Niemals mit dem Staat der Globkes und Gehlens

Wir liebten nicht alle Dieses Stück ist heute um 18 Uhr noch einmal im Berliner Theaterdiscounter zu sehen. Es widmet sich der Geschichte der kommunistischen Familie Wolf. Leider wird es am Ende zu stromlinienförmig, bleibt aber doch zu empfehlen.

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Familie Brasch war ein vielbeachteter Film, der die Geschichte erzählt von Menschen, die aus einer bürgerlichen Familie kommend, den Weg zur kommunistischen Bewegung finden, teilweise in der DDR-Nomenklatura ankommen oder in Opposition dazu stehen. Der Film schaffte es, sicher auch dank Marion Brasch, diese Geschichte ohne jeden antikommunistischen Furore darzustellen. Da liegt die Messlatte hoch, wenn ein Theaterstück „die Geschichte der Jahrhundertfamilie Wolf“ in knapp 90 Minuten auf die Bühne zu bringen. Der Theaterdiscounter, in dem das Stück gegeben wird, liegt, obwohl wenige Minuten vom Alexanderplatz entfernt, im toten Winkel in der Klosterstraße. Die Großbaustelle drumherum kündigt an, dass auch dieses Stückchen vom Immobilienkapital platt gewalzt wird. Doch gibt es dort Räume für Kunst und Kultur, die solche Theaterstücke möglich machen. Eine Art Kunstrasen ist die Bühne, die abgetrennt wird von einer Holzabsperrung, die sich im Laufe des Stücks in eine Drehtür und dann auch mal in eine Mauer wandelt. Davor agieren die drei Schauspielerinnen Lisa Heinrici, Mariann Yar und Katharina Merschel, die im Laufe des Stücks die gesamte Familie Wolf spielen. Das Stück beginnt 1921 in Worpswede, wo der Arzt Friedrich Wolf kurzzeitig in einer Landkommune lebte. Später praktizierte der Kommunist als Arzt und behandelte vor allem die Armen und die Arbeiter*innen. Wegen seinen entschiedenen Engagements für die die Legalisierung der Abtreibung wurde er 1931 kurzzeitig inhaftiert und dadurch landweites bekannt. Auf der Bühne erleben wir allerdings, wie in der Zeit, als Friedrich Wolf auf allen möglichen Bühnen und Tribünen stand, sich seine Frau Else die beiden gemeinsamen Söhne Konrad und Markus kümmern muss. Ersterer wurde ein bekannter Filmregisseur und schuf mit „Ich war 19“ den wohl besten Film über die Zerschlagung der Naziherrschaft. Dabei stand der Regisseur selber im Mittelpunkt, der als junger Sowjetbürger und Kämpfer in der Roten Armee die Welt vom NS-Deutschland und auch den NS-Deutschen befreite. Um seinen Bruder Markus Wolf wurde später als Chef der DDR-Auslandsaufklärung, ein Mythos gesponnen, auch, weil er sehr fotoscheu war. Wir erleben im Theaterstück die Geschichte der Wolfs im Zeitraffer. Dabei stehen immer wieder die Frauen im Mittelpunkt, die auch in der kommunistischen Geschichtsschreibung oft nur als Fußnote eines bekannten Mannes auftauchen. Dabei werden sowohl bei Friedrich als auch bei Markus Wolf seine vielen Frauenbeziehungen immer wieder erwähnt, vielleicht etwas zu oft. Warum sollte Kommunist*innen das christliche Gelübde „Du sollst nicht ehebrechen“ einhalten? Schließlich hat die kommunistische Feministi Alexandra Kollontai, ein führendes Mitglied der Bolschewiki, gegen bürgerliche Vorstellungen von Ehe und Familie gekämpft und einiges davon in der Gesetzgebung der frühen Sowjetunion verankert.

