Zwischen Selbstentblößung + Selbstvermarktung

Privacy Die Performance im Hebbel am Ufer zegt die unterschieflichen Facetten auf, die heute die Veröffentlichung intimster Daten hat.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Eine schwachbeleuchtete Kabine steht auf der Bühne. Der dünne Vorhang lässt mehr erahnen als erkennen, dass zwei Leute im Bett liegen. Doch bald wird es heller und die Szenerie ist auf der Bühne gut zu erkennen. Privacy lautet der Titel der knapp 80minütigen Performance im Hebbel im Ufer (HAU1), bei der die beiden Künstlerkollektive De Warme Winkel & Wunderbaum kooperiert haben. Doch eigentlich geht es darum, dass das Private heute immer mehr öffentlich ist.

Der erste Teil ist eine kurze Reise durch die Kunstgeschichte der werbewirksamen Selbstentblößung. Eine Zizek-Imitatorin ist zu sehen und zu hören. Besonders lustig ist die Parodie auf John Lennon und Yoko Ono, die es mit der Selbstentblößung zum Zwecke der Selbstvermarktung zu große Profession brachten. Deren Parole „Wir bleiben im Bett und retten die Welt“ war natürlich in einer Zeit völlig systemkonform, in der an vielen Schauplätzen heftige politische und soziale Kämpfe entbrannt waren. Sich aus diesen Kämpfen der Zeit raushalten und um den eigenen Nabel, beziehungsweise den eigenen Penis und eigene Vulva war die Devise, die sich langsam in Teilen der sogenannten alternativen Kreise durchsetzen. In Deutschland hat es Rainer Langhans mit seinem Bekenntnis, ihn interessiere der Vietnamkrieg herzlich wenig, wenn er Orgasmusprobleme habe zu einer Größte in der Esoterikszene gebracht. Doch die Parodien machten leider nur einen kleinen Teil der Performance aus.

So, wie viele Menschen im Internet freiwillig alles von sich Preiß geben und ihre intimsten Betätigungen weltweit zur Schau anbieten, präsentiert sich das Duo Ward Weemhoff und Wine Dierickx nackt auf der Bühne und führt eine lange Debatte über die Frage, wer von beiden schuld an ihrer Kinderlosgikeit ist. Unvermittelt palavern sie über Nahrungsmittelallergien. Das Künstlerpaar sah dann schon aus, so wie seit Jahrhunderten Adam und Eva dargestellt wurden. Doch statt des Apfels halten sie weiße Zettel in den Händen. Manchmal hat die selbstentblößende Konversation doch arge Längen. Am Ende setzten sich die beiden Künstler_innen an den Bühnenrand und sprechen direkt zum Publikum. Dann wird es dunkel und die Performance ist beendet. Die schauspielerischen Leistungen von Weemhoff und Dierickx retten das Stück. Dabei kann man darüber hinwegsehen, dass der Text manchmal etwas ausschweifend ist und die humoresken Elemente des ersten Teils nicht die gesamten 80 Minuten durchgehalten werden.

Nicht nur ein repressiver Akt

Allerdings werden die unterschiedlichen Ebenen deutlich, die das Thema Intimität und Öffentlichkeit gerade heute hat. Kürzlich hat ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts die aktuellen Überwachungsgesetze an einigen Punkten gerügt. Dazu gehört auch der Umgang mit den intimsten Daten aus den Bettstellen der Überwachten. Nun sollen Datenschützer_innen vorher diese gesammelten Daten aussondern, bevor sie von den Ermittlungsbehörden verwerten werden können. Das erste Bild vom Bett in der Kabine im Dämmerlicht passt da ganz gut. Doch dass die Entblößung nicht nur ein repressiver Akt ist, sondern heute tagtäglich millionenfach im Internet geschieht, auch darauf weist die Performance hin, die heute abend noch einmal im HAU 1 zu sehen ist.

Peter Nowak

Termine
So 24.04.2016, 17:00 / HAU1

Link zur Reihe Prvacy im HAU:

http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/festivals-und-projekte/2015-2016/schwerpunkt-privacy/

Link zur Performance

http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/spielplan/de-warme-winkel-wunderbaum-privacy/2433/

15:13 24.04.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare