Widerspenstige Internationale am Ostbahnhof

migrationinbewegung In einem Zelt neben dem Berliner Ostbbahnhof wird die Geschichte der aktullen Flüchtlingsbewegung lebendig.
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Wer diese Tage vom Berliner Ostbahnhof Richtung Ostbahnhof geht, wird auf einen Zirkuszelt Transparente mit Parolen gegen Rassismus und für ein „Bleiberecht für Alle“ finden.

Ein Besuch ist auf jeden Fall lohnend. Denn noch bis zum kommenden Samstag hat auf dieser Brache die „Widerspenstige Internationale ihr Zelt aufgeschlagen. Auf vielen Tafeln findet mensch eine gute Darstellung des bundesweiten Flüchtlingswiderstands der vergangenen drei Jahre mit dem Schwerpunkt Berlin. Selbst, wer viele der vorgestellten Aktionen begleitet hat, staunt doch, wie viele Aktionen diese Flüchtlings- und Antirassismusbewegung in einer kurzen Zeit unternommen hat. Am Anfang stand der Suizid eines jungen Geflüchteten in einem bayerischen Heim. Das war die Initialzündung für seine Mitbewohner_innen. „Wir sind Menschen und haben Rechte“, lautete die einfache Losung, die sofort von den Bewohner_innen anderer Heime übernommen wurde. Bald wurden Geflüchtete in Deutschland und im europäischen Ausland unter diesem Motto aktiv. Wir sehen die euphorischen Momente des Anfangs, als die Geflüchteten am Oranienplatz das Refugee-Camp errichteten. Sie fragten nicht um die Erlaubnis der Behörden und wurden von einen Kreis von Antirassist_innen aus Berlin und bald auch bundesweit unterstützt. Wir sehen aber immer wieder auch die Repression der Polizei und rassistische Gewalt. Wir sehen Geflüchtete, die tagelang auf Dächern und Bäumen gegen staatliche Repression protestieren. Wir sehen die Reste von zwei Zelten, die von Geflüchteten und ihren Unterstützer_innen auf dem Oranienplatz errichtet und von Unbekannten niedergebrannt wurden. Erst vor wenigen Tagen wurde die durch den Brand in beschädigte Infobox vom Oranienplatz abtransportiert. Doch der Widerstand kann nicht mehr aus dem Stadtbild verbannt werden, wie auch die von der Rosa Luxemburg-Stiftung organisierte „Widerständige Internationale“ deutlich macht.


„Die letzte Meile laufen wir“

Durch die finanzielle Unterstützung wurde es möglich, die Dokumente des Protestes der Geflüchteten zu reproduzieren und Interessierten zugänglich zu machen. Auf kleinen Zetteln können fehlende Daten eingefügt werden. Dazu gehört eine Unterstützungsinitiative, die im Sommer 2013 auf dem Berliner Heinrichplatz unter dem Motto „Die letzte Meile laufen wir“, die Kreuzberger Bionadebourgeoisie aufrief, selber einen Beitrag zur Unterstützung zu leisten. Regelmäßig um 18 Uhr versammelten sich dort solidarische Menschen, irgendwann waren sie dort nicht mehr zu sehen. Auf der Ausstellung können auch kurze Videos angesehen werden, die wichtige Momente der kurzen Migrant_innenbewegung dokumentieren. Dazu gehört auch der Besuch der US-Kommunistin Angela Davis, die mit Geflüchteten durch Kreuzberg geht und auf die historische Bedeutung von Kämpfen hinweist. Manchmal scheinen die Spuren von langanhaltenden politischen Auseinandersetzungen für einige Zeit verschwunden und auch manche der Aktivist_innen fragen sich, hat dafür der ganze Aufwand gelohnt. Doch Jahre später erinnern sich neue Generationen an diese Kämpfe, greifen sie wieder auf, verwenden ihre Symbole und setzen im besten Falle neue hinzu. Sie verherrlichen diese Kämpfe dann nicht, sondern laufen einfach einige Meilen weiter und es werden nicht die letzten gewesen sein. Doch ein solches Aufgreifen ist einfacher, wenn es organisierte Linke gibt, die mit dazu beitragen, die Erfahrungen der Kämpfe aufzubewahren. Diese Aufgabe erfüllt die „Widerspenstige Internationale“ nicht nur mit der Ausstellung sondern auch mit dem Rahmenprogramm, das jeden Abend in dem Zelt stattfindet. So diskutierten am vergangenen Dienstag Christian Jakob, Sebastian Muy und Newroz Duman über die in zweiter überarbeiteter Auflage von der Rosa Luxemburg Stiftung herausgegebene Broschüre „Refugees Welcome? Mythen und Fakten zur Migrationspolitik“.

Lob der Fluchthelfer_innen

Dazu gehört beispielsweise die Rede von den „kriminellen Schleppern und Schleuser“. Erst vor wenigen Tagen hat in Berlin ein Prozess „gegen einen mutmaßlichen Schleuser syrischer Flüchtlinge“ begonnen, der so die Diktion, der auch in linken Medien nachgedruckten Pressemitteilung „Mitglied einer international agierenden Bande an 50 Taten beteiligt“ gewesen sei. Dabei handelt es sich um Flüchthelfer_innen, die vielleicht 50 Mal dafür gesorgt haben, dass Menschen sich vor Elend, Not und Verfolgung retten konnten. Auf der Diskussionsveranstaltung am Dienstag berichtete Newroz Duman, dass sie nur mit Hilfe dieser Fluchthelfer_innen nach Europa kommen konnte. Heute unterstützt sie auf vielfältige Weise Geflüchtete, die es noch nicht geschafft haben, unter Anderem mit der Initiative Welcome2Euroope. Alle Diskussionsteilnehmerinnen und das Publikum waren sich einig, dass es hoffentlich noch viele Flüchthelfer_innen gibt, solange die EU keine sicheren Fluchtwege nach Europa zulässt. Heute Abend wird übrigens über Migration und gewerkschaftliche Organisierung diskutiert.

Diskussion / Vortrag
Mit Shendi Vali (Berlin Migrant Strikers), Rafal Aragües Aliaga (GAS, Spanische Basisgewerkschaft in Berlin), Romin Khan (Referent für Migration bei ver.di); Moderation: Sabine Reiner (Vorstand Rosa-Luxemburg-Stiftung)
Mittwoch, 22.07.2015 | 19:00 Uhr

Zelt Kommune 8, Berlin
Am Postbahnhof

HIer gibt es das Programm:

http://www.rosalux.de/kultur-medien/specials/widerspenstige-internationale.html

Link zur Brosschüre "Mythen und Fakten zur Migrations- und Flüchtlingspolitk von Christian Jakob:

http://www.rosalux.de/publication/40329/fluechtlinge-willkommen-refugees-welcome.html

HIer gibt es den Text im Internet:

lux_argu_8_Fluechtlinge_dt_04-15.pdf

Peter Nowak

15:50 22.07.2015
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