Ästhetik des Widerstands

Sehr berührend wird im Theater darstellt, wie den Kommunist*innen in den 1930er Jahren Gefahr nicht nur von den Nazis, die Wolf schon in 1930 als „Vertreter des jüdischen Bolschewismus“ diffamierten, sondern auch von der stalinistischen Konterrevolution drohte. Wir erleben mit, wie in der Sowjetunion ganze Verschwörergruppen konstruiert wurden. Repression, Gefangenenschaft, Tod waren die Folge. Davon blieben auch die Wolfs nicht verschont, Wie viele hoffte Friedrich Wolf von der spanischen Revolution eine neue Inspiration für die kommunistische Weltbewegung. Friedrich Wolf kam gar nicht erst nach Spanien, weil er in Frankreich nicht über die Grenze gelassen wurde Er wurde interniert und lebte unter erbärmlichen Bedingungen. Doch er blieb Kommunist und kehre in die Sowjetunion zurück, obwohl ihm und seinen Genoss*innen dort auch von den „Eigenen“ Gefahr drohte. Hier wird der Theaterabend eine Art „Ästhetik de Widerstand“. Der berühmte Roman von Peter Weiss zeigt auch den Kampf verschiedener Antifaschist*innen vor den Hintergrund des aufstrebenden Faschismus Anfang de 1930 Jahre. Auch sie setzten große Hoffnung auf die spanische Revolution und auch sie wurden immer unsicherer über die Nachrichten aus der Sowjetunion, wo auf einmal bekannte Kommunist*innen zu Agenten erklärt werden. Besonders der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt stellt die Dialektik der Genoss*innen gehörig auf die Probe. Für manchen ist es ein Grund, sich von der Linken zu verabschieden. Nicht aber für die Familie Wolf, die in dem Pakt eine Pause bis zum Krieg gegen die Sowjetunion sah. Nach dem Angriff NS-Deutschlands auf die Sowjetunion war das Feindbild wieder klar.

Die Wolfs als linientreue Dissident*innen?

Bald sehen wir die Wolfs in verschiedenen Postionen beim Wiederaufbau der DDR. Friedrich Wolf starb bereits im Oktober 1953, wenige Monate nach den Aufstand vom 17. Juni, der auch bei den Wolfs für Zweifel an der Weisheit der Partei führte. Im Theater sehen wir auf einer Leinwand den Rauch des ND-Gebäudes, das von den Aufständischen angesteckt wurden. Wurden in diesen Tagen kommunistische Juden als Systemvertreter oder als Juden angegriffen? Diese Frage stellen sich die Wolfs in dem Stück und sie fragten auch nach Alternativen. Für sie war klar, dass sie niemals in das Deutschland der Globkes und Gehlens gehen würden. Da waren sie sich ein mit vielen anderen jüdischen Kommunist*innen, die wie die Wolfs nicht selten an der Linie der Partei verzweifelten, aber eine Option für der NS-Nachfolgestaat niemals die Alternative gewesen wäre. Im Christoph Links-Verlag kam kürzlich in deutscher Übersetzung das Buch „Loyal um jeden Preis - „linientreue Dissidenten“ heraus, in der die französische Historikerin Sonia Combe über diese „DDR-Intellektuellen zwischen Hoffnung und Verzweiflung“ schreibt. Genau so zeigt das Theaterstück auch die Wolfs, wenn sie sich beispielsweise weigern eine von der SED-Führung lancierte Erklärung zu unterschreiben, in der am Beginn des Sechstagekrieg 1967 Israel in regressiv-antizionistischer Manier verurteilt wurde. Es ist sehr zu begrüßen, dass in dem Stück auf diese Geschichte eingeht. Allerdings hätte man dann auch nicht kurz erwähnen können, dass die Sowjetunion die Gründung des Staats Israels unterstützte und der damalige Außenminister eine sehr klare Solidaritätserklärung in der UN abgab. Erst als sich Israel dem Westblock zuwandte, begann die Jagd auf jüdische Kommunistinnen im Ostblock. Wenn zudem im Stückder Eindruck erzeugt wird, dass in der DDR Juden nur als Alibi dienten, dann wird eben die im Buch von Combe benannte selbstbestimmter Entscheidung vieler linker Juden für die DDR trotz alledem unterschlagen. Viele waren vorher Gegner*innen des Kommunismus wie Viktor Klemperer, die aber erkannten, dass die neue DDR-Nomenklatura den Antifaschismus als Geschenk für eine Bevölkerung mitbrachte, die mehrheitlich wie im NS zu den willigen Vollstreckern gehörte. Man hörte eben zwischen 1933 – 1945 nicht den Ruf nach freien Wahlen von diesen Deutschen. Doch als die Kommunisten dort einen Staat machen wollten, ging dieses Volk auf die Straße. Leider ist im Theaterstück wenig von diesen Dilemma vor denen diese linientreuen Dissidenten in der DDR standen, zu spüren. Vor allem im letzten Drittel des Stücks wirkt es dann wie eine Anklage gegen Markus Wolf, der doch tatsächlich einen Geheimdienst aufbaute, den Staat der Gehlens und Globkes recht erfolgreich Paroli bot. Dass Wolf sogar schon Mitte der 1980er Jahre nicht mehr linientreu war und klare Kritik an dem SED-Staat anbrachte, wurde ihm dann als Opportunismus ausgelegt, obwohl zu dieser Zeit viele noch davon ausgingen, dass die DDR nicht so soll verschwindet. Selbstsamt auch, dass es Markus Wolf sogar als Taktik vorgeworfen wird, dass er Mitte der 1980er Jahren seine jüdischen Wurzeln wieder entdeckt hatte. Dabei hat Wolf in einem Interview mit der Jüdischen Rundschau, das auf der Onlineplattform für Jüdisches Leben gelesen werden kann, dazu Stellung genommen. Zudem hatten sich in dieser Zeit viele linken Juden nach den Enttäuschungen über den real nicht existierenden Sozialismus sich wieder auf das jüdische Erbe bezogen. Dazu gehört auch Anetta Kahane, die bekanntlich auch aus einer dieser Familie von linientreuen Dissident*innen in der DDR kommt, Anfang der 1980er Jahre mit der SED gebrochen und sich auf ihre jüdischen Wurzeln besonnen hat. Heute ist sie als Leiterin der Antonio-Amadeus-Stiftung eine wichtige Stimme gegen Antisemitismus und Neonazis, aber gleichzeitig eine linksliberale Instanz, die jede grundsätzliche Opposition an Staat, Kapital und Nation in ihrer heutigen Verfassung ablehnt.

