Widerstand gegen Gentrifizierung in Istanbul

Imre Azem Der türkische Aktivist und Regisseur sprach in Berlin über den aktuellen Zustand der MieterInnenbewegung in Istanbul
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Noch am späten Abend war vor wenigen Tagen der Andrang groß vor dem vor dem Studio R des Gorki-Theaters (http://www.gorki.de/spielplan/2016-02/ekuemenopolis-city-without-limits/1985/). Und das bei einem immanent politischen Thema. Viele jüngere Menschen mit türkischem Migrationshintergrund hatten sich eingefunden.

Sie wollten sich über den aktuellen Zustand der MieterInnenbewegung in Istanbul informieren. Mit Imre Azem wurde ein kompetenter Gesprächspartner eingeladen. Er ist Mitglied des People Urban Movement in Istanbul, die in den letzten Jahren bekannt Widerstand gegen die Gentrifizierungswelle zu organisieren versuchte, die in den letzten Jahren unter der AKP-Regierung große Ausmaße angenommen hat. Imre Azem ist im Ausland als Regisseur des Films „Ekumenopolis – City without Limits“ bekannt geworden, der auch im Studio R gezeigt wurde. Dort wird sehr eindringlich dokumentiert, wie in vielen Stadtteilen in Istanbul die einkommensschwache Bevölkerung vertrieben wird und Platz für die Lofts des neuen islamischen Mittelstands machen muss. Bereits im November 2013 war Imre Azem mit seinen Film im Rahmen der von der Berliner Mietergemeinschaft (http://www.bmgev.de/politik/wohnen-in-der-krise.html) organisierten Veranstaltungsreihe „Wohnen in der Krise“ in Berlin. Bereits damals war Azem wenig optimistisch, wenn er nach den Perspektiven des MieterInnenwiderstands in Istanbul gefragt wurde. Über 2 Jahre hat sich daran wenig geändert. l Gleich nach dem Ende des Films ging Azem auf die aktuelle Lage der MieterInnenproteste in Istanbul ein. „Die Niederlage der Geziparkproteste und der erneute Wahlsieg der AKP-Regierung habe viele Menschen entmutigt.“ Viele seiner Freunde hätten sich ins Privatleben zurück gezogen. Manche hätten auch das Land in Richtung Europa verlassen, berichtet Azem.

In erster Linie Aktivist

Für ihn käme dieser Schritt nicht in Frage, betont er. Azem stellte auf Nachfrage im Gespräch klar, dass er sich in erster Linie als Aktivist und nicht als Künstler sieht. „Ich habe den Film gedreht, weil es mir das beste Mittel erscheint, den Widerstand gegen die Gentrifizierung in Istanbul bekannt zu machen.“ Das nächste Mal könne es sein, dass er ein Buch schreibt. Das wer weitermachen wird, ist für ihn klar. Denn trotz der aktuellen Flaute, gibt sich Azem überzeugt, dass es neue Proteste geben wird. Schließlich würde die Verarmung großer Teile der Bevölkerung wachsen, während die Neureichen ihren Wohlstand herausstellen. „Die Bewegung hat sich zurück gezogen, ist aber nicht besiegt“, fasst Azem die aktuelle Situation in der Türkei zusammen. „Die Angst vor staatlicher Repression ist immer präsent“, erklärt er. Dabei bewerte die AKP-Regierung den Umbau von Istanbul zur Global City als ein zentrales Projekt. Zahlreiche Gesetze sorgen dafür, dass die Maßnahmen mit autoritären Maßnahmen umgesetzt werden. „Die MieterInnen haben keine Möglichkeit, gegen diese Entscheidungen Widerspruch einzulegen. Mittlerweile wurde ein Gesetz erlassen, das ihnen mit Bestrafung und Verhaftung droht, wenn sie versuchen, die Räumung zu verhindern, “ beschreibt er die aktuelle Situation. Dadurch ist es der Regierung gelungen, einige ihrer Großprojekte, die vor zwei Jahren noch äußerst umstritten waren, durchzusetzen. Als ein zentrales Problem sieht Azem die Schwäche der türkischen ArbeiterInnengewerkschaft. Das sei ein Erbe des letzten Militärputsches von 1980. Danach wurden sämtliche Gewerkschaften und ArbeiterInnenorganisationen zerschlagen und ihre Mitglieder ins Gefängnis gesteckt. Davon habe dich die ArbeiterInnenbewegung bis heute nicht erhofft.

Einen wesentlich optimistischeren Akzent brachte der Filmregisseur Matthias Coers (http://mietrebellen.de/ ) in die Diskussion. Er zeigte einige Videos über aktuelle MieterInnenkämpfe in Berlin. Am Schluss beamte er noch die aktuelle Ausgabe der Publikation der Berliner Mietergemeinschaft Mieterecho (http://www.bmgev.de/mieterecho/mieterecho-online.html) auf die Leinwand als Beispiel einer Publikation der MieterInnen.

Peter Nowak

15:08 25.02.2016
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