die sich für eine Entkriminalisierung der Sexualität zwischen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen hatten. Die konservative Presse hat schon längst die Gelegenheit genutzt, um mal wieder gegen die Auswüsche des Aufbruchs der 68er Bewegung zu giften. Welt und Morgenpost vermeldete Ende Mai, dass der SPD-geführte Jugendsenat Westberlins Ende der 1960er Jahre „Heimausreißer an vorbestrafte minderjährige Männer“ vermittelte. Auch die Taz griff das Thema auf. Die Zeitung war ja einst angetreten, um einer solch tendenziösen Berichterstattung eine Alternative entgegenzusetzen. Doch wenn es um das Reizwort Pädophile geht, überholen die Taz-Berichte die Springerpresse oft noch. „Missbrauch mit staatlichen Siegel“ lautete die Überschrift eines großen Taz-Artikels am 2.Juni 2015.

Es wird nicht einmal versucht, den gesellschaftlichen Kontext darzustellen, in dem Ende der 68er Jahre der Versuch des Ausbruchs aus einer verlogenen, rigiden Sexualmoral gewagt wurde. Und was ist, wenn Kinder und Jugendliche selber für die freie, selbstbestimmte Sexualität eintreten? Genau das ist aber in den 70er Jahren geschehen. Es haben sich Initiativen von Heim- und Treberkindern gegründet, die aus den ihnen zugedachten Einrichtungen ausbrachen, Häuser besetzten und mit Menschen ihrer Wahl Kontakte haben wollten. Dass dabei damals auch viel Naivität im Spiel war und auch der 20 Jahre ältere Mitbewohner eines besetzten Hauses subtilen Druck ausüben konnten und die freie Sexualität zwischen den Generationen so frei gar nicht war, stimmt sicher. Doch genau so absurd ist es, alle jungen Menschen, die damals sexuelle Kontakte mit Erwachsenen hatten, zu viktimisieren. Aber nur so ist es möglich, von bis zu Tausend Opfern sexueller Gewalt bei den Vorläufern der Berliner Grünen zu sprechen, so ist es möglich, von bis zu Tausend Opfern sexueller Gewalt zu sprechen, obwohl sich bisher nur wenige Personen gemeldet haben, die sich selber als Opfer bezeichnen. Hier wird einfach mal großzügig übersehen, dass junge Menschen, die in den späten 60er und frühen 70er Jahren die repressiven Heimen mit ihren NS-sozialisierten Aufseher_innen entflohen waren, diese Zeit als subjektive Befreiung empfunden haben. in den Heimen waren sie oft einer besonders subtilen sexuellen Gewalt ausgesetzt. Geredet werden durfte darüber nicht, aber die Aufseher_innen konnten nicht selten gerade deshalb die Jugendlichen gerade deshalb zum Objekt ihrer verborgenen sexuellen Begierden machen. Wenn die Jugendlichen tatsächlich berichteten, was ihnen angetan wurde, wurden sie für verrückt erklärt und teilweise entmündigt. Das aus diesen Erfahrungen heraus damals Sexualität zu einen offenen Thema wurde und auch die Forderung nach Entkriminalisierung auch von Sexualität zwischen den Generationen sich einer großen Sympathie erfreute, ist gerade aus diesem Kontext sehr verständlich. Progressive Sozialwissenschafter_innen und Mitarbeiter_innen der Jugendämter hatten sich ebenfalls für eine Entkriminalisierung der Sexualität aller Menschen ausgesprochen. Die Autorin Ulrike Heider hat im letzen Jahr im Rotbuch-Verlag das Buch „Vögeln ist schön“ herausgegeben, in dem sie genau diese Stimmung der 70er Jahre beschreibt. Der Titel des Buches erinnert daran, dass Anfang der 70er Jahre Jugendliche von der Schule verwiesen wurden, weil sie in der hessischen Provinz diese Parole auf die Mauern schrieben.

Ausdruck des gesellschaftlichen Rollbacks?

