Wie dünn der zivilisitorische Firnis ist

Über Leben in Demmin Es ist einer der besten Filme zu Neonazismus aktuell. Am 8.Mai wollen die Neonazis in Demmin erneut aufmarschieren. Auch die Gegenaktionen haben begonnen.
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Am Ende des Films rufen Antifaschist*innen den Neonazis die Parole zu: «Ihr habt den Krieg verloren.» Der Spruch wird auf vielen Antifademos gerufen. Doch in der mecklenburgischen Kleinstadt Demmin hat er eine besondere Bedeutung. Dort haben sich im Mai 1945 nach der Niederlage Nazideutschlands über 600 Menschen das Leben genommen. Sie haben sich erhängt oder sind mit Steinen in den Manteltaschen ins Wasser gegangen. Familien haben erst ihre Kinder und dann sich selber erschossen. Ein Film über diese Ereignisse kann schnell in Kitsch und deutschen Opfermythos enden. Doch der im Allgäu geborene Regisseur Martin Farkas hat es mit seinem Film "Über Leben in Demmin" geschafft, die Stimmung in einer Kleinstadt in Ostdeutschland in der Gegenwart einzufangen.

Niemand im Film außer den Nazis spricht vom "Überfall der Russen"


Farkas spricht mit Menschen aller Generationen über die Ereignisse vor 73 Jahren und ist immer schnell in der Gegenwart. Ältere Menschen, die das Kriegsende noch erlebt haben, reden über die Gründe, warum gerade in Demmin die Selbstmordrate nach dem Ende der Naziherrschaft so hoch war. Dabei überwiegen sehr differenzierte Sichtweisen. Mehrere Senior*innen erwähnen, dass Soldaten der Roten Armee Menschen gerettet haben, die sich die Pulsadern aufgeschnitten hatten. Zeitzeug*innen erinnern daran, dass die SS alle Brücken gesprengt hatte und die Rote Armee, die Demmin eigentlich auf dem Weg zur Ostsee durchqueren wollte, dadurch in der Stadt festsaß. Niemand im Dorf außer den Rechten spricht vom "Überfall der Russen" auf ein Dorf in Mecklenburg 1945. Das blieb der Freitag-Autorin Marlen Hobrack in der Literatur-Beilage 15/2019) vorbehalten. Dort besprach (https://www.freitag.de/autoren/marlen-hobrack/leer-leer-meer/@@view#1556174018621141 ) sie den Kriminalroman "Der stumme Bruder" von Claudia Rinkl, in dem es um Neonazis und einen Mordfall in einen Dorf in Mecklenburg Vorpommern geht, das an Demmin erinnert. "Kurz vor Kriegsende gingen hier 27 Mädchen und Frauen ins Wasser", schreibt Holbrack. Sie raunt über die "Aufarbeitung des Erbes der Diktaturen" und man ahnt was kommen wird: "....Magda, die als Mädchen den Überfall der Russen aufs Dorf überlebte...". Die Russen, die 1945 Dörfer in Deutschland überfallen haben, das ist der rechte Sprech, dessen sich im Film nur die Rechten bedienen. Frage an Marlen Hobrack: Haben die Russen am 27.Januar 1945 Auschwitz überfallen auf dem Weg nach Deutschland? Welche Historiker*in mit dem Schwerpunkt Aufarbeitung der Diktaturen arbeitet an dieser Frage? (Ende des Einschubs).

Nach intensivem Nachfragen räumt eine Frau ein, dass viele Nazifunktionär*innen in der Stadt lebten, die Angst hatten, die Sieger würden sich für den Terror rächen, der von Deutschland ausgegangen war. Immer wieder sieht man Szenen von dem Neonaziaufmarsch in Demmin, mit dem Rechte aus ganz Deutschland jedes Jahr am 8.Mai die Selbstmorde für ihre Propaganda instrumentalisieren. Die Redner*innen hetzen dann gegen «die russischen Horden» und betrauern die Kapitulation.
Farkas zeigt Menschen, die im privaten Gespräch, aber auch mit Protestaktionen gegen die Neonazis, klar Position beziehen. Doch er dokumentiert auch wie zwei Jugendliche, die betonen, sie seien neutral, dann doch bei den Rechten mitlaufen. Eine Anwohnerin, die das Geschehen vom Balkon aus beobachtet, beschimpft die Nazigegner*innen. Ein junges Paar mit Kind ergeht sich gar in Vernichtungsphantasien gegen die Linken, gegen die man ein Maschinengewehr einsetzen müsse. Auch der junge Bäcker und Extremsportler, der auf dem Cover der DVD abgebildet ist, betont seine Neutralität. «Beruf und Familie gehen vor.» Ein kritisches Wort zu den Rechten kann Farkas ihm nicht entlocken.
Ein junger Handwerker findet es grundsätzlich gut, dass der Toten von 1945 gedacht wird. Auf der Demonstration mitlaufen will er nur deshalb nicht, weil er dann in der Kleinstadt Probleme mit der Arbeit bekommen würde. So wird deutlich, wie dünn der zivilisatorische Firnis ist, der momentan manche noch abhält, bei den Rechten mitzulaufen.
Bei den Zuschauern stellt sich schnell die Frage, wie viele von ihnen ihre Scheu aufgeben würden, wenn es bei ihnen Aufmärsche wie Pegida geben würde und sie das Gefühl hätten, Teil einer imaginierten Volksgemeinschaft zu sein. Sie stören sich nicht an den Parolen der Rechten, nur an deren Marginalität. Das liegt vor allem daran, dass sich der Kreis der Aufrufer*innen in Demmin aus dem Neonazimilieu zusammensetzt, das gar kein Interesse hat, sich als besorgte Bürger zu tarnen.
«Ich hatte immer das Gefühl, dass dieser rechte Rand von irgendwoher gefüttert wurde. In unserer Mitte musste es eine Tendenz geben, die ihn am Leben hält», schlägt Farkas in einem Interview, das der DVD beigelegt ist, den Bogen zur aktuellen Rechtsentwicklung. So ist der Film trotz aller Demminer Besonderheiten auch ein Seismograph deutscher Zustände in dieser Zeit. Bei der diesjährigen Mobilisierung gegen den Neonaziaufmarsch in Berlin wird auch der Film gezeigt.

Der Film ist auf DVD erhältlich und seit dem 24.September im Fachhandel sowie online verfügbar: video@salzgeber.de und: https://www.demmin-film.de

Hier einige Infos zu den Vorbereitungen gegen die diesjährige Neonzidemo in Demmin:

http://demminnazifrei.blogsport.de/2019/03/26/der-8-mai-rueckt-naeher-ein-blick-zurueck/

01:18 24.04.2019
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