Jeder muss mal

MEIN ALTER Im Grunde bin ich der klassische Wechselwähler. Mal wähle ich die PDS nicht, mal die CDU nicht, mal die SPD nicht. ...

Im Grunde bin ich der klassische Wechselwähler. Mal wähle ich die PDS nicht, mal die CDU nicht, mal die SPD nicht.

Gut, es ist unfair gegenüber den Sozialdemokraten. Man weiß ja, dass die Sozen nur deshalb immer verlieren, weil die Wahlbeteiligung so gering ist. Die 35 bis 40 Prozent der sogenannten Nichtwähler sind alles verhinderte Sozialdemokraten. Ein CDU-Wähler käme nie auf die Idee, nicht die CDU zu wählen, und bei der PDS is' es so, dass sogar die Leute, die nicht für die PDS sind, sie trotzdem wählen.

Nur der SPD-Wähler ist so blöd, dass er nicht zur Wahl geht, wenn er mit seiner Partei unzufrieden ist, und es gibt deshalb auch schon Erwägungen, die Stimmen der Nichtwähler den Sozen anzurechnen, weil sie die Mehrheitsfraktion der Partei darstellen, die lediglich deshalb nicht wählen geht, weil sie von den falschen Leuten geführt wird.

Ein anderer Vorschlag wäre der, dass die NATO aufgefordert wird, alla Kosovo das Menschenrecht auf freie Wahlen wieder herzustellen durch Absetzen solcher Nullnummern wie Gerda, Däubler, Rau und Rudolf Schily, denn es ist natürlich ein Skandal, dass die Mehrheit der SPD nicht mal mehr ihre eigene Partei wählen kann.

Darüber sollte der Jürgen Fischer mal mit seiner Freundin Mady Allbreit frühstücken.

Nu' 's 'türlich immer 'n bisschen viel Aufstand, sein'n Protest auf derart umständliche Weise zu artikulieren: anziehn, Personalausweis nicht vergessen, Wahllokal suchen, rin in 'ne Kabine, raus aus 'er Kabine, Stimmzettel einwerfen, und dann muss ich mir auch noch vorwerfen lassen, ich verhielte mich wie ein Sozialdemokrat, bloß weil ich mich weigere, in immer kürzer werdenden Abständen keiner Partei meine Wählerstimme zu geben.

Jawoll: Die Wahltage rücken immer näher zusammen. Das ist wie mit den Gedenktagen. Rein mathematisch werden wir eines Tages 365 Gedenktage in einem Jahr zu feiern haben: Den Tag des Mauerfalls, Goethes Todestag, das Ende der diversen Weltkriege, den Marsch auf die Feldherrnhalle, den Geburtstag von Günter Grass, aber das tut man ja gerne, auch wenn es typisch deutsch ist.

Woll'n wir wetten, dass wir in zwölf Monaten wieder Bundestagswahl haben? 'n Fuffi? Also gut, 'n Hunni. Ich erklär's dir. Schröder muss gehn wegen Simonis, Scharping wird Kanzler, und die Wahlen im nächsten Herbst machen sie, um sich die Wende absegnen zu lassen.

Natürlich machen die 'ne große Koalition! Hastenich gesehn im Fernsehen jetze Oskar Lafontaine und die drei Maskottchen der Gerontokratie im Hintergrund, also BahrGeiß lerGlotz? Wie die sich einen abgewichst haben auf die soziale Gerechtigkeit, die die zwei großen Volksparteien miteinander verbindet? Soziale Gerechtigkeit, wenn ich so was schon höre und dann noch von einem CDUler, der in der SPD sein könnte und umgekehrt.

Wennse ehrlich wären, würden sie fusionieren und die PDS gleich mit. Was ist das überhaupt: soziale Gerechtigkeit? Ich kann das Wort nicht mehr hören. Das klingt wie Stiefmütterchen oder Vergissmeinnicht oder falscher Hase, Verkehrsstau. Da ist mir der Schröder noch lieber, der weiß wenigstens was er ist: Informeller Mitarbeiter der DAP (Deutsche Auto-Partei).

Aber jetzt, bei der letzten Kommunalwahl, ist mir was Peinliches passiert. "Diesmal gehste nicht extra wieder ins Wahllokal", sagte ich mir, "diesmal lässte dir die Briefwahlunterlagen kommen und dann machste Briefwahl und dann schicksten entweder nicht ab, den Briefwahlschein, oder du machst ihn ungültig oder du kreuzt keine Partei an, wie üblich, und wennse dann deinen Wahlscheinbrief aufmachen, dann fragen sie sich: ›Ist das jetzt wieder so ein enttäuschter Sozialdemokrat oder nur ein debiler Opa aus'm Seniorenstift in Meschenich?‹ Und dann lachst du dir eins ins Fäustchen und rufst leise: ›Es lebe die schwarze Fahne der Anarchie!‹"

Gesagt, getan, ich füll die Postkarte aus, kleb 'ne Mark drauf und leg sie neben die Garderobe. Was passiert? Nachmittags kommt deine Enkeltochter mich besuchen, um mir den Köter zu zeigen, den sie zum Geburtstag gekriegt hat, und der Köter macht ein Häufchen direkt auf die Wahlbenachrichtigung. Sogar die Briefmarke war kontaminiert.

Im ersten Moment hab ich überlegt, das wegzuwischen und die verschmierte Karte abzuschicken, aber das war mir dann doch zu unappetitlich. Ein bisschen sollte man schon die Contenance bewahren, auch wenn das politische System, das man bekämpft, beschissen ist.

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