Damals hätte man sich nicht träumen lassen, dass heute, im Jahr 2015 keine offene Diskussion mehr über die Forderung nach freier Sexualität aller Menschen geführt wird. Es wird bis in die Wortwahl hinein stigmatisiert. Kein Hauch von Fragen und Zweifeln, ob diese neue Rigidität nicht nur ein weiterer Ausdruck des gesellschaftlichen Rollbacks ist. Der Aufbruch der 68er Bewegung war ja nicht nur eine Bewegung der Studierenden und Intellektuellen. Sie hatten später nur die Möglichkeiten, ihren Anteil dabei besonders rauszustellen und sich als Zivilisator_innen der Gesellschaft zu präsentieren. Treberjugendliche, Arbeiter_innenjugendliche, Menschen aus den Unterklassen beteiligten sich ebenfalls an diesem Aufbruch. Ihr Anteil wird heute verschwiegen oder sogar als Fall für Psychiatrie und Polizei angesehen. Genau dass passiert bei de Pädophiliedebatte. Das kann bis in die Wortwahl der meisten Artikel verfolgen. Da wird pauschal von pädophilen Tätern gesprochen und skandalisiert, dass diese Einfluss auf die Grüne Partei und einzelne Arbeitsgruppen gehabt hätten und sich sogar in Arbeitsgemeinschaften zusammengeschlossen hätten, die Namen wie Jung und Alt getragen haben. Da fragt man sich, warum es eine solche Empörung auslöst, dass Menschen, die sich zu staatlich sanktionierten sexuellen Praktiken bekannten, sich politisch offen und transparent dafür einsetzen, dass diese Praktiken entkriminalisiert werden? Man kann Argumente gegen die Entkriminalisierung nennen und die sind vielleicht sogar berechtigt. Aber die Anhänger_innen einer scharfen Kante gegen Pädophilie liefern gar keine Argumente. Sie pflegen einen Diskurs der Kriminalisierung und versuchen aus der Tatsache, dass die Betroffenen dann eben Straftäter sind, schon abzuleiten, dass diese aus einem argumentativen Diskurs ausgeschlossen sind. Nur so kann skandalisiert werden, dass Straftäter bei den Grünen Arbeitsgruppen zur Entkriminalisierung gründeten. Mit solchen Argumenten kann Menschen, die wegen Vergehen gegen Drogenverbote bestraft wurden, abgesprochen werden, dass sie sich als Vorbestrafte für eine Legalisierung der Drogen einsetzen. So wurde auch Homosexuellen, die sich für eine Aufhebung der sie kriminalisierenden Gesetze wandten, mit dem Verweisauf ihre Kriminalität lange Zeit eine Diskussion über ihre Forderungen verweigert. Es ist immer reaktionär, Menschen mit den Verweis, sie seien Straftäter, ihr Mitwirken im politischen Alltag zu verwehren. Besonders absurd ist es aber, Menschen zu verbieten, sich für die Abschaffung der Paragraphen einzusetzen, wegen denen sie zu Straftätern wurde.


Rationalität statt Ressentiment

Zeitungen wie der Freitag sollten auch an dieses Thema mit Rationalität herantreten. Dazu sollte gehören, dass auch bei der Frage der freien Sexualität unabhängig vom Alter die Pro- und Contraargumente ausgetauscht werden sollten und vor allem sollte nach vollzogen werden, wie die Diskussion in den späten 60er und frühen 70er Jahren gelaufen ist, was von den damaligen Utopien geblieben ist und was sich als falsch herausgestellt hat. Es geht nicht darum, einen Mythos aufzubauen und den Eindruck zu erwecken, als wäre damals die freie Sexualtät für alle erreicht worden, ohne dass auf die Machtgefälle in den Gesellschaften geachtet wurde. Genau so wenig ist aber angebracht, ständig nur mit dem Täter- und Opferschema zu agieren, wenn es um das Thema geht. Dabei wird der große Anteil, den Jugendliche an der damaligen Bewegung hätten, negiert und kleingeredet. Es wäre schon viel gewonnen, wenn wir die Polizei- und Gerichtssprache aus den Diskussionen verbannen würden.