Rache des Staats der Globkes und Gehlens

So ist es auch nur konsequent, dass es bei dem Theaterabend mit keinen Wort erwähnt wird, dass der Staat der Globkes und Gehlens Markus Wolf bis zum Lebensende verfolgte. Als er sein Buch „Die Troika“, das eine klare Abrechnung mit dem SED-Staat ist, in der BRD vorstellen wollte, erließ der damalige Generalbundesanwalt Kurt Rebmann (ein ehemaliges NSDAP-Mitglied) Haftbefehl gegen des Vorwurfs der geheimdienstlichen Agententätigkeit. Als Rebmann und Co. auch wieder Zugriff auf das DDR-Gebiet hatten, musste er und seine Familie erneut fliehen. Die Zuflucht in der Sowjetunion war auch nur von kurzer Dauer, denn auch dort brach das nominalsozialistische System zusammen. Bei Grenzübertritt nach Deutschland wurde Wolf sofort festgenommen. 1993 begann der Prozess gegen ihn wegen Landesverrat. In der ersten Instanz wurde er zu einer sechsjährigen Haftstrafe verurteilt. Das Urteil wurde nie rechtswirksam, weil das Bundesverfassungsgericht zwei Jahre später urteilte, dass Mitarbeiter des DDR-Geheimdienstes nicht für die Tätigkeit verurteilt werden dürfen. Schließlich machten sie nichts anders, als alle, die meinen, einen Staat machen zu müssen. Doch die Verfolgungen für Wolf hörten nicht auf. Dazu gehörte auch, dass ihm 1998 die Ausstellung eines Visa für eine US-Reise zum Besuch seines Halbbruders mit der Begründung verweigert wurde, er wäre ein unverbesserlicher Kommunist und zudem in terroristische Aktivitäten verwickelt gewesen. 1997 stand Wolf vor der BRD-Justiz erneut vor Gericht wegen seiner Aktivitäten in der DDR. Im gleichen Jahr wurde er von einem Gericht in Beugehaft genommen, weil er sich weigerte im Spionageprozess gegen einen SPD-Politiker auszusagen. Die alten Mächte hatten dem kommunistischen Juden nie verziehen, dass er einen Gegenapparat aufbaute, der sicher wenig mit kommunistischer Emanzipation zu tun hatte, wie der SED-Sozialismus insgesamt. Aber ihm und der DDR bleibt das Verdienst mit dafür gesorgt zu haben, dass zumindest 40 Jahre in Deutschland nicht zusammen kam was zusammengehörte. Der Titel kann auch als ein großes Lob für die Wolfs gelten: Menschen, sollte man generell nicht lieben, wenn sie sich zum Volk zusammenrotten und schon gar nicht in Deutschland.

Peter Nowak

Wir liebten nicht alle, die Geschichte der Jahrhundertfamilie Wolf, Lisa Heinrici, Mariann Yar, Katharina Merschel,

Das Stück wird heute um 18 Uhr Theaterdiscounter, Klosterstraße 44 gegeben, im nächsten Jahr soll es Aufführungen u.a. in Frankfurt/Mian geben:

https://td.berlin/stuecke/wir-liebten-nicht-alle

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