Im Freitag waren in den letzten Wochen zwei sehr unterschiedliche Artikel zum Thema. Christian Füllers Beitrag ist mit der Überschrift "1000 Opfer bei Berliner Grünen" https://www.freitag.de/autoren/christian-fueller/1-000-opfer-bei-berliner-gruenen

überschrieben. iese Zahl ist wohl mal in einem Fachgespräch gelaufen und von den Grünen längst dementiert worden .Es ist erstaunlich, dass die Überschrift noch immer ohne Differenzierung so verbreitet wird, wird doch hier eine längst dementierte Aussage als Realität hingestellt. Ansonsten gilt hier die schon vorher geäußerte Kritik der Victimisierung. Selbst wenn es im Umfeld der Grünen 1000 sexuelle Kontakte zwischen Menschen unterschiedlicher Generationen gegebenhaben sollte, dass könnte ja nur durch die Einrichtung eines Blockwartssystems festgestellt werden, ist es vermessen von 1000 Opfern zu sprechen.

Auch in Ulrike Baureithels Artikel https://www.freitag.de/autoren/ulrike-baureithel/die-wahrhaftigkeitsluecke geht es viel um Täter und Opfer. Allerdings lenkt sie auf den Blick auf die Heime und andere staatliche Fürsorgeeinrichtungen, in denen sexueller Mißbrauch jahrelang eine tabuisierte Praxis war. Hier könnte eine interessante Diskussion anfragen, ob nicht unterschieden werden muss, zwischen einer autoritären Einrichtung wie einem Heim oder einer Fürsorgeanstalt, wo in den Firniss der christlichen Moral sexueller Mißbrauch stattgefunden hat und den Versuchen, von Jugendliche, Sozialpädag_innen und vielen anderen Menschen, sich genau dagegen zu Wehr zu setzen.

Peter Nowak

Lesetipp:

Ulrike Heider, Vögeln ist schön:

http://www.rotbuch.de/buch/sku/B10440/voegeln-ist-schoen.html

Hier eine Rezension dazu:

http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22135

ein wichtiges Zitat daraus:

Heider beschreibt und verteidigt den sexuellen Aufbruch der Jahre 1967 und 1968, an dem sie selbst Teil hatte. Sie verteidigt diesen Aufbruch vor allem gegen ein vom Feuilleton bis zur Historiografie betriebenes „68er-Bashing“ und räumt dabei mit einigen Mythen auf. Damit stellt Heiders Buch die einzige – noch dazu weibliche – Stimme dar, die das, was als sexuelle Revolution benannt wird, als einen gelungenen Beginn einer Befreiung aus repressiven Gesellschaftsstrukturen beschreibt. „Prügelpädagogik“, Sexualfeindlichkeit und schuldvoll erlebter schlechter Sex, aber auch Demokratiefeindlichkeit und eine harsche Geschlechterordnung kennzeichneten die Adenauer-Ära, in der die Autorin – Jahrgang 1947 – selber aufwuchs und auf die sie „mit einem zornigen Blick“ zurückschaut. Noch einmal lässt sie die Sittenwächter sowie die Sexskandale der 1950er-Jahre Revue passieren, analysiert politische Verordnungen, Mediendiskurse und kulturelle Übergangsformate Anfang der 1960er-Jahre. Dagegen macht Heider den humanistischen Gedanken der wenige Jahre später einsetzenden sexualpolitischen Offensive stark, in dem ein sozial gerechtes und harmonisches Miteinander möglich werden sollte und dies auch in Ansätzen gelang. Sie referiert die „konkrete Utopien“ von Charles Fourier, Wilhelm Reich und Herbert Marcuse einer „friedlichen, harmonischen und lustvollen Welt“ und deren Umsetzung in der rebellierenden Schüler/innenbewegung, der schwulen Subkultur und der undogmatischen Linken der späten 1960er-Jahre.

03:19 06.06.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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